Das Ginkgoblatt ist längst zum Markenzeichen der Keramikerin geworden.
Das Ginkgoblatt ist längst zum Markenzeichen der Keramikerin geworden. Christine Gerhard
Kunsthandwerk

Keramikerin bezieht neues Atelier im Schloss Hohenbrünzow

Im Schloss von Hohenbrünzow will Keramikerin Wilfriede Maaß ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben. Ganz so einfach ist das aber leider nicht.
Hohenbrünzow

An dem großen Familienesstisch serviert die Frau mit der Ginkgo-Halskette selbstgemachten Kräutertee aus selbstgemachten Ginkgotassen. In gewisser Weise hat sich der Ginkgo-Baum durch Wilfriede Maaß’ Karriere gezogen. Zuerst das Gedicht von Goethe, das sie in ihrer Lehrzeit inspiriert hat. Später, als sie bei Schlemmin auf dem Land wohnte, hat sie selbst mehrere Ginkgos in ihrem Garten gezogen. Jetzt blickt sie von ihrem neuen Atelier im Schloss Hohenbrünzow auf ein besonders stattliches Exemplar.

In seinem Schatten fertigt, brennt und bemalt die Keramikerin ihre grazilen Stücke. Die feine Arbeit liegt ihr, auch weil sie nicht verschwenderisch mit dem Ton umgehen will. Viele Arbeitsschritte sind für jede einzelne Tasse nötig, die Fertigung dauert lange und ist auch körperlich anstrengend. Jeden Morgen macht Wilfriede Maaß deshalb zum Ausgleich mit ihrer Tochter Tai Chi-Übungen. Ans Aufhören denkt die 71-Jährige aber trotz der Schmerzen nicht. „Es ist schön, wenn man im Alter noch etwas schaffen kann“, sagt sie.

Kunst und Handwerk – und auch die Liebe zur Literatur – sind sozusagen die Wurzeln von Wilfriede Maaß, die aus der Ahrenshooper Töpfer-Dynastie Löber stammt. Ihre Mutter war Malerin, bildete schließlich, mit acht Töchtern und Söhnen, hauptsächlich schlafende Kinder ab. Der Vater, umfassend ausgebildet in verschiedenen Kunsthandwerken, verdiente das Geld letztlich als Keramiker. Einige von Wilfriede Maaß‘ Geschwistern haben einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Sie selbst ging bei ihrem älteren Bruder in die Lehre. Schon als Kind war sie dabei gewesen, wenn ihr Vater töpferte. An ihren ersten Verkauf erinnert sie sich noch genau: mit Reiter und Palme selbstbemalte Bodenkacheln, die ihr ein Freund der Familie abkaufte. Heute bietet sie ihre Werke unter anderem auf dem Kunsthandwerkermarkt auf Burg Klempenow an.

Passte nicht so recht ins Schulsystem

In der Schule war Wilfriede weniger erfolgreich. „Ich bin Legasthenikerin und habe nur mühselig schreiben gelernt, mich aber immer für Literatur interessiert und unter dem Tisch heimlich gelesen“, erzählt sie. „Bei Aufsätzen bekam ich in Ausdruck und Inhalt eine eins, in Rechtschreibung eine fünf: Gesamtnote vier.“ Die Pädagogen hatten wenig Verständnis für die Schülerin, die nicht so recht ins Schulsystem passte.

Dann aber beobachtete eine Lehrerin, wie sie in der Pause die Verse eines DDR-Dichters auf die beschlagenen Scheiben schrieb. Über das Gedicht kamen sie ins Gespräch und die Lehrerin wurde fortan ihre Förderin. „Wenn ich 24 Fehler hatte statt 32, hat sie mich gelobt anstatt zu schimpfen. Sie hat mir Selbstbewusstsein gegeben“, erzählt Wilfriede Maaß. Es sei auch ihr zu verdanken, dass sie die Schule durchzog. Dennoch, viele Möglichkeiten hatte die junge Wilfriede mit ihrem schlechten Abschlusszeugnis nicht. Die Ausbildung bei ihrem Bruder sei damals ihre Rettung gewesen. Und was wäre sie geworden, wenn ihr alle Türen offen gestanden hätten? Bildhauerin, sagt Wilfriede Maaß sofort, wie ihr Vater. Wie ihre Mutter malte sie auch, was ihr später einen Platz beim Abendstudium für Plastik in Weißensee einbrachte. Diese Ausbildung jedoch musste sie, hochschwanger und mit einem Partner im Studium, abbrechen, um Geld für die Familie zu verdienen.

Freiheit im Kopf

Dafür verwirklichte sich die Keramikmeisterin später zusammen mit mehreren Künstlern mit Ausreiseantrag den Traum von einer eigenen Werkstattgalerie in Berlin. Sie töpferte, die Maler bemalten.

Für den Verkauf kreierte Wilfriede Maaß weiterhin die handelsüblichen Pflanzendekors, für die Galerie aber durfte es etwas wilder sein. „Was mir dabei am meisten Spaß machte, waren der Kontakt und die Gespräche mit den Künstlern. Zu sehen, dass sie an vieles ganz anders rangehen“, sagt sie. „So frei und wild.“ Anders als viele der Künstler reiste sie nicht aus, ihre Freiheit war im Kopf. Statt vom Mittelmeerstrand träumte sie von Reisen zu berühmten Kunst- und Bauwerken.

Leben mit der Tochter und deren Familie

Bei ihrem ersten Auslandsaufenthalt nach dem Mauerfall stand sie im Stockholmer Kunstmuseum endlich einigen der Werke gegenüber, die sie aus den Kunstbildbänden ihrer Eltern kannte. Die hatten ihr auch „Nils Holgersson“ vorgelesen. Von Ahrenshoop aus hatte Wilfriede Maaß als Kind manchmal die Schwedenfähre am Horizont gesehen und sich die Landschaft auf der anderen Seite des Meeres ausgemalt. „Ich dachte, ich komme da nie hin.“

Jetzt ist Wilfriede Maaß in Hohenbrünzow, wohnt in dem Schloss zusammen mit ihrer Tochter und deren Familie. Eigentlich sollte hier die Tradition fortgesetzt werden, der weitverzweigte Stammbaum der Keramikerdynastie neue Zweige bekommen, die Enkelin bei ihr in die Lehre gehen. Doch finanziell ist das schwierig. Mindestlohn, Versicherungen, all das kostet Geld. Mittel, die viele Kunsthandwerker aus dem Osten nicht anhäufen konnten, wie Wilfriede Maaß weiß. Einige setzten sich deshalb früher zur Ruhe und bildeten nicht mehr aus. „Irgendwie werde ich meiner Enkelin trotzdem etwas von dem beibringen, was ich kann“, sagt die Keramikerin. Aber schade sei es doch, dieser Rückgang an Lehrbetrieben, vor allem, weil die Auszubildenden ja auch voneinander lernten und sich gegenseitig bereicherten.

Trotzdem, Wilfriede Maaß Töpferscheibe dreht sich weiter und bald kommt eine zweite dazu. Dann hören Enkelin und Großmutter beim Töpfern zusammen Musik und Hörbücher und schauen hinaus auf den Ginkgobaum.

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