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Im Alter fällt das "Wandern" schwerer

Vor zwei Jahren stellte Anja Neubauer in Sarow ihre Studie zur Mobilität auf dem Lande vor. In Kürze will sie ihre Diplomarbeit abschließen. Archiv/Georg Wagner
Vor zwei Jahren stellte Anja Neubauer in Sarow ihre Studie zur Mobilität auf dem Lande vor. In Kürze will sie ihre Diplomarbeit abschließen. Archiv/Georg Wagner
Georg Wagner

Fahrrad, Bus, Auto oder Bahn: Unsere Zeit hält vielfältige Verkehrsmittel parat. Doch mit ihnen wird von den Menschen auch immer mehr Mobilität erwartet. Ein Thema, dem wir uns in dieser Woche besonders widmen wollen.

 Wann immer es in  der öffentlichen Diskussion um Dinge wie Arbeitssuche oder Einkaufsverhalten geht, wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Fremdwort ins Spiel fallen: Mobilität. Die „Beweglichkeit“, so die wörtliche Übersetzung, hat sich längst zu einem der Schlagworte unserer Zeit entwickelt. Und zu einem der von Politik und Wirtschaft für unerlässlich gehaltenen Faktoren in unserer Gesellschaft.

Insbesondere wer auf dem Land lebt, ist fast Tag für Tag auf Ortswechsel angewiesen, sei es beim Einkauf des Lebensnotwendigen, beim Gang zum Arzt, beim Besuch von Verwandten oder Freunden. Mal sind die Wege länger, mal kürzer, doch ohne Transport auf die eine oder andere Weise geht kaum noch etwas. „Mobilität“, sagt denn auch Anja Neubauer, „ist meiner Meinung nach eine Grundvoraussetzung der Daseinsvorsorge.“

Die Studentin weiß, wovon sie redet. Vor rund zwei Jahren begann sie ihre Diplomarbeit zum Thema „Mobilität auf dem Lande“ mit einer Fallstudie in Sarow (der Nordkurier berichtete). Dort schilderten ihr ältere Bürger aus dem Dorf, was sie bewegt in der Frage und wie sie sich bewegen. Mobilität, darin stimmen sie in der mittlerweile auch im Internet abrufbaren Dokumentation überein, ist für sie unverzichtbar. Standpunkte, wie sie wohl auch in anderen Dörfern des Demminer Landes zu hören wären. Die Frage ist allerdings, wie man Mobilität in einer immer älter werdenden Gesellschaft und in dünn besiedelten Regionen organisieren kann, insbesondere für Menschen, die nicht  Auto fahren können.

Fachleute wie der Vorsitzende des Kreisseniorenbeirates in der Seenplatte, Helmut Pratzel, halten das für eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre. Er hat nicht nur in Törpin einen „Bürgerbus“ ins Leben gerufen, sondern mahnt auch immer wieder neue Lösungen im Öffentlichen Personennahverkehr an. Das hat inzwischen auch der Kreistag aufgegriffen. In seiner jüngsten Sitzung Anfang September forderte er mehrheitlich den Landrat auf, gemeinsam mit dem Regionalen Planungsverband alternative Bedienformen für den Nahverkehr zu entwickeln.

Das wäre wohl auch im Sinne von Gerd Bröderdorf. Der Demminer Geschäftsstellenleiter der Arbeitsagentur weiß nur zu gut um die Notwendigkeit, in einer mit Arbeitsplätzen nicht gerade reich bestückten Gegend beweglich zu sein. Und auch um die Schwierigkeiten. „Bei der Jugend erwartet man, dass sie mobil und flexibel ist, und das sind die Jugendlichen meist auch“, sagt er. „Aber gerade die Älteren über 50 sind oft gebunden. Wenn ich bei unseren Vermittlern hospitiere und höre die Gespräche, dann bestätigt sich das immer wieder.“

Bröderdorf sieht darin mit einen Grund dafür, dass die Altersgruppe über 50 seit Jahren mit den höchsten Anteil an den Arbeitslosenzahlen stellt. Doch je älter jemand wird, desto schwerer fällt der Ortswechsel. Denn mit den Jahren steigt der Grad, in dem der Einzelne eingebunden ist in bestimmte Lebensumstände. Wer etwa Angehörige zu pflegen hat, der kann nicht einfach wegziehen. Zum Teil aber, weiß Bröderdorf, fällt bei der Arbeitssuche selbst die Bewegung im Tagespendelbereich schwer, nicht unbedingtww aus Umwilligkeit: „Es gibt auch Probleme finanzieller Art, das kann man verstehen. Nicht jeder kann sich zwei Autos leisten, und wenn dann die Frau oder der Mann das Auto braucht, ist der andere auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Da geht es schon los.“