Jan „Monchi” Gorkow, Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, wog Ende 2019 noch 182 Kilogramm. Mittlerwei
Jan „Monchi” Gorkow, Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, wog Ende 2019 noch 182 Kilogramm. Mittlerweile hat er mehr als 65 Kilogramm abgenommen. Sebastian Kahnert, Bernd Wüstneck, NK-Montage
Proppenvolles Kulturzentrum: Rund 250 Leute besuchten die Lesung von Jan Gorkow alias Monchi in seiner Heimatstadt Jarmen. Mit
Proppenvolles Kulturzentrum: Rund 250 Leute besuchten die Lesung von Jan Gorkow alias Monchi in seiner Heimatstadt Jarmen. Mit dabei als besondere Vortragsorte: Omas Sessel und eine Badewanne. Stefan Hoeft
Die besonders emotionalen Momente: Mutter Angela las einen Brief der Eltern an ihren Sohn selbst vor.
Die besonders emotionalen Momente: Mutter Angela las einen Brief der Eltern an ihren Sohn selbst vor. Stefan Hoeft
Viele Teilnehmer der Lesung nutzen die Gelegenheit im Anschluss zu Gesprächen mit dem Sänger und Autor, so einige li
Viele Teilnehmer der Lesung nutzen die Gelegenheit im Anschluss zu Gesprächen mit dem Sänger und Autor, so einige ließen sich dabei gleich eine persönliche Widmung in ihr Exemplar des Buches schreiben. Und nebenbei wurde in einer Wanne gleich noch Geld für ein Jugendprojekt in Jarmen gesammelt. Stefan Hoeft
Ein Bild, das mittlerweile gut einen Zentner und fast drei Jahre her ist: Das Festival „Wasted in Jarmen”, hier di
Ein Bild, das mittlerweile gut einen Zentner und fast drei Jahre her ist: Das Festival „Wasted in Jarmen”, hier die Auflage 2019, bezeichnete Jan Gorkow als das beste, was er und seine Band „Feine Sahne Fischfilet” bisher geschafft hätten. Stefan Hoeft
Feine Sahne Fischfilet

Warum sich Sänger Monchi in Jarmen fast nackig machte

Es geht um Extreme, Gewalt und seine Fresssucht. Die Lesung des Frontmanns der Band „Feine Sahne Fischfilet“ in seiner Heimatstadt Jarmen sorgte für rührende Szenen.
Jarmen

Nicht nur als Fußball-Ultra und Frontmann der Band „Feine Sahne Fischfilet“ hat Jan Gorkow aus Jarmen so einiges weggesteckt und wohl kaum weniger ausgeteilt. Doch Besuche in seiner alten Heimat scheinen trotz oder gerade wegen seines unsteten Lebens immer noch und immer wieder etwas Besonderes – egal ob „nur“ im Familien- oder Freundeskreis, als Musiker und auf einer Bühne oder wie jetzt als frischgebackener Bestseller-Autor.

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Blick hinter die Schlagzeilen

Schließlich ist Gorkow hier buchstäblich groß geworden, erst später begleitet von jenem massiven Übergewicht, das Gegenstand seines Buches „Niemals satt – Über den Hunger aufs Leben und 182 Kilo auf der Waage“ geworden ist. An diesem Ort kennen ihn fast alle Generationen von klein auf an und kümmern sich dabei bis heute kaum um die Schlagzeilen, die der Sänger in den vergangenen Jahren immer wieder machte. Die Jarmener, so scheint es, sind fast noch neugieriger als viele andere auf die Geschichten, die der mittlerweile 34-Jährigen über sich erzählen kann.

Eltern und Freunde bei einem besonderen Abend

Wohl nicht von ungefähr präsentierte sich das Jarmener Kulturzentrum am vergangenen Wochenende mit rund 250 Besuchern verschiedenster Altersgruppen so prall gefüllt wie schon lange nicht mehr. Sie erlebten zusammen mit dem Protagonisten einen der wohl außergewöhnlichsten Abende auf seiner durch die Bundesrepublik führenden Lese-Reise. Nicht zuletzt, weil die Eltern und weitere Angehörige sowie jede Menge Freunde mit ihm Saal zugegen waren. Gastspiele in der Peenestadt stellen für Gorkow nach wie vor emotionale Höhepunkte dar, wie „Monchi“ gegenüber dem Nordkurier bekannte.

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Dabei wollte er einst nur noch raus aus diesem „Provinzkaff“, in dem eine Bushaltestelle den einzigen lohnenden Anlaufpunkt für die Jugend außerhalb der Schule darzustellen schien. Jan hatte dabei so viel Hunger auf Leben, dass die Bissen so manches Mal drohten, ihm und anderen im Hals stecken zu bleiben. Angefangen bei seinen gewalttätigen Eskapaden als Hansa-Rostock-Fan bis hin zu den Touren mit „Feine Sahne Fischfilet“, flankiert von vielfältigen Engagements künstlerischer, politischer, mitunter auch extremer Natur. Der äußerst kräftige Vorpommer wirkte dabei immer als Fels in der Brandung und war doch oft – für viele so gar nicht wahrnehmbar – nur eine Art Deckung für andere.

