TODESFALLE AFGHANISTAN

Wird dieser Mann seine geliebte Frau jemals wiedersehen?

Seit fünf Jahren versucht ein geflüchteter Afghane, seine Frau nach Loitz zu holen. Doch ihre Besuchserlaubnis für die deutsche Botschaft kam wohl zu spät, um den Taliban zu entkommen.
Jawad Afshar hofft und bangt in Loitz um seine Frau Basnor, die er bei der Flucht aus Afghanistan in der Gewalt der Taliban zu
Jawad Afshar hofft und bangt in Loitz um seine Frau Basnor, die er bei der Flucht aus Afghanistan in der Gewalt der Taliban zurücklassen musste. Kai Horstmann
Loitz ·

Seine Wohnung in Loitz sieht sehr aufgeräumt und sauber aus – so, als erwarte er gleich Besuch. Tatsächlich wartet Jawad Afshar (31) auf jemanden, und das bereits seit über fünf Jahren, nämlich auf seine Frau Basnor. Getrennt wurden die beiden 2015 in der afghanischen Provinz Daikondi. „Meine Frau rief mich an und sagte, dass die Taliban in ihr Haus eingedrungen sind und sie töten wollten. Sie folterten Basnor, ließen sie aber am Leben“, schildert Jawad Afshar.

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In seiner Not lief er zu seinen Eltern, auch sie hatten vor den Taliban Angst. Kurzerhand entschieden sie sich, sofort das Land zu verlassen. Dabei mussten sie Basnor zurücklassen, weil sie noch immer von den Taliban gefangen gehalten wurde. Mit weiteren sechs Familienmitgliedern, darunter sein Bruder Kabir (23), floh Afshar nach Deutschland. Auf ihrer Flucht gingen sie weite Strecken zu Fuß, reisten mit dem Bus und der Bahn. Aber warum wollten die Taliban ihn töten? „Wir haben nicht so religiös gelebt, wie es die Taliban vorschreiben. Wenn jemand in Afghanistan nicht nach dem Islam lebt, bekommt er ihren Terror zu spüren. Eine andere Religionsrichtung oder gar keine Religion zu haben, wird von ihnen oft mit dem Tod bestraft. Für sie gibt es keine Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Mittlerweile sind wir zum Christentum konvertiert“, erklärt Jawad Afshar.

Zuerst lebte die Familie in Siedenbrünzow und ist jetzt nach Demmin umgezogen. Kabir Afshar besucht das Goethe-Gymnasium und möchte dieses mit der 11. Klasse abschließen. Danach beginnt er im nächsten Jahr eine Ausbildung als Krankenpfleger. Eine Rückkehr nach Afghanistan kann er sich nicht vorstellen. Als Grund nennt er, dass dort seit 50 Jahren Krieg herrscht und die Jugend ihn weiter fortführt. Für ihn ist es wichtig, sich hier vollends zu integrieren, da er seine Zukunft in Deutschland sieht. „Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg, deshalb habe ich viel Deutsch gelernt. Ich bin Deutschland, besonders den Demminern, für ihre Unterstützung dankbar und will dem Land durch meine Arbeit etwas zurückgeben“, sagt Kabir Afshar.

Auch Schwester und Tante hoffen auf Fluchtmöglichkeit

Jawad Afshar arbeitet bereits seit 2017 in der Großschlachterei in Loitz und ist zwei Jahre später in die Peenestadt umgezogen. Auch er kann sich eine Rückkehr nach Afghanistan nicht vorstellen. Vielmehr bekundet er seine Liebe zu Deutschland, möchte dem Land ebenfalls etwas zurückgeben und auf keinen Fall auf Kosten des Staates leben. Allein die persönlichen Berichte aus Afghanistan machen eine Rückkehr dorthin unvorstellbar. So leben seine Schwester und eine Tante mit ihren Familien noch dort, die ebenfalls eine Fluchtmöglichkeit suchen und bis vor der Machtergreifung durch die Taliban den Verwandten über die Lage in dem Land berichteten. „Vor ein paar Wochen wurde mir geschildert, dass die Taliban Menschen die Bäuche aufgeschlitzt oder sie geköpft haben. Mit den Köpfen haben sie dann Fußball gespielt“, beschreibt Kabir Ashar das Grauen in der alten Heimat.

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Umso mehr Angst hat Jawad Afshar um seine Frau. Diese kann das Haus nicht verlassen, weil sie sich vor dem Taliban-Terror verstecken muss. Seit 2016 stellt er beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Anträge auf eine Familienzusammenführung oder zumindest eine Besuchserlaubnis. Doch die Behördenmühlen mahlen sehr langsam. Das Tragische ist: Laut Jawad Afshar lag jetzt die Besuchserlaubnis für Basnor in der deutschen Botschaft vor. Sie hätte laut seinen Worten nach Deutschland ausreisen können. Doch wegen des Angriffs der Taliban auf Kabul war ihr der Weg zur Botschaft versperrt. Deshalb versuchte er bisher vergeblich, etwas über die deutsche Botschaft in Islamabad zu erreichen – in der Hoffnung, seine Frau könnte nach Pakistan fliehen. „Zuletzt haben wir vor zwei Wochen miteinander übers Internet gesprochen. Aber das ist jetzt verboten. Die Taliban führen Afghanistan zurück ins Mittelalter“, beklagt Jawad Afshar.

