EINSTIGE SOWJET-SIEDLUNG

Tiere stoppen Abriss an Tutows Pommernring

Eigentlich wollten die Tutower zwei Wohnblöcke längst abgerissen haben. Nach einigen anderen Schwierigkeiten, bremsen nun neue Bewohner das Projekt aus.
So hoch hinaus wie Riccardo Harloff hat es im mittleren Peenetal wohl vorher noch nie jemand mit einem Minibagger geschafft. D
So hoch hinaus wie Riccardo Harloff hat es im mittleren Peenetal wohl vorher noch nie jemand mit einem Minibagger geschafft. Denn der Vorpommer gehört zu jenem Handwerker-Team, das in den vergangenen Wochen den Abriss von zwei Wohnblöcken im Tutower Pommernring vorbereitet hat – hier ganz oben auf dem Dach. Stefan Hoeft
Tutow, Pommernring 9 bis 16: Diese von der Gemeinde schon lange zum Rückbau vorgesehenen Fünfgeschosser werden wohl
Tutow, Pommernring 9 bis 16: Diese von der Gemeinde schon lange zum Rückbau vorgesehenen Fünfgeschosser werden wohl noch mindestens bis in den Herbst hinein stehen bleiben. Stefan Hoeft
Mittlerweile ist die Entkernung so gut wie abgeschlossen, doch abgerissen werden dürfen die Wohnungen vorerst trotzdem ni
Mittlerweile ist die Entkernung so gut wie abgeschlossen, doch abgerissen werden dürfen die Wohnungen vorerst trotzdem nicht. Stefan Hoeft
Bei der Untersuchung der Fußböden wurden im Vorfeld offenbar nicht alle Schadstoffe entdeckt.
Bei der Untersuchung der Fußböden wurden im Vorfeld offenbar nicht alle Schadstoffe entdeckt. Stefan Hoeft
Tutow.

Der Abriss zweier Wohnblöcke im ehemaligen sowjetischen Flugplatz-Wohngebiet in Tutow verzögert sich noch weiter. Die Naturschutzbehörde befürchtet, so Jarmens Bauamtsleiterin Karina Bodemann, dass sich wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit dort Vögel und Fledermäuse eingenistet beziehungsweise sich Schlafplätze in den vielen Ecken und Fugen gesucht haben. Auch dank der vielen offenen Fensterhöhlen. „Die naturschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung für den Abriss ist nicht verlängert worden“, erklärte sie.

Lediglich die Entkernung und bestimmte Vorbereitungsarbeiten dürfen dadurch jetzt noch umgesetzt werden, alles andere erst wieder frühestens ab Mitte September. Das bedeutet, dass diese Blöcke mindestens noch bis in den Herbst 2020 hinein stehen bleiben. Und die Kommune muss sich einen Kopf machen, wie sie bis dahin die Zugänge wieder sichert, um etwa neuerlichen illegalen Abfallentsorgungen einen Riegel vorzuschieben oder sogar weiteren Brandstiftungen.

Abriss vor mittlerweile drei Jahren beschlossen

Der Abriss stand scheinbar von Beginn an unter keinem guten Stern. Nach umfangreichen Diskussionen innerhalb der Abgeordneten-Runde und teils heftiger Kritik von betroffenen Mietern rang sich die Gemeindevertretung Tutow bereits im Mai 2017 dazu durch, die Aufgänge 9 bis 16 im Pommernring abzureißen. Immerhin wies das einst vom Bund übernommene Wohngebiet teils mehr als 60  Prozent Leerstand auf und belastete entsprechend die öffentliche Kasse.

Nach diesem Beschluss sollte eigentlich alles ganz schnell gehen. Schließlich stellte das Programm Stadtumbau-Ost 50 Euro Förderung pro Quadratmeter zur Verfügung, und die Kommune hatte mit dieser Art Flurbereinigung auf dem Wohnungsmarkt bereits beim Abbruch ihres kompletten Flughafenringes gute Erfahrung gemacht. Obendrein entwickelten sich die besagten Fünfgeschosser zum beliebten Ziel von Vandalismus und Brandstiftungen. Doch so rasch, wie es sich Bürgermeister Roland Heiden und seine Mitstreiter erhofften, kamen sie längst nicht zu Potte, im Gegenteil.

Land änderte die Förderrichtlinie

Das Ziel, nach dem Auszug des letzten Mieters im Sommer 2018 die Betonkolosse noch bis zum Jahresende abtragen zu lassen, rückte bald in weite Ferne. Zum einen, weil das Land zwischendurch die Förderrichtlinie änderte und deshalb eine Überarbeitung des Antrages erwartete. Zum anderen, weil sich im Zuge von Bundestagswahl und Regierungsbildung die Verabschiedung des Bundeshaushaltes verschob und das Geld in dem Topf gar nicht für alle Interessenten reichte. Überdies dauerte es mit der Bearbeitung und später dem offiziellen Zuwendungsbescheid bis zum Dezember. Ohne den traut sich kaum eine Kommune, bereits die Ausschreibung in Angriff zu nehmen. Außerdem wartete Tutow auf die erhoffte Zusage für eine sogenannte Sonderbedarfszuweisung aus dem Innenministerium in Höhe von 60 Prozent der Eigenmittel. Die kam dann vergangenes Jahr.

Das Planungs- und Ausschreibungsverfahren indes zog sich unabhängig davon ziemlich in die Länge. Später plädierten die Verantwortlichen dafür, doch nicht mehr 2019 die entsprechenden Angebote einzuholen, weil sie angesichts der Auftragslage in der Branche zum Herbst hin mit deutlich höheren Forderungen der Abriss-Unternehmen rechneten. Die Submission und Vergabe passierte damit erst im Frühjahr 2020, im Mai segnete die Gemeindevertretung den Auftrag ab. Und konnte sich tatsächlich freuen, dass die Ergebnisse erheblich unter den Schätzungen liegen: Statt der veranschlagten gut einer halben Million Euro liegt die offerierte reine Rückbau-Summe bei 226.000 Euro. Angesichts der Stadtumbau-Förderung von fast 244.000 Euro also ziemlich perfekt anmutend.

Zugemüllte Keller verursachen Extra-Kosten

Allerdings gehören zum Gesamtpaket dieser Maßnahme ja auch noch die Planungskosten, machte die Jarmener Kämmerin Rotraut Kriemann klar. Ebenso wie die vorherige Untersuchung, ob sich die Handwerker mit Vögeln oder Fledermäusen ins Gehege kommen. Überdies musste bereits und müsse noch finanziell nachgelegt werden. Denn wie sich zeigte, waren einige der 88 Wohnungen und Keller dermaßen zugemüllt, dass sich die Firma weigerte, diesen in der Ausschreibung nicht enthaltenen Umstand umsonst zu bereinigen. „Einige haben anscheinend auch Müll noch dorthin gebracht“, berichtete der Bürgermeister. Hinzu kommt, dass sich beim Startschuss für den Abbruch im Innern jetzt plötzlich unter einigen Fußböden Schadstoffe im Deckenaufbau fanden, die bei den für die Planung vorgenommen punktuellen Bohrungen nicht aufgefallen waren, so Heiden.

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