Heimat – das ist auch der Demminer Fußballplatz. Seine Freunde dort kennen ihn unter dem Spitznamen „Mobbi&l
Heimat – das ist auch der Demminer Fußballplatz. Seine Freunde dort kennen ihn unter dem Spitznamen „Mobbi“. Unter ihnen war Tobias Bräuer stets der einzige Schwarze. Pablo Himmelspach
Hier trägt Tobias Bräuer traditionelle Kleidung aus Benin – dem Heimatland seines Vaters. Er hat gelernt, stol
Hier trägt Tobias Bräuer traditionelle Kleidung aus Benin – dem Heimatland seines Vaters. Er hat gelernt, stolz auf seine Herkunft zu sein. Pablo Himmelspach
Rassismus

So ist es, als Schwarzer in Demmin aufzuwachsen

Tobias Bräuer hat als Schwarzer in Demmin Situationen erlebt, die andere nie erleben werden. Früher verstand er vieles nicht. Heute ist er stolz, jemand Besonderes zu sein.
Demmin

Tobias Bräuer trägt weiße Turnschuhe und eine dicke Daunenjacke. Er ist 20 Jahre alt, spielt seit 15 Jahren in Demmin Fußball und möchte bald in Rostock studieren – genauso wie viele andere in seinem Alter. Und doch hat er die Hansestadt anders erlebt als alle seine Freunde.

„Ich war schon immer der Einzige mit dunkler Hautfarbe“, sagt Bräuer. Der junge Mann kann Geschichten davon erzählen, wie er deshalb beleidigt oder ungerecht behandelt wurde. Auf der Straße, in der Schule oder auf dem Fußballplatz. Und trotzdem ist einer der ersten Sätze, die er sagt: „Ich habe hier in Demmin nicht viel Schlimmes erlebt.“

Alle, die ihn kennen, nennen ihn „Mobbi“ – ein Spitzname, den ihm seine Mutter gegeben habe, weil es in seiner Fußballmannschaft schon einen anderen Tobias gab. Schon immer habe er Freunde gehabt, die ihn respektierten und schätzten. Weil er gut Fußball spielte und weil er eben er selbst war. Und doch hatte er Probleme, die seine Freunde nicht hatten. Musste sich Situationen stellen, in die andere nie hineingeraten würden. Wenn er etwa aus vorbeifahrenden Autos beleidigt wurde. Oder wenn ältere Menschen zu ihm sagten: „Oh, du sprichst aber gut deutsch.“

Stets versuchen, nicht unangenehm aufzufallen

Bräuer sagt, er sei in solchen Situationen immer ruhig und respektvoll geblieben. „Das sind eben Vorurteile. Da können die Älteren ja nichts für“, sagt er. Und doch sieht er auch genau darin das Problem: Dass er als Schwarzer versuchen muss, nicht aufzufallen. Dass er andere Menschen erst von sich überzeugen muss, indem er höflich ist oder gut Fußball spielt.

Auf seinem Instagram-Profil trägt er das nach außen: „Schwarz zu sein, bedeutet, sich selbst einzuschränken, um nicht als die ‚wütende, laute, schwarze Person‘ abgestempelt zu werden“, steht in einem von ihm geposteten Beitrag.

„Ich habe gelernt, stolz zu sein”

In der Schule gab es Situationen, in denen er genau das erlebte. „Eine Lehrerin am Gymnasium hat im Geschichtsunterricht immer wieder ‚Negersklave‘ gesagt. Die anderen haben gelacht und mich angeguckt. Ich habe nichts dazu gesagt und mich nur gefragt, was das sollte“, erinnert sich Bräuer.

Als Kind habe er sich nicht viele Gedanken über seine Hautfarbe und seine Wurzeln gemacht, sagt er. Verstand es nicht, wenn er beim Fußball deshalb eine Zeit lang gemobbt wurde. Doch mittlerweile ist das anders. „Ich habe gelernt, stolz zu sein und mich nicht dafür zu schämen, wer ich bin“, sagt Bräuer. Er wolle nach außen tragen, dass er anders ist – und damit etwas Besonderes.

Für diese persönliche Entwicklung gab es bei ihm einen klaren Auslöser. „Das fing an mit George Floyd“, erinnert er sich. Im Mai 2020 war der Afroamerikaner George Floyd in den USA von einem weißen Polizisten ermordet worden. Die Bilder gingen um die Welt und lösten eine Welle des Protests aus.

Besuch beim Vater in Benin geplant

Heute trägt Tobias Bräuer manchmal eine Kette mit dem afrikanischen Kontinent um den Hals. Sein Vater lebt dort zusammen mit seinen zwei Halbbrüdern – in dem 12 Millionen Einwohner zählenden Land Benin. Bald wolle er ihn das erste Mal dort besuchen, wenn möglich noch in diesem Sommer. „Eigentlich wollte ich das schon nach meinem 18. Geburtstag machen, aber durch Corona hat es leider nicht geklappt“, sagt Tobias Bräuer.

Aktuell wohnt und arbeitet er in Rostock. Im nächsten Jahr möchte er dort studieren – Sportwissenschaften oder Sozialpädagogik. Und ob er danach wieder nach Demmin zurückkommt? „Wahrscheinlich nicht. Für meine Kinder möchte ich eine Stadt mit mehr Diversität“, sagt Tobias Bräuer.

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