Neubauhof

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Kampfstoff-Tests am lebenden Menschen

Der Historiker Henrik Eberle zeigt auf historische Fotos von Versuchen mit chemischen Kampfstoffen, die teils an Menschen durchgeführt wurden.  FOTO: dpa

Von unserem KorrespondentenRalph SommerQuellen belegen: Wissen-schaftler der Uni Greifswald waren in die Rüstungs-forschung des NS-Regimes eingebunden. Damit ...

Von unserem Korrespondenten
Ralph Sommer

Quellen belegen: Wissen-
schaftler der Uni Greifswald waren in die Rüstungs-
forschung des NS-Regimes eingebunden. Damit waren sie stärker an perfiden Versuchen beteiligt als bislang bekannt.

Greifswald.Es sind erschütternde und Ekel erregende Fotos aus einem Labor der Hautklinik Greifswald. Der Hallenser Historiker Henrik Eberle entdeckte die über 70 Jahre alten Bilder unlängst im Archiv der Deutschen Bücherei in Leipzig. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen in einer Broschüre des Reichsforschungsrates dokumentieren eines der schwärzesten Kapitel der Universität während des Nationalsozialismus. Sie zeigen den Arm eines Menschen, tätowiert mit Stern, Hammer und Sichel. Und sie dokumentieren die Auswirkungen des chemischen Kampfstoffs Lost auf der Haut eines lebenden Mannes.
„Wir werden wohl nie mehr erfahren, wer da für diesen besonders perfiden Versuch herhalten musste“, sagt Eberle. „Er wird es sich kaum freiwillig zu diesem besonders schmerzhaften Experiment zur Verfügung gestellt haben, mit dem sich seinerzeit der Greifswalder Dermatologe Wilhelm Richter brüstete.“

Tätowierung
einfach weggeäzt
Der Mediziner ließ die anstößige Tätowierung mit dem dickflüssigem Lost einfach wegätzen. Die Fotos zeigen die furchtbare Entwicklung der unbehandelten Wunde über einen Zeitraum von 74 Tagen. Wissenschaftliche Erkenntnisse brachte der verbrecherische Versuch ebenso wenig wie die Experimente von Richters Kollegen Otto Wels, der im Pharmakologischen Institut Greifswald mit freiwilligen Probanden die Heilung von Geldkreuz-Schäden mit Eiweißlösungen untersuchte. Die dazu herangezogenen Studenten sollen dafür jeweils 10 bis 30 Reichsmark bekommen haben.
Die Beispiele zeigen, dass Wissenschaftler und Lehrkräfte der Universität weitaus stärker in das NS-Regime eingebunden waren, als bislang angenommen. „Die Alma mater fungierte durchaus als Rüstungsbetrieb und schöpfte dafür ihre begrenzten Möglichkeiten vor allem in den Bereichen Chemie, Physik und Medizin aus“, sagt Eberle, der seit 2011 die nur noch spärlich vorhandenen Akten aus jener Zeit sichtet und erste Ergebnisse auf einem Workshop vorstellte. Zwar seien Greifswalder Forscher nicht an Menschenexperimenten in Konzentrationslager beteiligt gewesen, und auch die Virusforscher auf der Insel Riems seien nicht in die Entwicklung biologischer Waffen eingebunden worden. Allerdings leisteten Wissenschaftler der Uni im Auftrag der Wehrmacht besonders im Bereich chemischer Kampfstoffe Grundlagenforschung. Zu ihnen gehörten Gerhart Jander und der SS-Wissenschaftler Ernst Karl Stumpf, beide ausgezeichnet mit dem Kriegsverdienstkreuz für ihre Aerosolforschungen. Ausgestattet mit 12000 Reichsmark und vier Assistenten hatten sie getestet, wie sich das zähflüssige Lost vernebeln ließ, um in feinem Senfgas-Sprühneben noch effektiver zu töten.
Auch Greifswalder Physiker forschten für den Krieg. Rudolf Seeliger zum Beispiel, der als Entdecker des Xenonlichts gilt und es nach Kriegsende sogar noch zum Rektor brachte, war in die Entwicklung von Nachtsichtgeräten und Zieloptiken für Panzer eingebunden. Wie viele seiner Kollegen sei der Professor Berater gewesen, die zum Einsatz gekommen seien, wenn die Säge klemmte, sagt Eberle. „Und bei der Marine klemmte die Säge ganz gewaltig, denn sie hatte Probleme damit, bei schlechten Sichtverhältnissen die gegnerischen Verbände im Nordmeer auszumachen.“
Auch der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde war man zu Diensten. So entwickelte der zum Martineobservatorium beorderte Physiker Rudolf Schulze eine Radiosonde. Der Ballon lieferte der Waffenschmiede wichtige Wetterdaten aus der Stratos-phäre, um den günstigsten Zeitpunkt zum Start der sogenannten Vergeltungsrakete V2 ermitteln zu können. Sogar Botaniker und Geologen aus Greifswald lieferten kriegswichtige Erkenntnisse für die sogenannte Ernährungsschlacht und die Ausbeutung eroberter Gebiete.
Ähnlich wie in Halle, Jena, Leipzig und Tübingen werde die Universität noch bis Ende 2014 ihre bislang unzureichend erforschte Rolle während der NS-Diktatur wissenschaftlich aufarbeiten, sagt der Leiter des Uni-Archivs, Dirk Alvermann. Bislang sei erst ein Teil der Quellen gesichtet worden. Viele offene Fragen berge zum Beispiel noch der Umgang mit Leichen, die offenbar aus Landesheil- und Pflegeanstalten, dem Anklamer Wehrmachtsgefängnis und dem Greifswalder Kriegsgefangenenlager zu medizinischen Forschungen an das Anatomische Institut Greifswald geliefert wurden. Dabei soll es sich um hingerichtete oder zu Tode gequälte Menschen gehandelt haben. 69 von ihnen waren erst im Januar 1948 auf dem Neuen Friedhof Greifswald bestattet worden.