90. Geburtstag

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"Wenn Frieden bleibt, will ich 100 werden"

Charlotte Rüger aus Alt Kentzlin feiert heute ihren 90. Geburtstag - Freunde und Familie ins Gemeindehaus eingeladen

Mit dem Fahrrad ist Charlotte Rüger noch im Dorf unterwegs, eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass die alte Frau heute ihren 90. Geburtstag feiert. Eingeladen sind ihre Gäste alle ins Gemeindehaus von Alt Kentzlin.

"Eigentlich wollte ich ja wegfahren, denn ich mag den Trubel nicht so", sagt Charlotte Rüger, die mit ihrem Sohn in einer alten Holzbaracke in Alt Kentzlin wohnt. Hier und da repariert die rüstige Frau sogar noch manches allein, hat erst kürzlich die Decke geweisst. Aber im nächsten Jahr möchte sie das Haus doch aufgeben. "Es ist ein altes Gebäude, da müsste zuviel dran gemacht werden", weiss sie. Auf dem Tisch breitet sie alte Fotos aus und kommt dann auch schnell ins Erzählen.

Aus Hinterpommern ist ihre Familie vor vielen Jahren nach Neu Kentzlin gekommen, der Vater wurde als Lehrer hierher versetzt. Ein sehr strenger Lehrer sei ihr Vater gewesen, da gab es auch noch was mit dem Rohrstock. Als älteste von sieben Kindern musste Charlotte Rüger früh ihrer Mutter zur Seite stehen. Nach der Schule ging sie als 16jährige nach Stettin auf die Haushaltsschule. Anschließend dann in Stellung als Haushaltshilfe. "Das war damals so. Schon auf der Haushaltsschule wurden wir streng erzogen, durften niemals alleine spazieren gehen. Heute ist die Jugend anders", schmunzelt die alte Frau. Gern erinnert sie sich an die Zeit zurück, als sie Haustochter in Berlin oder Rotterdam war. Bei einem Filmregisseur habe sie gearbeitet, in einem der Filme sei auch sie vorgekommen. Später, in den 50er Jahren, erhielt sie noch Post von der Familie, die inzwischen in London lebte. "Inzwischen sind aber alle verstorben, auch die kleine Tochter, die ich betreute", sagt Charlotte Rüger mit etwas Traurigkeit in der Stimme.

Flucht mit Wasserflugzeug

Ihren ersten Mann lernte sie in Witten an der Ruhr kennen, heiratete dort. Ihr Sohn Klaus wurde geboren, doch ihren Mann verlor die Frau sehr früh auf tragische Weise, bei einem Überfall. In der Nazizeit wurde sie mit ihrem kleinen Sohn vielfach verschickt. Ihr zweiter Mann brachte noch drei Kinder in die Ehe. Er holte sie nach Damgarten, von wo die Familie zum Kriegsende mit einem Wasserflugzeug nach Schleswig-Holstein flüchtete.

"Ich habe bei dieser Flucht sämtliche Papiere verloren. In einer Dachkammer haben wir in Schleswig gewohnt und bei einem Bauern gearbeitet, dann zog es uns wieder zurück nach Neu Kentzlin", erzählt die 90jährige weiter. Die alte Munitionsbaracke haben sie sich als Wohnhaus ausgebaut, hier lebt sie noch heute.

Vor ihrer Rente hat Charlotte Rüger noch über 13 Jahre den Konsum in Neu Kentzlin geleitet. Und sie gönnt sich auch heute noch keine Ruhe, sammelt etliche Zentner Kastanien im Herbst für die Tiere im Wald. Interesse zeigt sie auch für politische Dinge, für das, was in der Welt so passiert. Auf die Frage, ob sie denn noch 100 werden wolle, antwortete sie: Ja, wenn Frieden bleibt. Kriege habe ich genug mitgemacht. Sie kann auch nicht verstehen, warum die Menschen sich wegen der Religion streiten. Sie achte jede Religion, habe aber etwas dagegen, wenn man zu fanatisch ist.

Nachbarschaftshilfe hat sie in den vielen Jahren im Dorf immer gern geleistet, jetzt nimmt sie die Hilfe anderer gern in Anspruch. Zur heutigen Feier im Gemeindehaus hat Charlotte Rüger auch ihre Frauengruppe und die Mitglieder des Reichsbundes eingeladen. Von ihrer großen Familie, den sechs Geschwistern, lebt nur eine Schwester in Demmin.