Als das Schnee-Tief „Daisy“ im Januar 2010 den Straßenverkehr in Vorpommern lahmlegte, diente das Bildungsze
Als das Schnee-Tief „Daisy“ im Januar 2010 den Straßenverkehr in Vorpommern lahmlegte, diente das Bildungszentrum Technik in Jarmen für Hunderte am Peenetal Gestrandete als Notunterkunft. Stefan Hoeft
Auch bei den aktuellen Katastrophen-Planungen spielt Bildungszentrum Technik in Jarmen wieder eine zentrale Rolle.
Auch bei den aktuellen Katastrophen-Planungen spielt Bildungszentrum Technik in Jarmen wieder eine zentrale Rolle. Stefan Hoeft
Die Feuerwehren der Region wie hier die Tutower verfügen zwar über Stromaggregate, um ihre eigene Technik und Lichtq
Die Feuerwehren der Region wie hier die Tutower verfügen zwar über Stromaggregate, um ihre eigene Technik und Lichtquellen versorgen zu können. Doch für viel mehr reicht das aus dem Stand nicht aus. Stefan Hoeft
Gas-Mangel

Jarmen setzt in Energie-Krise auf ehemaliges Bildungszentrum

Die Kommunen sollen Wärmestuben und Notstrom für Krisen-Szenarien vorbereiten. Doch das ist leichter gesagt als getan, stellte das Amt Jarmen-Tutow fest.
Jarmen

Jede Stadt und Gemeinde soll Anlaufstellen einrichten beziehungsweise vorhalten, in denen sich Einwohner im Fall von Gas- und Strommangellagen wegen Hilfe melden oder sogar aufwärmen können. Diese Ansage hat der Landkreis Vorpommern-Greifswald angesichts der Entwicklung auf dem Energiemarkt bereits im Sommer gemacht.

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Wohl wissend, dass die besonders kritische Zeit erst in den nächsten Wochen beginnt, wenn die Heizsaison fast überall für einen deutlich höheren Ressourcenverbrauch sorgen dürfte. Wobei die Gefahr eines sogenannten Blackouts jederzeit besteht, falls entsprechende Cyber-Angriffe Erfolg haben.

Landrat Michael Sack warnte vor Katastrophe

Egal, warum und wie, ein solches Szenario könnte sich zur Katastrophe auswachsen, warnte Michael Sack damals in einem Pressegespräch. Und zwar in einem Ausmaß, dass die bisherigen Handlungskonzepte für eher lokal begrenzte Ereignisse wie Überflutungen, Massenunfälle und Großbrände schnell an Grenzen geraten, weil sich Ausfälle dann nicht einfach mit Kräften und Material aus benachbarten Regionen meistern ließen. Sprich der Kreis und die Kommunen als letzte Glieder im Katastrophenschutz wären erstmal auf sich allein gestellt.

Für den Amtsbereich Jarmen-Tutow wurde deshalb eine Art Mini-Krisenstab innerhalb der Verwaltung gebildet, ergänzt um Abgeordnete und Vertreter der Feuerwehr, informierte jetzt der Peene-städter Bürgermeister André Werner. Nach zwei Runden zu grundsätzlichen Fragen seien inzwischen Aufgaben verteilt, um Dinge abzuklären beziehungsweise bereits in die Wege zu leiten.

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Involviert auch die Kämmerei, die sowohl zu den Effekten einer Abschaltung des Straßenlichtes als auch zu etwaigen Installations- und Baumaßnahmen Berechnungen vornehmen soll. „Da sind wir in wenigen Wochen schlauer“, äußerte der Rathauschef. Schon jetzt müsste aber klar sein, dass das Wappnen für eine solche Katastrophe zusätzliche Kosten verursache, die sich nicht aus der Portokasse bezahlen lassen.

Nicht jedes Dorf verfügt über geeignete Immobilie

Weshalb er umgehend eine Ausgaben-Bestätigung seitens der Lokalpolitik einfordern werde, so seine Ankündigung. Verbunden mit Kritik in Richtung Landratsamt: „Der Landkreis macht es sich wieder mal verhältnismäßig einfach“, sagte Werner. Denn während der notfalls über die Kreisumlage seine Mehrkosten abfedern kann, blieben die Städte und Gemeinden darauf sitzen.

Letztere hätten ohnehin einige räumliche Probleme, um die Forderungen zu erfüllen. Nicht jedes Dorf verfüge schließlich über ein Gemeindehaus oder eine ähnliche Immobilie, die als Anlaufstelle oder Notunterkunft dienen könne, schon gar nicht eine Kita, Turnhalle und/oder Schule. „Da gibt es dann meist auch keine großen Alternativen.“

Und selbst wenn, stellt ein Stromausfall viele Hilfsszenarien infrage, weil ohne elektrische Energie Heizungen, Wasserversorgung und Kommunikation nicht oder nur teilweise funktionieren. Gleiches gilt für die Stützpunkte der Feuerwehr, die gleichfalls in die Notfallplanungen einbezogen werden.

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Gerade der Löschtruppe dürfte eine besondere Rolle in der Krisenbewältigung zukommen, nicht zuletzt wegen der auf ihren Einsatzwagen befindlichen Stromaggregate. „Aber die reichen eigentlich nur für Lichtstrom, nicht um ganze Objekte zu versorgen“, machte der Jarmener Verwaltungschef klar.

Deshalb seien er und seine Mitstreiter glücklich, dass sie über ein lokales Unternehmen zumindest auf einen großen mobilen Stromerzeuger zurückgreifen könnten. Auch für diesen Zweck würden gerade Vorbereitungen getroffen, um genügend Tankreserven zu schaffen.

Bildungszentrum mit hybrider Heizung

Im Mittelpunkt der Katastrophenplanung für die Peenestadt selbst steht das ehemalige Bildungszentrum Technik an der Lindenstraße mit seinen Werkstätten und großen Räumen. Nicht nur, weil sich dort zudem momentan die Verwaltungsbüros befinden, der Bauhof mit seiner Technik sitzt und zufälligerweise gleich nebenan die Polizeistation.

Vor allem verfügt dieser Komplex über eine hybride Heizung, die wahlweise mit Öl oder Holz funktioniert. „Das kommt uns jetzt natürlich besonders entgegen, denn Holz haben wir genügend vor der Tür zu liegen“, erläuterte André Werner. Sprich warme Gebäude dürften, wenn die Stromversorgung geklärt ist, kein Problem sein.

Schon einmal rückte diese potenzielle Einsatzzentrale in den Mittelpunkt einer Großschadenslage – beim Wintersturmtief „Daisy“ im Januar 2010. Damals steckten überall in den Schneewehen entlang der Straßen um Jarmen Fahrzeuge fest, vor allem auf der komplett versperrten Autobahn bei Völschow. Die bei teils dramatischen Rettungsaktionen evakuierten mehrere Hundert Menschen bekamen dann in den Internatszimmern oder auf Feldbetten in einem Unterrichtsraum Quartier.

Von so einem Ausmaß geht der Bürgermeister momentan allerdings nicht aus, tritt spürbar auf die Eskalationsbremse: „Ich sehe mich nicht dazu veranlasst, da zusätzliche Panik zu verbreiten. Die Leute sind schon genug in Aufruhr und Angst vor dem, was da kommen könnte.“

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