Immer noch den Garten und die Hühnerschar im Blick: Elli und Hans Hase aus dem Jarmener Ortsteil Müssentin begingen
Immer noch den Garten und die Hühnerschar im Blick: Elli und Hans Hase aus dem Jarmener Ortsteil Müssentin begingen am 12. Januar ihre Eiserne Hochzeit. Glückwünsche zu diesem seltenen Jubiläum überbrachte auch Bürgermeister André Werner. Stefan Hoeft
Eiserne Hochzeit

Mit dem Rad zur Trauung und dann wieder ab zur Arbeit

Die Eiserne Hochzeit zu feiern wie Elli und Hans Hase aus Müssentin, ist nur wenigen Paaren vergönnt. Dabei hat das Leben der zwei schon immer viel und harte Arbeit geprägt.
Müssentin

„Früh aufstehen und arbeiten an der frischen Luft, das hält jung“, verrät Hans Hase aus Müssentin. Und versucht so zu erklären, warum ihm schwer abzunehmen ist, dass er bereits 90 wird. Der Vorpommer kommt zügig über den Hof aus dem Hühnergehege anmarschiert, eigentlich nur für einen kurzen Fototermin. Immerhin steht Jarmens Bürgermeister André Werner mit Blumen und Präsent für ihn und seine Frau Ella vor der Tür, weil die zwei an diesem Mittwoch den 65.  Hochzeitstag haben – ein alles andere als häufiges Jubiläum. Wirklich feiern ist wegen der Corona-Lage allerdings nicht möglich.

Nach dem Standesamt zum Mittag zurück im Dienst

Aber irgendwie passt dieser Tag zu ihrer Ehe, denn auch an deren Beginn kam das Feiern hintenan. Morgens um 8 Uhr setzten sie sich damals am 12.  Januar 1957, einem Sonnabend, mitten im Winter auf die Drahtesel und fuhren durch den Busch über Wilhelminenthal bis Kartlow zum Standesamt, erzählt der Eiserne Bräutigam. Dort gab es in etwas festlicher Garderobe, aber ohne Brautkleid den staatlichen „Segen“ für diese Beziehung. Anschließend strampelten die frisch Vermählten zurück, wechselten in die Arbeitssachen und meldeten sich zum Mittag wieder zum Dienst. Hochleben lassen konnten sich die Hases erst am Abend im Kulturhaus des Dorfes. Denn immer bestimmte die Landwirtschaft ihr Leben.

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Hans Hase kam am 4.  November 1932 in dem Jarmener Ortsteil zur Welt, als fünftes von elf Geschwistern. Seine Eltern hatten zuvor im benachbarten Kronsberg gewohnt, Vorwerk zum Gut der von Heydens aus Kartlow. Die Mutter arbeitete anfangs als Hausangestellte beim Grafen, der Vater in der Schäferei. Mit dem Umzug verdingte sich Hase Senior dann als Schweizer in Müssentin, sprich bei Rinderzucht und Melken. Den Zweiten Weltkrieg überstand der Mann unversehrt, weil er für die schweren Stallarbeiten benötigt wurde. Erst kurz vorm Schluss kam die Einberufung, aber von der Front blieb er verschont, kehrte bald zurück. Sein Hans war glücklicherweise jung genug, um dem letzten Aufgebot zu entgehen. Viele kaum ältere Burschen kamen hingegen nicht wieder, weiß der Jubilar.

Vor der Schule ging’s mit der Mutter aufs Feld

Er erinnert sich eindrucksvoll an das schwierige Landleben und die Schulzeit. Wo heute die Kieswerk-Zentrale ist, wurde einst der Nachwuchs auch aus Kronsberg, Wilhelminenthal, Plötz und Neu Plötz unterrichtet – alle Altersstufen in einem Raum und mit dem Rohrstock als Zuchtmittel. Viele der Kinder seien mit der Kleinbahn gekommen. Sogar einen Schulgarten gab es, der Erdbeeren und Weintrauben lieferte.

Doch für ihn habe das Tagwerk meist weit vorm Lernen begonnen und erst spät danach geendet. Gerade in der Kriegszeit und den Folgejahren, wo viele Männer fehlten. „Um acht fing die Schule an, aber ich musste schon um vier aufstehen und dann mit Mutter aufs Feld.“ Egal ob zur Rübenpflege oder Getreideernte. „Gewirtschaftet haben wir mit Ochsen, Pferde gab’s ja keine mehr.“ Oft hätten die Knochen so weh getan und seien die Knie so geschwollen gewesen, dass Tränen in den Augen standen. „Das kann sich heute keiner mehr vorstellen, was wir damals arbeiten mussten.“

Gegenseitiges Interesse nicht sofort entflammt

Zum Kriegsende wurde die Schule Notunterkunft, um die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten Deutschlands unterzubekommen, Stroh als Schlafstatt in die großen Räume gestreut. Dicht an dicht saßen und lagen die Leute. Und zu den Neuankömmlingen gehörte die Familie von Elli Hase.

