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Allen Forstschritten in Sachen Gleichberechtigung zum Trotz immer noch außergewöhnlich: Vivien Göthe ist im ersten Ausbildungsjahr zur Fliesenlegerin das einzige Mädchen weit und breit. Pablo Himmelspach
Kein Männerberuf

Junge Fliesenlegerin lässt sich von den Jungs nicht einschüchtern

Vivien Göthe ist im ersten Jahr ihrer Ausbildung zur Fliesenlegerin. In ihrer Berufsschulkasse ist sie das einzige Mädchen. Abschrecken lässt sie sich davon nicht.
Demmin

„Am Anfang haben die Jungs alle doof geguckt“, sagt Vivien Göthe und verschränkt die Arme hinter ihrem Kopf. Die 17-jährige Fliesenleger-Auszubildende trägt eine schwarze Engelbert-Strauss-Hose und eine Jacke mit dem Logo ihrer Firma P&S. Ihre blonden Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden, ein paar Strähnen fallen ihr trotzdem ins Gesicht. Die Schönfelderin ist in ihrer Berufsschulklasse neben 22 Jungen das einzige Mädchen. In ihrem Betrieb sieht es nicht anders aus: Alle ihre Kollegen sind männlich. Komisch sei das am Anfang schon gewesen, sagt Göthe. „Doch da muss man eben durch.“

Als Vivien Göthe in das Gebäude der Demminer Volksbank kommt, trägt sie mit einer Hand zwei Eimer und geht zügig in Richtung Baustelle. Vor Kurzem gab es bei der Volksbank einen Wasserschaden, ein Heizungsrohr war gebrochen. Die Firma P&S kümmert sich derzeit um die Sanierung. „Erst haben wir mit den Trocknungs-Geräten alles trocknen lassen und dann die Teppiche raus gerissen. Heute verkleben wir den neuen Teppich“, erklärt Vivien Göthe.

„Ich mochte als Kind schon körperliche Arbeit“

Eigentlich hatte die 17-Jährige den Plan, nach der Schule zur Bundeswehr-Feuerwehr zu gehen und so ihr Hobby zum Beruf zu machen. Da sie aber noch nicht volljährig ist und keine Vorausbildung hat, war das nicht möglich. Deshalb entschied sie sich im vergangenen Jahr für eine Ausbildung zur Fliesenlegerin. „Ich mochte als Kind schon körperliche Arbeit. Bei der Feuerwehr hat mir das auch immer Spaß gemacht“, sagt Vivien Göthe und reibt sich mit der Hand über ihren muskulösen Unterarm.

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Fremd war ihr die Arbeit als Fliesenlegerin zu Beginn der Ausbildung nicht. Ihr Stiefvater hatte sie bereits in den Schulferien mit auf die Baustelle genommen, er ist bei der gleichen Firma beschäftigt. Die Ferienarbeit habe ihr damals Spaß gemacht – und macht es heute noch. „Am Besten finde ich das Fliesen. Oder wenn wir etwas abreißen und man mal freidrehen kann“, sagt Vivien Göthe und auf ihren Wangen bilden sich kleine Grübchen, als sie lächelt. Als kleines Kind wollte sie einmal Tierärztin werden. Jedoch habe sie diesen Plan schnell verworfen. „Ich möchte keine Tiere leiden sehen“, sagt Vivien Göthe.

Dass ihre Berufsentscheidung in den Augen anderer etwas ungewöhnlich ist, hat sie bereits in der Schule bemerkt. „Die meisten meiner Freundinnen wollten Erzieherinnen werden oder so was“, sagt Göthe. Auch beim ABC-Bau in Rostock waren die anderen jungen Fliesenleger verwundert, als plötzlich ein Mädchen zwischen ihnen saß. Einige hätten angezweifelt, ob sie die Arbeit genauso gut mache wie sie. Doch Vivien hat die Vorurteile beiseite geschoben. „Mit vielen bin ich mittlerweile befreundet“, sagt Vivien Göthe beiläufig. Von der Feuerwehr sei sie ja gewohnt, das einzige Mädchen unter vielen Jungen zu sein.

Berufsfeuerwehrfrau bleibt das langfristige Ziel

Auch wenn sie mit ihrer Arbeit als Fliesenlegerin zufrieden ist – bis an ihr Lebensende will sie den Job nicht machen. „Man macht sich ja auch die Knochen kaputt“, sagt Göthe. Stattdessen will sie ihren Traum verwirklichen und irgendwann Berufs-Feuerwehrfrau werden. Neben der Arbeit mache sie bereits eine Ausbildung zur Trägerin von Atemschutzgeräten bei der Feuerwehr. Hat sie diese abgeschlossen, kann sie gemeinsam mit ihren Kollegen in brennende Gebäude gehen und Menschen retten. „Viel Zeit für andere Sachen bleibt da nicht“, sagt die 17-Jährige.

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Auf der Baustelle in der Volksbank muss sie jetzt an die Arbeit. Bevor sie gemeinsam mit ihrem Ausbilder den Teppich verlegt, befreit sie den Boden von Staub und Dreck. Schnell rauscht sie zu dem Bau-Staubsauger, wirft ihn an und zieht die Staubdüse über den grauen Betonboden. Übertönt vom Lärm des Staubsaugers verabschiedet sie sich, hebt die Hand – und lächelt ihr Grübchen-Lächeln.

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