Wiederaufbau

Typisch DDR? Genormte Wohnungen und Plattenbauten prägen Demmin

In den 1950er Jahren begann der Wiederaufbau in Demmin. Erst wurde das Zentrum bebaut, später im Osten ein ganzes Viertel errichtet. Es mussten Wohnungen her.
Die ersten Neubauten nach dem Krieg in der Christinenstraße kamen noch recht traditionell mit Spitzdächern daher.
Die ersten Neubauten nach dem Krieg in der Christinenstraße kamen noch recht traditionell mit Spitzdächern daher. ZVG/Karsten Behrens
Der Prototyp der WBS 70 in Neubrandenburg steht heute unter Denkmalschutz.
Der Prototyp der WBS 70 in Neubrandenburg steht heute unter Denkmalschutz. Foto: Martin Püschel / www.jeder-qm-du.de
Heute erinnert eine goldene Gedenktafel an die ersten Neubauten nach dem Krieg in Demmin.
Heute erinnert eine goldene Gedenktafel an die ersten Neubauten nach dem Krieg in Demmin. Pablo Himmelspach
Gedeckt mit Ziegeln aus den Trümmern, waren die Häuser in der Christinenstraße die ersten Neubauten nach dem K
Gedeckt mit Ziegeln aus den Trümmern, waren die Häuser in der Christinenstraße die ersten Neubauten nach dem Krieg. Pablo Himmelspach
Heute stehen auch in Demmin einige Blocks leer. Obwohl sie großes Potenzial für die Zukunft bieten.
Heute stehen auch in Demmin einige Blocks leer. Obwohl sie großes Potenzial für die Zukunft bieten. Pablo Himmelspach
Demmin

Am 7. Oktober 1953 war es so weit. In der Christinenstraße 3 bezogen Mieter die ersten nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Neubauten in Demmin. Aufgebaut aus Trümmerteilen von im Krieg zerstörten Häusern, setzten sie den Startpunkt für den Wiederaufbau. Drei Geschosse, standardisierte Wohnungen und Ziegelsteine aus der Zeit vor dem Krieg versprachen eine neue Zukunft: Gutes Wohnen für alle, auch in Demmin! Heute erinnert eine goldene Tafel an die „Ersten kommunalen Wohnhäuser nach dem Zweiten Weltkrieg.“

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Industrielle Bauweise

Nachdem bis 1950 die letzten Brandruinen abgerissen wurden und die Stadt oberflächlich enttrümmert worden war, konnte in Demmin die Zeit des Wiederaufbaus beginnen. Mit neuem Platz und teilweise altem Material errichteten Arbeiter die ersten Neubauten im Zentrum, noch ohne Platten, doch bereits in genormter, industrieller Bauweise.

Der Siegeszug von WBS 70

In den 1960er und 1970er Jahren folgte dann die Zeit des industriellen Wohnungsbaus, von der Demmins Ansicht bis heute gezeichnet ist. Ganze Straßenzüge wurden grundstücksübergreifend tiefenenttrümmert und mit Wohnblocks bebaut. Ein Vorgehen, das so nicht nur in Demmin stattfand – in der gesamten DDR mussten viele im Krieg zerstörte Städte neu gestaltet werden. Auch Neubrandenburgs Altstadt verbrannte fast komplett und bekam nach 1945 ein neues Gesicht. Im dortigen Wohnungsbaukombinat wurde in den 1970er Jahren zudem die Wohnungsbauserie entwickelt, die in den folgenden Jahren in der gesamten Republik für genügend Wohnraum sorgen sollte: die WBS 70. In verschiedenen Varianten waren die Häuser bald in jeder ostdeutschen Stadt wiederzufinden. Der Prototyp des Modells steht noch heute in der Koszaliner Straße in Neubrandenburg.

Es herrscht Wohnungsmangel

Genormte Hochhäuser und Stadtviertel, die beinahe identisch waren, fußten jedoch nicht nur auf der sozialistischen Idee der Gleichheit. Der Boden, auf dem sie wuchsen, war auch der nach wie vor herrschende Wohnungsmangel. Um dem entgegenzutreten, startete in der DDR 1972 das „Staatliche Wohnungsbauprogramm“. Mit dem verkündeten Ziel: „Jedem seine eigene Wohnung.“ Da es jedoch an Geld und Baustoffen mangelte, wurden die Neubauten immer weiter standardisiert, was schnelles und günstiges Bauen ermöglichte. Dies ließ zwar immer mehr Wohnungen entstehen, verkleinerte aber auch den gestalterischen Spielraum für die Architekten. Die WBS 70 ging aus dem Modell P2 hervor, welches aber zu teuer war.

Neues Viertel namens Bangladesh

In Demmin war aller Platz im Stadtzentrum bis zu den 1980er Jahren bebaut. Da es jedoch immer noch mehr Menschen als Wohnungen gab, begann 1980 der Bau eines neuen Stadtteils im Osten, heute bekannt als Bangladesh. Wo vorher nur Kleingartenanlagen waren, wurden bis ins Jahr 1988 insgesamt 591 Wohneinheiten geschaffen. In der Hansestadt existierten damit insgesamt 2877 Wohnungen, die nach 1945 erbaut worden – was einen Anteil von 45 Prozent am Gesamtbestand ausmachte.

Blocks galten als modern

Und während die Blocks heute eher für vergangene Tage stehen, waren sie damals ein Zeichen der Modernität. In einer Broschüre zur baulichen Entwicklung Demmins aus dem Jahr 1988 eröffnet ein Luftbild den Blick auf die Stadt von Osten. Mit der Unterschrift: „Im Vordergrund Wohnbebauung WBS 70 W.-Pieck-/R.-Luxemburg-Straße.“

Lob für Energieeffizienz

Der Umgang mit Plattenbauten, die heute auch in Demmin teilweise leer stehen, ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Einige Blocks wurden längst abgerissen, andere um zwei Stockwerke verkleinert, wieder andere bekamen neue Farbanstriche. Der Neubrandenburger Architekt der WBS 70 Wilfried Stallknecht, betonte in einem Interview aber auch das Potenzial der Plattenbauten für die Lösung der Klimafrage. „Ohne dass man es wusste, hat man schon an die Zukunft gedacht. Und zwar was Energieeffizienz betrifft“, sagte Stallknecht. Die Platten, Dächer und Balkone böten verschiedenste Nutzungsmöglichkeiten für Solaranlagen oder kleine Windräder.

Jede Wohnung mit Sonnenschein

Zudem ermögliche die DDR-Bauordnung etwas, dass für Energieeffizienz sowie allgemeines Wohlbefinden sorgt: „Jede Wohnung hat einen Raum, der am 22. Februar mindestens über zwei Stunden Sonneneinstrahlung verfügt“, sagte Stallknecht. Warum der Architekt gerade den 22. Februar betonte, bleibt unklar. Doch klar ist, dass der Abstand der Gebäude so konzipiert ist, dass die Sonne auch im Winter in die Wohnungen scheint.

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