Große Liebe: Jan Fendler, seine Frau Karina und der Kummerower See
Große Liebe: Jan Fendler, seine Frau Karina und der Kummerower See privat/Carsten Büttner
Heimweh

„Mir fehlt dieser unbeschwerte Blick in die Natur, den ich als Kind noch hatte”

Nach dem Abitur in Demmin wollte Jan Fendler sofort weg. Heute merkt er, wie sehr er seine Heimat, den Kummerower See und die weiten Landschaften in Mecklenburg-Vorpommern vermisst.
Demmin

Als Jan Fendler (38) sich entscheiden musste, wohin er nach dem Abitur in Demmin gehen will, hat er einfach mit geschlossenen Augen auf eine Deutschlandkarte getippt. Heute lebt er in der Nähe von Kaiserslautern, kommt aber jeden Sommer zurück.

Hier beschreibt er seine Geschichte: Wie er damals nach dem Umzug Fuß gefasst hat, was er sich als junger Mann aus der “Zone” im Westen anhören musste und was er bis heute am meisten vermisst.

Nach meinem Abitur am Musikgymnasium habe ich sofort das Weite gesucht. Meine Eltern und Großeltern waren in Demmin als Handwerker selbstständig. Dadurch bekommt man schon als Kind mit, dass man viel und kräftig arbeiten muss, um seinen Unterhalt zu sichern. Als Kind bin ich in den Ferien mit dem Opa oder Vater mit auf die Baustelle, weniger zum arbeiten, vielmehr als Alternative zum nicht mehr existierenden Ferienlager.

Als Jugendlicher war mir daher klar, warum ich meine Hausaufgaben machen sollte. Meine Mutter meinte immer: “Du musst nicht für die Schule lernen, Du kannst beim Vater mit auf den Bau.” Das zog bei mir. Aber wohin nach dem Abitur? Ganz ehrlich – Ich hatte eine Deutschlandlandkarte in meinem Zimmer und mit geschlossenen Augen habe ich auf einen Punkt getippt – das Saarland. Also habe ich mich dort um einen Zivildienst bemüht. Der Vorteil war, dass ich nun quer durch Deutschland kostenlos mit der Bahn reisen konnte. Schließlich war ich immer auf den Weg gen Heimat oder Dienstplatz.

Was ich nicht bedachte, dass mir das Wasser so fehlt. Als Kind bin ich im Kummerower See geschwommen, gesegelt und habe dort die tollsten Parties in der Bungalowsiedlung erlebt.

Vorurteile über den Exoten aus der “Zone”

Im Saarland war ich ein Exot – Zonenkind, kein Wasser in der Nähe, dafür Kohlehalden. Die meisten Saarländer, die ich getroffen hatte, waren zuvor noch nie im Osten. Schließlich dauert alleine die Reise bis nach Thüringen mit dem Auto schon vier Stunden. Jemand, der nun einmal quer aus dem Norden sich bis in den Südwesten verirrt, ist schon etwas besonderes. Da gab es dann die täglichen Sprüche zu hören. “Habt ihr im Osten die Banane mit Schale gegessen?” “Eigentlich war die Mauer nur das vorbereitete Streifenfundament für einen Aldi-Parkplatz.” “Drüben gibt es doch nur Nazis.”

Ältere Menschen waren hingegen interessiert an der DDR – wie war es dort? Mein Problem jedoch war, dass ich die DDR nur als Kleinkind erlebt hatte. Die meisten Erfahrungen stammen also aus der Nachwendezeit.

Grundsätzlich hatte ich das Gefühl, dass man im Westen reservierter im Kontakt mit mir war. Die jungen Menschen in meinem Alter hatten im Saarland ihre angestammte Clique. Ich war froh, dass eine gute Freundin aus der Zivildiensteinrichtung mich zu Weihnachten mitnahm und ich durch ihre Familie ein wenig Anschluss fand. Ansonsten war man eher für sich.

Ihre Hochzeit sollte unbedingt in Demmin sein

Am Ende meines Zivildienstes habe ich dann meine Frau kennengelernt. So habe ich dann auch mein Studium an der Uni des Saarlandes absolviert. 2010 haben wir geheiratet und zwar in Demmin. Für mich war das auch ein Zeichen, meine Verbundenheit auszudrücken. Die Familie meiner Frau, Freunde und Bekannte kamen alle nach Demmin. Sie wären sonst nie auf die Idee gekommen, ausgerechnet diese Gegend zu besuchen. Ich wollte ihnen meine Heimat zeigen. Die Feier fand im Vereinshaus meines Opas statt.

Mittlerweile bin ich Berufsschullehrer. Zwischenzeitlich stand es in Demmin jedoch so schlecht, dass meine Eltern 2007 nach Kanada auswanderten. Und bei mir selbst? MeckPom sucht zwar Lehrer, jedoch kann das Angebot nicht mit Rheinland-Pfalz mithalten. Dennoch sind meine Frau, unsere Kinder und ich jeden Sommer in Demmin und am See.

Jedes Jahr sehen wir die geschlossenen Läden, die verwaisten Häuser. Es gibt keinen Tannhäuser in Stavenhagen mehr, wo man nachts nach einem Konzert von den Eltern abgeholt wurde, da sie Angst hatten, dass man einen Wildunfall im Wald haben könnte. Dafür gibt es aber den schönen Baumwipfelpfad.

Post, Justiz und Polizei sind nur noch leere Hüllen

Selbst die Post, Justiz und Polizei sind nur noch leere Hüllen. Zum Glück gibt es das Kino noch. Als Kind war das Kino immer voll. Nun hat man den Luxus, dass man fast alleine einen Film auf der Leinwand bestaunen kann. Hoffentlich bleibt es erhalten.

Aber noch immer vermisse ich das Wasser. Hier bleibe ich vor jedem Teich stehen und schaue bedächtig hinein. Im vergangenen Sommer haben wir als unser Corona-Projekt in unserem Garten einen Teich angelegt. Heute denke ich mir: Das reicht mir nicht, er müsste mindestens noch drei Mal so groß sein.

Mir fehlt die Weite, dieser unbeschwerte Blick in die Natur, den ich als Kind noch hatte. Vielleicht komme ich ja als Rentner wieder in die Heimat.

Dieser Text ist zuerst Heimweh-Newsletter des Nordkurier erschienen. Wer ihn bis zum 15- April abonniert, kann sogar etwas gewinnen. Mehr Infos gibt es in der Infobox.

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