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Mutterkirche fällt dem Krieg zum Opfer

Neben dem Luisentor überragt die St.-Bartholomaei-Kirche mit ihrem hohen schlanken Turm auch heute noch das Bild der Hansestadt Demmin. So wie es ehemals ...

Neben dem Luisentor überragt die St.-Bartholomaei-Kirche mit ihrem hohen schlanken Turm auch heute noch das Bild der Hansestadt Demmin. So wie es ehemals mehr Tore gab, gab es früher auch viel mehr gottesdienstliche Einrichtungen. Und sehr erstaunt ist man, wenn man einen Blick in die historische Chronik von Pastor Karl Stolle aus dem Jahr 1772 wirft und von der großen Zahl der Gotteshäuser erfährt.

So gab es in und vor den Toren Demmins das Heilgeisthospital mit Kapelle, die St. Otten-Kapelle, das St. Gertrud-Hospital mit Kapelle, die Nikolaikirche mit Kapelle, die Michaeliskapelle, das St. Georgshospital mit Kapelle, die Kapelle zum heiligen Kreuz, die Jodoki-Kapelle und nicht zu vergessen die Gebäude der Kalandsbrüderschaft, der Beghinen und die Pfarrhäuser.

Die Marienkirche befand sich östlich von Demmin außerhalb der Demminer Stadtbefestigung. Vermutungen, dass die Marienkirche bereits vor 1295 existierte und möglicherweise die älteste Kirche Demmins sei, sind jedoch nicht belegt. Sie war Parochialkirche – also Mutter- oder Hauptkirche – für die der Stadt gehörenden Dörfer Vorwerk, Buschmühl, Brünzow, Quitzerow und Pensin, die zum Teil eigene Kapellen als Filialen hatten. Als Parochialkirche wurde sie 1390 in einer Urkunde ausdrücklich von den Hospitalkirchen der Stadt unterschieden.

An ihrem früheren Standort befindet sich heute der Demminer Marienhain mit der kleinen Kapelle in der Mitte. Stolle hat die damals noch vorhandenen Fundamente der Marienkirche vermessen lassen und die Kirche mit circa 28 Metern Länge und 10 Metern Breite angegeben. „Sie ist auch mit einem Turm geziert gewesen“, den Stolle mit circa 30 Metern Höhe errechnete.

Pastor treibt in der Kirche vermutlich Unfug

Zum Grundvermögen der Marienkirche gehörten unter anderem „9 Stück Acker im Kuhfelde, jedes Stück 7 Morgen groß, etliche Wiesen, die Papenkavel und die Küsterwiese“. Aber auch die Gehälter der sich im Ruhestand befindlichen Pastoren waren beträchtlich. Nachdem Ambrosius Schlüter (seit 1582 Pastor der Kirche) seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen war, wurde zunächst eine Vertretung durch den Kaplan und den Kantor angeordnet. Schließlich wurde der Pastor 1624 endgültig „wegen seines hohen Alters und bekannten Unvermögens“ in den Ruhestand versetzt.
Die Altersversorgung bestand, neben einer Wohnung und Naturalien, aus einer jährlichen Zahlung von 100 Gulden durch die Kirchengemeinde.

Es lag indes Einiges im Argen in St. Marien.1369 wurde Matthias de Kaland beschuldigt, „dass er diese Kirche molestirt und Unfug darin angerichtet hatte“. Da Kaland die Rechte der Kirche in Abrede stellte, kam das Verfahren sogar bis vor den päpstlichen Auditor und Kaland wurde nach Rom bestellt. Vom Ausgang des Verfahrens ist nichts bekannt geworden.

Zudem gab es später Beschwerden über Gemeindemitglieder, Geistliche und Schulgesellen. Die „Kleistesche“ und „Frolikische“ waren sogar in der Kirche handgreiflich geworden und hatten sich miteinander geschlagen. Zwei Gulden waren die Strafe für das Vergehen. Sehr wahrscheinlich nach Einführung der Reformation in Pommern, spätestens aber ab 1578, hatten die Demminer Pfarrkirche St. Bartholomaei und die Marienkirche eine gemeinschaftliche Vermögensverwaltung und gemeinsame Vorsteher. 1588 erfolgte eine erste Visitation der Kirche, weitere fanden 1602, 1619 und 1626 statt.

1602 wurde festgestellt, dass die Vermögensverwaltung nicht konsequent die den Kirchen zustehenden Zinsen und Pachten eingetrieben hatte. Es waren von 1578 bis 1601 Außenstände von über 14000 Mark aufgelaufen. Auch der Zustand im Inneren der Marienkirche wurde 1602 beanstandet und der Kirchenvorstand beauftragt, einen neuen Fußboden einbauen zu lassen. Nach 1626 wurde das Dach der Kirche ausgebessert, der Friedhof vergrößert und mit einer Feldsteinmauer umgeben.

St. Marien stellt Verteidigungs-Risiko dar

DasEnde der Kirche kam mit dem Dreißigjährigen Krieg. 1630 wurde die Marienkirche auf Befehl Federigo Savellis, Kommandeur der kaiserlichen Truppen, abgerissen. Wegen ihrer Nähe zu den Befestigungsanlagen der Stadt stellte die Kirche nach Savellis Ansicht ein Risiko für die Verteidigung der Stadt dar. Der letzte Pastor Magnus Kannengießer hatte den Untergang der Marienkirche mit ansehen müssen und blieb bis zu seinem Tod 1635 ohne Kirche. Der Friedhof der Marienkirche wurde noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts für Beerdigungen genutzt. Die Kirchengemeinde wurde bei der St. Bartholomaei-Kirche eingepfarrt. Sie hatte aber weiterhin einen eigenen Pastor. Einer von ihnen war der Prediger und Chronist Wilhelm Karl Stolle.

Aus dem ehemaligen Marienfriedhof entstand später der Demminer Stadtpark
Marienhain mit der kleinen Kapelle in der Mitte. Um die achteckige Form des klassizistischen Zentralbaus von 1799 zu betonen, trug die Marienkapelle seit der Erbauung Rustikalputz. In dem 2008 neu gestalteten Park fand neben anderen Grabsteinen auch der 1998 sanierte alte Obelisk, die Grabstelle des „Doctores“ Muhrbeck, einen würdigen Platz.