Neue Sprache, neues Alphabet: Bevor der Schulalltag so richtig losgehen kann, haben die ukrainischen Kinder einiges nachzuhole
Neue Sprache, neues Alphabet: Bevor der Schulalltag so richtig losgehen kann, haben die ukrainischen Kinder einiges nachzuholen. An der Zille-Schule hilft ihnen Robert Fingerloos dabei. An dem Intensivkurs nehmen Geflüchtete teil, aber auch ein Junge, der schon vor dem Krieg nach Demmin kam. Christine Gerhard
Demminer Schulen

Im Unterricht ist Sprache für Ukraine-Flüchtlinge die größte Hürde

Bis Kinder und Jugendliche aus der Ukraine wirklich am Unterricht teilhaben können, müssen sie mehr Deutsch lernen. Demmins Schulen organisieren sich dabei selbst.
Demmin

Seit fast drei Wochen gehen die ukrainischen Kinder und Jugendlichen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Demmin geflüchtet sind, wieder zur Schule. Acht sind laut dem stellvertretenden Bürgermeister Ronny Szabó derzeit in der Hansestadt gemeldet, hinzu kommen einige Kinder aus dem Umland. Für die Mädchen und Jungen ist die Aufnahme an den verschiedenen Demminer Schulen ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität und Alltagsroutine, auch wenn Manches im neuen Unterrichtsalltag anders ist als gewohnt.

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Allem anderen voran die Sprache, und die bildet nach Auskunft der Schulen aktuell noch das größte Hindernis. „Die Voraussetzungen sind im Moment logischerweise nicht besonders gut“, berichtet Frank Reppin, stellvertretender Schulleiter der Pestalozzi-Schule. Dort waren die Schüler zunächst in die bestehenden Klassen integriert worden, um ihre Vorkenntnisse und sprachlichen Fähigkeiten abzuklären. Das erwartbare Ergebnis: „Die Unterrichtsvermittlung ist wegen des Verstehens schwierig“, so Reppin.

Viele ukrainische Schüler können relativ gut Englisch

Bei den 15 ukrainischen Schülern am Goethe-Gymnasium seien die Sprachkenntnisse sehr unterschiedlich ausgeprägt, erklärt indes Schulleiter Torsten Sommer. Manche Schüler sprächen bereits Deutsch auf unterschiedlichen Niveaustufen, „viele können relativ gut Englisch“. Dennoch sei die Sprachbarriere insgesamt noch ein Problem. Und überhaupt sei es für die Kinder natürlich schwer, sich in den neuen Schulalltag einzufinden, weiß Christiane Sack von der Grundschule Heinrich Zille.

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Damit die ukrainischen Schüler möglichst bald dem Unterricht folgen und sich mit ihren Klassenkameraden verständigen können, organisieren die Schulen derzeit ihre jeweils eigenen Zusatzkurse. Das Goethe-Gymnasium würde dafür gerne eine Kollegin von außerhalb der Schule einstellen. Absegnen müsse dies das Schulamt. An der Zille-Schule bietet ein Lehrer mit Russisch- und Ukrainischkenntnissen, Robert Fingerloos, zwei Stunden täglich eine Intensivförderung für die geflüchteten Kinder aus der Ukraine an. Das lateinische Alphabet kannten sie bisher nur aus dem Straßenbild, auch die Zahlen müssen die drei Schüler aus drei unterschiedlichen Klassenstufen erst lernen. Das dauere natürlich, sagt Fingerloos, „aber es wird.“ Die restliche Zeit lernen die Schüler in ihren jeweiligen Klassenverbänden.

Mitschüler nehmen Ukrainer liebevoll auf

In der Pestalozzi-Schule hingegen werden die neuen Mitschüler seit dieser Woche separat unterrichtet, von einer Kollegin, die als ausgebildete Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache zunächst Grundkenntnisse vermittelt. „Die Schüler sollen erst einmal überwiegend Sprachunterricht erhalten“, erklärt Reppin. Von dem Angebot verspreche sich das Kollegium viel und hoffe, die sechs Schüler möglichst bald wieder in den normalen Schulalltag eingliedern zu können.

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Dass sie sich gut in die Klassenverbände integrieren können, dafür sorgen nicht zuletzt die Mitschüler. „Die Kinder nehmen die neuen Klassenkameraden sehr liebevoll auf“, hat Christiane Sack beobachtet. Ganz ungeübt sind Kinder und Lehrer schließlich nicht, wie sie erinnert: „Mit den Schülern aus der Ukraine läuft es ganz normal, wie mit anderen Migranten auch“, meint sie. Am Goethe-Gymnasium ist der Schulleiter ebenfalls zufrieden mit dem Verhalten seiner Schüler: „Die Kinder kümmern sich recht gut um die neuen Klassenkameraden“, findet Torsten Sommer.

Weniger Probleme mit psychischen Belastungen als bei Flüchtlingswelle von 2015

Weitere Schwierigkeiten abseits der sprachlichen Verständigung sieht der Schulleiter zurzeit noch nicht. „Bisher haben wir nicht festgestellt, dass die Schüler total traumatisiert waren, so wie 2015, als Kinder über verschiedene Fluchtrouten nach Deutschland kamen“, schildert Sommer den ersten Eindruck, gibt jedoch zu bedenken: „Dass wir das bisher noch nicht registriert haben, heißt aber nicht, dass es nicht so ist, und bei manchen kommt es vielleicht erst später zutage.“ Bemerkbar macht sich die psychische Belastung an der Zille-Schule dagegen teilweise schon jetzt. „Ein Schüler hat viel mitbekommen von dem Krieg und zuckt bei lauten Geräuschen zusammen“, erklärt Christiane Sack. Im Umgang mit den ukrainischen Kindern sei daher besonderes Feingefühl gefragt.

Viele dürften erst einmal nicht hinzukommen. Weil entsprechend dem geltenden Schlüssel aktuell keine Flüchtlinge mehr aufgeteilt werden, geht Ronny Szabó davon aus, dass die Zahl der Geflüchteten in Demmin zunächst einmal stabil bleiben wird. Die eine oder andere Familie sei auch bereits wieder in die Ukraine zurückgekehrt.

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