Im Pfarrarchiv, dessen Pflege Hartmut Mandelkow (rechts) in dieser Woche an David Krüger übergab, befinden sich hist
Im Pfarrarchiv, dessen Pflege Hartmut Mandelkow (rechts) in dieser Woche an David Krüger übergab, befinden sich historische Schätze wie diese zu Ende des 17. Jahrhunderts gedruckte Bibel in Niederdeutsch und Hochdeutsch. Christine Gerhard
Heimatgeschichte

Mehr als vergilbte Listen – Demminer Archivar übergibt historische Pfarrschätze

Zwanzig Jahre lang hat Hartmut Mandelkow die Geschichten hinter den Einträgen im Demminer Pfarrarchiv entschlüsselt. Viele Schicksale bewegen ihn noch immer.
Demmin

Zwischen den alten, verschieden stark abgenutzten Ledereinbänden im Demminer Pfarrarchiv verbergen sich unzählige menschliche Schicksale. Für die meisten Besucher sind die bis ins Jahr 1678 zurückreichenden Dokumente und Akten Bücher mit sieben Siegeln.

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Die alten Handschriften sind nicht lesbar, die lateinische Sprache, die von einigen Pastoren noch über die Reformation hinaus genutzt wurde und in Berufsbezeichnungen teils sogar bis ins 18. Jahrhundert erhalten blieb, ist unverständlich. Hartmut Mandelkow aber konnte die Geschichten hinter den Listen von Namen und Daten entschlüsseln.

Mit dem Lateinwörterbuch ins Archiv

Seine Eltern und Großeltern hatten noch in Sütterlin geschrieben und auch aus der Vektorrechnung im Mathematikunterricht war er mit den Buchstaben vertraut. Latein hatte Mandelkow ebenfalls während seiner Schulzeit in Demmin gelernt und sich für seine Arbeit im Pfarrarchiv ein Wörterbuch zugelegt. Als der gelernte Schweißingenieur mit dem Faible für Geschichte vor zwanzig Jahren seine Stelle im Pfarrarchiv der Evangelischen Kirchengemeinde St. Bartholomaei antrat, konnte er es gebrauchen.

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Seit dem 1. Oktober 2001 erforschte Mandelkow hier die Geschichte der Kirche und damit auch die der Stadt und ihrer Bewohner, arbeitete bei externen Aufträgen zu. 352 Akten, darunter etwa Bauzeichnungen vom Umbau der Kirche zwischen 1857 und 1867, Verträge zur Orgelrestaurierung und Nachweise aus einer Zeit, als die Kirche noch für die Schulbildung zuständig war, standen ihm dafür zur Verfügung. Zudem Tauf- und Sterberegister sowie seitenweise Unterlagen zu Scheidungsersuchen, die die Pastoren damals mit großer Vehemenz abzuwenden versucht hatten.

Anfragen von Brasilien bis Australien

Vor allem beschäftigte sich Mandelkow aber mit der Ahnenforschung. Die vielen Anfragen hierzu erreichten ihn längst nicht nur aus dem Umland. Insbesondere nach der Auswanderungswelle aus Vorpommern in der Mitte des 19. Jahrhunderts sind auch die Nachfahren vieler Demminer auf verschiedenen Kontinenten verstreut.

„Die weiteste Anfrage kam aus Perth in Australien“, erzählt Mandelkow. Aber auch aus Brasilien, den USA und Kanada meldeten sich immer wieder Nachfahren ehemaliger Auswanderer bei ihm, um in Demmin nach ihren Wurzeln zu suchen.

Großes Leid hinter nüchternen Einträgen

Die Schicksale der längst verstorbenen Ahnen berühren den Archivar dabei auch nach 20 Jahren noch. „Mit am schrecklichsten war das einer Frau, die ohne ärztliche Hilfe 14 Kinder geboren hatte, davon zweimal Zwillinge und einmal Drillinge“, erzählt er. Sieben ihrer Kinder starben bereits kurz nach der Geburt. Auch ihren Mann, einen an Schwindsucht erkrankten Schiffsbauer in Meyenkrebs, überlebte die Demminerin noch um viele Jahre.

„Was die Menschen damals für Leid ertragen mussten und wie sie damit umgegangen sind, ist bewegend und beeindruckend“, findet Hartmut Mandelkow. „Wie viele Frauen noch vor gar nicht allzu langer Zeit am Kindbettfieber gestorben sind, wie ganze Familien durch Masern oder Diphtherie ausgelöscht wurden...“

Im Archiv ist das alles dokumentiert, es zeugt auch von der letzten Cholera-Epidemie in Demmin. Im Sterberegister von 1866 sei so seitenweise nur „Cholera“ zu lesen, berichtet Mandelkow. Die meisten Anfragen aber beträfen das Jahr 1945, als viele Menschen in Demmin sich selbst und ihre Familien töteten.

Unentdecktes Potenzial für die Forschung

Mit diesen und weiteren Aufträgen wird sich nach der Übergabe des Pfarrarchivs in dieser Woche künftig David Krüger befassen. Der stellvertretende Vorsitzende des Heimatvereins will sich dabei insbesondere den Kirchenakten widmen, die aus seiner Sicht „noch unentdecktes Potenzial“ als Quelle für die familien- und stadtgeschichtliche Forschung bieten.

„Bei Heiraten musste die Herkunft nachgewiesen werden, auch Scheidungsurteile von vorherigen Ehen mussten vorgelegt werden. Dabei gibt es sicherlich Verweise auf Kirchengemeinden in Hinterpommern und den weiteren Kommunen, die heute gar nicht mehr existieren“, meint er. Zudem seien die kirchlichen Dokumente eine wichtige Ergänzung zu den städtischen Akten, die zum Großteil beim Stadtbrand 1945 vernichtet wurden.

Hartmut Mandelkow wird beim Gottesdienst am Sonntag ab 10 Uhr feierlich verabschiedet.

 

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