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Tränen am Grab des Vaters

Wolfram Besch interessiert sich für das Leben in Demmin genauso wie für die eigene Familiengeschichte. Vor drei Jahren fand er das Grab seines Vaters.
Wolfram Besch interessiert sich für das Leben in Demmin genauso wie für die eigene Familiengeschichte. Vor drei Jahren fand er das Grab seines Vaters.
Gudrun Herzberg

Seinen Vater hat der Demminer Wolfram Besch nie kennengelernt. Lange Zeit hielt er sogar dessen Grab für verschollen – bis er es durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge doch noch fand.

Für Wolfram Besch ist der 14. Januar ein besonderer Tag. Ein Tag des Innehaltens, der Besinnung, ein Tag des stillen Gedenkens. Während für die meisten anderen Demminer an jenem Mittwoch in knapp zwei Monaten der ganz normale winterliche Alltag herrschen wird, wird Wolfram Besch sich wohl in einer stillen Minute zurückziehen und in einer weinroten Mappe blättern: auf einer mechanischen Schreibmaschine getippte Seiten, schwarz-weiße Fotos mit Kindern in Matrosenanzügen, sichtlich Bilder aus einer anderen Zeit.

Beschs Onkel Hans hat vor Jahren die Mappe zusammengestellt für Wolfram Besch und dessen Bruder. Sie enthält das komprimierte Leben Ulrich Beschs, des Vaters von Wolfram Besch, den dieser nie kennengelernt hat. Denn Ulrich Besch, geboren am 6. Mai 1911, überlebte den Zweiten Weltkrieg und fiel ihm dann doch noch zum Opfer. Er starb am 14. Januar 1946 in britischer Gefangenschaft. Sein Sohn Wolfram war da noch keine drei Jahre alt.

Zwei Menschen das Leben gerettet

Geboren wurde sein Vater am 6. Mai 1911 in Berlin-Niederschönhausen als Sohn des Postassistenten Emil Besch und seiner Frau Hedwig. 1920 zog die Familie nach Greifenberg im heute polnischen Teil Pommerns, wo Ulrich und sein Bruder Hans an ein humanistisches Gymnasium gingen. Zwölf Jahre später legte Ulrich Besch das Lehrerexamen ab, arbeitete zeitweilig als Hauslehrer, hatte dann Stellen im damaligen Kreis Cammin und in Prerow und wurde schließlich Zeichenlehrer in Demmin, wo er seine Frau kennenlernte.

Sein Bruder Hans beschreibt ihn im Rückblick als einen charaktervollen, fröhlichen und beliebten Menschen. „Seinen Mitmenschen begegnete er offen und ehrlich. Er war zuverlässig und pflichtbewusst.“ Zudem sei er ein guter Sportler gewesen: im Geräteturnen, im Eiskunstlauf. „Auch im Sportschwimmen hat er wiederholt Preise geholt.“ Das zählt zu den Facetten seines Vaters, von denen auch Wolfram Besch aus Erzählungen weiß. „Mit 17, 18 Jahren“, sagt er, „hatte Vater schon zwei Menschen das Leben gerettet.“

Tod im Januar 1946

Vor dem Krieg rettete ihn das nicht. Ulrich Besch diente als Leutnant in einer Marine-Flak-Einheit in Norwegen und später offenbar in Dänemark. Mit den anderen deutschen Truppen der Region geriet er bei Kriegsende in die Gefangenschaft der Briten und kam in ein Lager in Schleswig-Holstein. Zwar entließen die Briten ihre Kriegsgefangenen schon sehr früh, doch das hing auch ab von der politischen Vergangenheit. „Die Gefangenen, die Amtsträger der NSDAP waren“, schreibt Hans Besch, „wurden nicht in die Freiheit entlassen, sondern am 31. 8. 1945 an das britische Zivilinternierungslager Neumünster übergeben.“ Unter ihnen war auch Ulrich Besch. Er verstarb dort im Januar 1946.

Seinem Sohn Wolfram blieb ein Besuch dort zu DDR-Zeiten verwehrt, dann lebte er lange Zeit in dem Glauben, das Gab existiere nicht mehr. Denn sein Onkel hatte irrtümlich berichtet, es sei eingeebnet worden. Bis er vor einigen Jahren eine Anfrage an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge stellte und erfuhr, dass die Kriegstoten nur vom Süd- auf den Nordfriedhof in Neumünster umgebettet worden seien. Dort fand Wolfram Besch vor drei Jahren den einfachen Gedenkstein für seinen Vater.

"Anfangs hatte es genieselt"

Ein Tag, an den er sich noch genau erinnert. „Anfangs hat es genieselt“, erzählt er, „aber auf dem Friedhof kam dann die Sonne heraus.“ Es war ein Augenblick, den er nie vergessen wird. „Ich war erschüttert, mir kamen die Tränen“, sagt er. „Aber die Vorstellung, dass dort die sterblichen Überreste meines Vaters ruhten, der zurück wollte, aber nicht zurück durfte...“

Noch heute ist Besch die Erschütterung anzumerken, wenn er davon erzählt. Und an das Grab wird er wohl auch denken, wenn wieder 14. Januar ist, ein ganz gewöhnlicher Mittwoch für die meisten in Demmin, ein Tag des stillen Gedenkens für Wolfram Besch.