Im Alter von 14 schien die Familie weitgehend abgeschrieben, stattdessen Hansa und seine Ultras fast schon Religion. In die Volljährigkeit ging es so mit einem bundesweiten Stadionverbot und Bewährungsstrafe – 30 000 Euro Schulden und jede Menge weiteren Ärger gab es obendrauf. Die rechtsextreme Szene machte ihn ebenso zu ihrer Zielscheibe wie der Verfassungsschutz, sein Einsatz für linke Ideale führte ihn später ins Flüchtlingslager von Moria auf Lesbos und mitten in ein IS-Attentat nahe der türkisch-syrischen Grenze. Hinzu kamen neben den ganzen Band-Auftritten und Festivals Projekte wie Theaterstücke oder der Dokumentar-Film „Wildes Herz“, der allein fast hundert Gesprächstermine mit sich brachte. Trotzdem sei das Beste, was er und seine Truppe bisher vollbrachten hätten, das Festival „Wasted in Jarmen“, bekannte der Musiker.

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Zwischenbilanz: Schon jetzt genug für zwei Leben

„So viele Leute liebäugeln in meinem Alter schon mit der Midlife-Crisis und meinen, in ihrem Leben etwas verpasst zu haben. Ich weiß, wie düsig sich das anhört, aber ich habe das Gefühl, ich könnte jetzt tot umfallen und hätte schon genug für zwei Leben gelebt.“ Es sei bisher alles wie ein Leben auf der Überholspur gewesen, aber eben eines, für das er sich ganz klar entschieden habe und das er nicht bereue, machte Jan Gorkow dem Publikum klar. Nur all den Ärger und die Sorgen seiner Familie, den würde er wahrscheinlich lieber ungeschehen machen, ließ er heraushören.

Von daher war es für alle Seiten etwas Rührendes, als seine Mutter Angela einen einst von ihr und dem Vater Axel verfassten Brief aus dem Buch selbst vorlas. Zeilen, die einst als Antwort auf durchaus anklagende Fragen ihres Sprösslings auf ihre Rollen bei der Entstehung seines Übergewichts entstanden. Und in denen ihre Liebe zum wohl auffälligsten der vier Kinder zum Ausdruck kommt, der zwar bis um die Konfirmation herum keineswegs als Spargeltarzan durch die Gegend lief, aber sehr wohl sportlich. Sie hätten ihn eben immer genommen, wie er ist, wohl wissend, dass Vorschriften oft das Gegenteil bewirkten. „Wie immer, wenn Du Dir etwas vorgenommen hast, bringst Du es zu Ende, und so bewundern wir auch Deine jetzige Konsequenz, intensiv Sport zu machen und auf gesundes Essen zu achten. Dies konnte aber nur alleine durch Dich erfolgen“, verdeutlichten ihm „Mutters“ und „Vadders“, wie Monchi sie mit plattdeutschem Slang liebkost.

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Der Weg aus einer Zeit, als er mehr wog als sie beide zusammen, zu jetzt nur noch um die 120 Kilogramm und mitunter ein bisschen darüber war ein manchmal fast aussichtslos wirkender Kampf gegen die eigenen Schwächen und die täglichen Verlockungen, verrät sein Buch. Verbunden mit unzähligen Einsichten über sich selbst, die er im Kulturzentrum auf sehr anschauliche und seine ganz eigene Art schilderte. Eine nicht immer für Kinderohren gedachte und unterhalb der Gürtellinie reichende Wortwahl inklusive, die aber Schmunzeln bis lautes Gelächter samt mitunter daraus resultierenden Tränen garantiert. Essen sei seine Droge gewesen, machte Monchi klar, und wie jedem Abhängigen drohten ständig Rückfälle.

Immer wieder spielte der 34-Jährige das Spiel „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ mit dem Publikum durch, das in zahlreichen Kapiteln auftaucht und die Blickwinkel stark Übergewichtiger beleuchtete. Angefangen bei den Badelatschen, die ihm die unsäglichen Mühen des Zumachens von Schuhen ersparten und keineswegs für seine Frostunempfindlichkeit stehen. Oder etwa der mitunter manischen Angst vorm Toiletten- und Gaststätten-Besuch, weil immer die Zerstörung von Klo-Brillen und Sitzmöbeln drohte, woraus eine große Kunst des Ausreden-Findens entstand. Seine Zuneigung für Gastgeber hingegen konnte schon mal an einem Standard-Gartenstuhl wortwörtlich zerbrechen. Und für das Angebot und insbesondere die Namen der Spezialgeschäfte für die Mehrfach-XL-Mode hielt der Vorpommer vor allem Spott bereit.

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Demonstrationszwecke: Der Autor zieht blank

Mit unterschiedlichsten Requisiten von Omas Sessel bis hin zur Badewanne veranschaulichte Jan Gorkow im Verlauf des Abends die Entstehung seines Bestsellers. Für die Lesung in letzterer zog er gar kurzerhand bis auf die Unterhose blank.

Hautnah ging es auch im Anschluss zu, als viele aus der Zuhörerschar das Gespräch mit dem Musiker und Autor suchten, so einige sich zudem ein Autogramm beziehungsweise eine Widmung für ihr Exemplar seines Buches abholten. Die nach Jarmen mitgebrachte Charge war da rasch ausverkauft, was die Kommune und ihren Nachwuchs besonders freuen dürfte. Schließlich soll der Erlös des Abends einem Skaterpark im Ort zukommen, wie Monchi versicherte. Damit es künftig mehr als nur Busbuden als brauchbaren Treffpunkt gibt.

 

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