TROTZ SEUCHENGEFAHR

Schlachtabfälle in der Natur – Corona schuld?

Schweinepest und Vogelgrippe drohen sich weiter zu verbreiten. Dennoch landeten zuletzt vermehrt Wild- und Schlachtabfälle in der Natur. Ein Experte hat einen Verdacht, woran das liegen könnte.
Der Schnee hat den unappetitlichen Anblick inzwischen etwas verdeckt. Diese tierischen Überreste lagen mehr als eine Woch
Der Schnee hat den unappetitlichen Anblick inzwischen etwas verdeckt. Diese tierischen Überreste lagen mehr als eine Woche lang am Waldrand in Demmin. Christine Gerhard
Demmin ·

Nahe einer Weide und einem Demminer Hundesportplatz, nur wenige Schritte vom angrenzenden Weg in das Devener Holz hinein, liegt ein Müllsack, von dem süßlicher Verwesungsgestank ausgeht. Die offenbar eilig hingeworfene Tüte ist an einer Seite geöffnet. Daraus ragt, vom Schnee teilweise bedeckt, ein befelltes Bein mit einem Huf und etwas, das aussieht wie ein Flügel – offensichtlich Schlachtabfälle. Von dem befahrbaren Weg aus ist die Tüte deutlich zu erkennen, trotzdem meldete zunächst niemand den unappetitlichen Fund. Als ihn eine Zeugin schließlich Anfang der vergangenen Woche beim Demminer Ordnungsamt anzeigte, habe der Sack schon ein paar Tage so dort gelegen. Und das tat er auch am Montag noch. Für die Hinweisgeberin ist das unverständlich, gerade angesichts der Seuchengefahr.

„Wir kümmern uns darum, dass es schnell wegkommt“, versprach Ordnungsamtsleiter Jörg Küthe, an die E-Mail erinnert. Untergegangen sei die Anzeige nicht, man arbeite eben alles Stück für Stück ab. Nach fast einer Woche war es endlich soweit: Am Dienstag war der blaue Müllsack samt Inhalt verschwunden.

Täter in der Regel schwer zu ermitteln

Letztlich fielen solche Funde in den Zuständigkeitsbereich des Landkreises, erklärte Küthe, und so meldete das Ordnungsamt die Kadaver zudem dem Veterinäramt. „Die wollen das oft in Bezug auf Schweinepest überprüfen“, weiß er. Das Veterinäramt übernehme auch die weiteren Ermittlungen zu einem solchen Fall. „Zunächst einmal liegt ein Verstoß gegen das Tierkörperbeseitigungsgesetz vor, das ist eine Ordnungswidrigkeit“, so Küthe. „Dann wurde auch ein Tier getötet, vielleicht ohne Grund. In dem Fall läge eine Straftat vor.“ Die Täter seien aber erfahrungsgemäß schwer zu ermitteln.

Aus Erfahrung weiß Küthe auch, dass solche Fälle in seinem Amtsbereich „leider immer mal wieder“ vorkommen. Dass es im Raum Demmin ein Problem mit falsch entsorgten Kadavern gebe, kann er nicht bestätigen. Blickt man jedoch über die Stadtgrenzen hinaus, so scheinen sich die Fälle durchaus zu häufen. Erst vor einer guten Woche waren Wanderer im Darguner Erholungswald auf Reste von zerlegten Wildschweinen und Damwild gestoßen.

Wildmarkt durch Lockdown völlig übersättigt

Und auch wenn ähnliche Fälle aus dem Bereich Altentreptow bereits ein Jahr zurückliegen, weiß der stellvertretende Vorsitzende des Jagdverbandes Demmin, Eberhard Koball, dass derartige unsachgemäße Entsorgungen von Wildabfällen in der Natur in der letzten Zeit häufiger vorkommen. Koball hat dafür auch eine Erklärung: Durch den Import von Wildfleisch aus dem Ausland, etwa aus Australien oder Neuseeland, vor allem aber auch infolge der Corona-Pandemie seien die Wildaufkaufpreise hierzulande um zehn bis zwanzig Prozent gesunken. Die Jäger verdienten durch den Wildverkauf kaum mehr Geld. „Der Markt ist voll“, erklärt Koball. „Wild wurde zum größten Teil an Gastronomen verkauft, die haben nun schon seit einer ganzen Weile geschlossen.“ Dadurch hätten Jäger zunehmend Schwierigkeiten, geschossenes Wild loszuwerden.

Die Folge dieser Entwicklungen auf dem Markt: „Es kommt immer häufiger vor, dass Wild von Jägern an andere Bürger weiterverkauft wird, die es dann selbst schlachten und verarbeiten“, so Koball. „Meiner Meinung nach ist das die Ursache.“ Denn die Käufer wüssten häufig nicht wohin mit den Abfällen. „Sie packen das dann ins Auto, fahren raus und werfen es aus dem Wagen“, meint Koball.

Spezielle Abfalltonnen sind im ganzen Land verteilt

Jäger selbst stecken seiner Einschätzung nach sehr selten hinter den falsch entsorgten Schlachtabfällen. Sie wissen, wie man Wildreste fachgerecht beseitigt, haben auch das Recht, sie im eigenen Revier zu vergraben, so Koball. Ganz freisprechen will er die Jäger aber trotzdem nicht: „Es liegt in der Verantwortung des Jägers, der das Wild verkauft, sicherzustellen beziehungsweise zu helfen, dass die Abfälle ordnungsgemäß entsorgt werden“, findet er.

Kleinere Abfälle dürfen in den Hausmüll, große Schwarzwilddecken, an denen noch das Haupt hängt, müssen über einen speziellen Entsorger fachmännisch beseitigt werden – in Mecklenburg-Vorpommern übernimmt das die Tierkörperentsorgungsfirma Secanim. Zudem stehen laut Koball im Bereich Altentreptow, in Burow und in Pinnow, insgesamt drei sogenannte Konfiskatbehälter für Wild- und Schlachtabfälle bereit, deren weitere Entsorgung dann Fachleute übernehmen. Solche von Privatleuten, Pächtern oder auch der Landesforst aufgestellte Tonnen sind nach Aussagen des Veterinäramts im ganzen Land verteilt.

Doch auch wer selbst kein Wild verarbeitet, kann darauf achten, dass falsch entsorgte Kadaver nicht noch länger in der Natur liegen. Stößt man beim Spazierengehen auf Schlachtabfälle, rät Koball, den für das Revier zuständigen Jäger zu informieren, der sich dann um das weitere Vorgehen kümmert. „Wir sind schon den Menschen und der Umwelt gegenüber verpflichtet, infektiöses Material, das in der Natur herumliegt, zu beseitigen“, so Koball. Direkt beim Entsorger anzurufen, könnte dagegen teuer werden. „Denn wer den Auftrag gibt, zahlt“, sagt er. Liegen lassen ist allerdings auch keine Lösung.

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Kommentare (2)

oder Schwurbler, Verschwörungstheoretiker, Rechtsradikale.
Wer soll sonst Schuld sein?
Kann der Qualitätsjournalismus noch besser werden?

Das ich schieße, nehme ich mit und entsorge die Reste. Schaffe ich das nicht, schieße ich auch nicht. Ganz einfach.
Das hat mit Corona nichts zu tun. Das ist meist einfach nur Faulheit