Sie stammte aus dem Dorf Pegelow im pommerschen Kreis Saatzig, der heute zu Polen gehört. Die Eltern waren Landarbeiter. Die Eiserne Braut wurde am 19.  Juni 1930 als ältestes Kind geboren, später bekam sie zwei Brüder. Im Februar 1945 machten sich alle – der Vater war wegen seines hohen Alters dem Militär entgangen – per Pferdewagen auf den Treck gen Westen. Als sie im April in Müssentin landeten, kam das Quintett bei Zanders am sogenannten Dutt unter. Essen, Kochen und Schlafen in einem Raum hieß es, „aber wir waren froh, dass wir überhaupt etwas hatten.“

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Über die Bodenreform erhielt die Familie Land, rund zwei Jahre später eine leer gewordene Lehmbaracke an der Dorfstraße. Und zwar genau neben dem Haus der Hases. Begegnungen waren damit nun an der Tagesordnung, ob auf dem Hof, bei der Stall- oder der Feldarbeit. Ohne dass da aber sofort ein besonderes Interesse entbrannte, wie die zwei berichten. Das kam etwas später und erlebte mit der Geburt von Sohn Hans-Joachim im März 1952 einen ersten Höhepunkt. Kurz nach der Hochzeit folgte Ende Februar 1957 mit Gerd der zweite Bube, im August 1959 kam mit Sieglinde die erste Tocher auf die Welt und Nesthäkchen Manuela vervollständigte im Dezember 1963 die Schar.

Vorzeitiger Umzug, weil das Dach einstürzte

Da wohnten sie bereits in ihrem mit viel Eigenleistung gebauten Haus, im Rücken und unweit des alten baufälligen Domizils aus Lehm und mit undichtem Rohrdach errichtet. „Da konnte man von unten durch zum Himmel gucken.“ Glücklicherweise sei niemand daheim gewesen, als eines Tages plötzlich das Dach von der Wohnstube bis zur Haustür runterstürzte. Die Folge war der vorfristige Umzug ins noch nicht ganz fertige neue Gebäude.

Die Hases hatten auch beruflich immer wieder mit Veränderungen zu tun, teilweise bedingt durch den Wandel in der Landwirtschaft. Erst weg von den Einzelbauern zur mehr oder weniger zwangsweisen Kollektivierung ihrer Familienhöfe und später mit dem Wechsel der LPG-Strukturen. Hans Hase, der anfangs auf dem väterlichen Hof mit anfasste, begann seine eigenständige Karriere mit einem Traktoristen-Lehrgang bei der Maschinen-Ausleih-Station (MAS) in Plötz. Später nahm das Volkseigene Gut Neu Plötz seine Dienste als Steuermann in Anspruch, das reichte vom Warentransport bis zum Pflügen. 1958 sei er zum Kraftverkehr in Jarmen gewechselt, kutschierte mit seinem Viertonner vom Typ IFA S4000 samt Anhänger vor allem Fracht für die Zuckerfabrik.

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Zwei Jahre darauf ging es für ein paar Jahre zurück zur Müssentiner LPG „Friedenswacht“, wo der Vorpommer zusammen mit seiner Frau im Stall der Milchproduktion arbeitete. „Elf Leute waren wir, um 500 Kühe zu melken und Kälber aufzuziehen.“ Dann kam die Zeit der großen LPG Bentzin, wo er als Kraftfahrer einen neuen Job fand und sie erst mal in der Pflanzenproduktion alles machte, was anfiel – vom Feldbau bis zum Möhrenputzen für die Konservenfabrik Tutow. Doch dann gehörte die zierliche Frau zu jenen Vorzeige-Damen, denen man(n) die ganz großen Maschinen anvertraute. Heimlich gab ihr Gatte Elli Fahrunterricht mit dem eigenen Dienst-Lkw, damit sie die Prüfung bestand, verrät er heute. Und so steuerte die Familienmutter bald Mähdrescher über den Acker, hin und wieder auch den Belarus-Traktor.

Familie hofft, Jubiläum im Juni nachfeiern zu können

Ihr Hans derweil wurde Kapitän vom LPG-eigenen „Passagierschiff“, ein mit einem Aufbau für den Personentransport versehener Lkw. Mit dem chauffierte er Hinz und Kunz zu allen möglichen Zeiten durchs Revier – Arbeiter zu den Feldern, Brigaden und Kulturgruppen zu Veranstaltungen, die Kampfgruppe zu Übungen. Zum Schluss bekam er dafür sogar einen aus Armeebeständen „organisierten“ Bus. Bis die Wende mit dem Aus der DDR-Landwirtschaft auch den Hases die unerwartete Frührente bescherte.

Inzwischen ist von dem vielen Viehzeug, das über die DDR-Jahrzehnte und danach den eigenen Hof bevölkerte – bis zu fünf Kühe, ein Pferd, zwei Schafe und jede Menge Schweine – nur noch die Hühnerschar geblieben. Aber dieses tägliche Hobby des Seniors zählt immerhin mehr als 30 Tiere und liefert so viele Eier, dass er regelmäßig eine 200-Stück-Fuhre an feste Interessenten nach Berlin schicken kann. „Die sind da ganz verrückt nach“, klingt er durchaus stolz.

Freude herrscht bei den Jubilaren über ihren Nachwuchs, von dem das Gros in der näheren Umgebung wohnt, ihr Sohn Gerd mit im Haus. Mittlerweile zählen vier Enkel und zwei Urenkel zur Familie, es gibt sogar einen zehnjährigen Ururenkel, der sozusagen in Sichtweite im Dorf lebt. Und alle zusammen hoffen, die Eiserne Hochzeit gemeinsam im Juni groß nachfeiern zu können.

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