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Als Anbieter für arabische oder armenische Lebensmittel hat Gagig Kokeyan in Demmin eine Nische gefunden. Er ist nicht der einzige Gründer, der in den vergangenen Wochen und Monaten die Hansestadt für sich entdeckt hat. Pablo Himmelspach
Neueröffnungen

Gibt es in Demmin einen Unternehmer-Boom?

Nachdem jahrelang von zunehmendem Leerstand die Rede war, haben zuletzt vermehrt Läden und Ateliers in der Demminer Innenstadt eröffnet. Was lockt Unternehmer?
Demmin

Ein Lebensmittelgeschäft, ein Fotostudio, eine Boutique mit Selbstgeschneidertem und ein Nähatelier – in den vergangenen Wochen und Monaten war in der Demminer Innenstadt eine auffällige Häufung von Neueröffnungen zu beobachten. Eine weitere, die eines Tattoostudios in der Hauptbummelmeile, steht noch in Aussicht. „Für Demmin ist das schon viel“, findet auch Bürgermeister Thomas Witkowski. Die Zahl der Neuansiedlungen von Kleinstunternehmen verwundert insbesondere auch in Hinblick auf die weiter andauernde Corona-Krise. Hat die entgegen der Erwartungen etwa zu einem allgemeinen Gründungs-Boom geführt?

Die Wirtschaftsförderung des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte kann das nicht bestätigen, Demmin scheint in der Region die glückliche Ausnahme zu bilden. „Wir stellen zurzeit keinen Gründungstrend fest, genau so wenig wie einen Schließungs- oder Aufgabetrend“, erklärt die Referentin für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit Anya Schlie. Auf Kreisebene ist eine merkliche Zunahme an Start-ups demnach nicht spürbar. Auffällig sei allerdings, dass vermehrt Fortgezogene in die Heimatregion zurückkehrten. „Sie haben dann natürlich Bedarf, sich einen Job zu suchen oder einen zu schaffen“, so Anya Schlie.

Verschiedene Gründe für Ansiedlung in Demmin

Die kürzlichen Neugründungen in Demmin lassen sich darauf jedoch nicht zurückführen. Die Unternehmer sind keine Rückkehrer, aber fort wollten sie eben auch nicht. Ihre Gründe, Demmin als Standort zu wählen, sind vielfältig. Der Inhaber des neuen Lebensmittelladens Gagig Kokeyan etwa fand in der 10.000-Einwohner-Stadt eine Nische. Er wollte anbieten, wofür man zuvor bis nach Greifswald oder Stralsund hatte fahren müssen. Die Schneiderin und Nählehrerin Anette Leipold reizte die Nähe zum Land bei gleichzeitigem Zugang zu einer vielseitigen Projektlandschaft. Letztlich waren es auch die im Vergleich zu Greifswald niedrigen Immobilienpreise, die sie überzeugten.

Auch die Fotografin Claudia Plamann entdeckte in Demmin passende Räumlichkeiten für ihr Studio, in Reichweite zu ihrem Zuhause und doch davon getrennt. Geeignete Gewerbeflächen gibt es reichlich, nachdem die Innenstadt in den vergangenen Jahren hauptsächlich von Leerstand geprägt war. Die Ansiedlung neuer oder die Fortführung bestehender Unternehmen gestaltete sich, wie vielerorts, schwierig. Ob es nun wieder bergauf geht, bleibt abzuwarten. Bürgermeister Thomas Witkowski jedoch ist zuversichtlich.

Auch vermehrt Anfragen fürs Gewerbegebiet

Ihm zufolge stellten etwa die Gründerinnen der Boutique „Nähzauber by Susenjule“ eine gestiegene Nachfrage nach regionalen Produkten fest. Für Witkowski ist diese durch die Corona-Pandemie postulierte Hinwendung zu lokalen Anbietern eine Chance. Vielmehr als von einem Zufall möchte er daher von einer „günstigen Zeit“ für Gründungen in der Region sprechen. „Ich stelle das nicht nur im Einzelhandel fest, sondern auch bei den vermehrten Anfragen für das Gewerbegebiet“, so Witkowski. Ob aus ihnen etwas werde, stehe zwar noch nicht fest. „Aber viele Unternehmen, die eigentlich nach Osteuropa gehen würden, machen das bewusst nicht“, so Witkowski. „Auch weil sie aus der Corona-Pandemie gelernt haben, als der Grenzverkehr eingeschränkt war. Für Unternehmer ist so etwas natürlich ein Risikofaktor.“ Stattdessen versuchten sie, möglichst nah an den Osten heranzurücken.

Auch in dem Regierungswechsel, der Bewältigung von Umweltproblemen und einer zunehmenden Konzentration auf den Binnenmarkt sieht Witkowski gute Chance für Demmin mit seiner Anbindung an Wasserwege und die Zugstrecke von der Hauptstadt bis zur Küste. Ob die Hansestadt von alldem tatsächlich langfristig profitieren wird und sich der Neuansiedlungsreigen fortsetzt, darüber kann derzeit aber nur spekuliert werden.

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