„Die Wohnung ist ohne sie kalt und leer“

Besonders schlimm ist die quälende Ungewissheit. Lebt seine Frau noch? Geht es ihr gut? Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, 2013 haben sie geheiratet. Wie Afshar betont, wurden sie nicht verheiratet, nein, es soll eine Liebesheirat gewesen sein. „Ich liebe meine Frau, sie ist für mich alles. Ich habe hier ihn Loitz eine größere Wohnung genommen, weil ich hier mit ihr zusammen leben möchte. Doch die Wohnung ist ohne sie leer und kalt. Ich hoffe jeden Tag, wieder etwas von ihr zu hören. Die Sorge um Basnor geht mir nicht aus dem Kopf, ich kann nachts nicht schlafen vor Angst um sie. Umso mehr freue ich mich auf den Tag, an dem ich sie wieder in die Arme schließen kann. Ob das jemals passieren wird, kann mir aber niemand sagen.“

Das Auswärtige Amt konnte auf Nordkurier-Nachfrage anhand des angegebenen Namens keinen vorliegenden Visumantrag zuordnen und verweist zudem auf den Datenschutz. So ist die einzige Hoffnung nun, dass das Versprechen von Außenminister Heiko Maas, dass sich das Auswärtige Amt weiter für Ausreisemöglichkeiten aus Afghanistan einsetzt, irgendwann auch Basnor Afshar nach Loitz bringt, in Sicherheit, in die Arme ihres Ehemanns.

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Kommentare (19)

Ständig hauen die Kerle ab und lassen alles stehen und liegen und die Familie im Stich wenn irgendwo ein neuer Bürgermeister auftaucht.

Ständig also. Und der "Bürgermeister" verharmlost die grauenhafte Situation.
Schon mal vor Ort gewesen oder sich mit Betroffenen ausgetauscht?

Warum lässt er seine Familie sitzen - er braucht nicht jammern - selbst verschuldet! Sein Problem - seine Kosten!

Was? Das er verfolgt, bedroht und womöglich gefoltert wird?

Dann soll er zu seiner Familie zurückkehren und nicht hoffen,dass seine Großfamilie nach Deutschland kommen darf. Aber Schleuser und Schlepper,sind sicher hilfsbereit.

Er soll zurück in ein Kriegsgebiet? Und die restliche Familie soll nicht das Recht haben, in Sicherheit leben zu dürfen. Na gut, dass wir am richtigen Fleck geboren sind. Versuchen Sie es mal mit Empathie: was würden Sie Ihrem Sohn, Vater, Bruder wünschen...

Sehr geehrter Imagine-all the,dieser Herr will laut Medien 2015 geflohen sein. Zu dieser Zeit war der Westen noch in Afghanistan,da brauchte noch kein Afghane das Land verlassen,denn es gab sichere Gebiete. Es wird so sein,wie bei den meisten Migranten.Sie wollen ein besseres Leben. Einer wird vorgeschickt,der dann den Rest nachkommen lässt.

Die vor Jahren geflüchteten Afghanen mussten sich den Interviews und Prüfverfahren unterziehen. Die Duldung erhielten sie nur unter bestimmten Voraussetzungen, z.B. wenn sie vor Ort gefoltert oder Familienmitglieder umgebracht wurden. Die Taliban wüten nämlich seit langer Zeit und haben die Regierung zeitweise unterstützt...

Ein besseres Leben zu wollen, ist wirklich perfide.

https://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-in-europa-warum-vor-allem-maenner-asyl-suchen-1.2584201

brachte der Focus eine charakterliche Analyse der Menschen aus unserern Zuwanderungsländern. Bittere Realität. Wäre toll und sehr hilfreich wenn soetwas nocheinmal so kurz vor der BTW erscheinen würde! Menschen aus niederen Kulturkreisen in höher entwickelte zu integrieren geht meistens gegen den Baum - warum - Kulturschock!

So viele Vorurteile und Diskriminierungen in wenigen Sätzen. Chapeau, Sie Krone der Schöpfung.

Ich hab mich wohl verlesen!
So ein dummer Kommentar. Sogar für Ihre Verhältnisse...

Wenn es nicht das Verfassungsgerichtsurteil, bezüglich der gleichen Sozialleistungen auch für Asylsuchende nicht so gegeben hätte, hätten wir das Problem nicht. Er ist allein, will seine Frau, Schwester, Tante und deren Familien her holen, also einer der Arbeitet holt 20 die nicht arbeiten, das geht rational und Fiskal nicht. Ich will von meinem Verdienst noch etwas behalten und ich will auch keine 100 Millionen Einwohner in der BRD! Als Einwohner dieses Landes darf ich auch noch etwas wollen und dies auch äußern dürfen, auch wenn hier bezahlte Trolle schon gleich einen Empörungssatz schreiben werden!

durch Erfahrung - nicht durch deutschen Mainstream!!! - Fazit - wird nicht geaschehn!

Deshalb herzlich willkommen zur interkulturellen Woche in NB, die am 26.09. startet.

Erstens: Wer über mehrere sichere Länder nach Deutschland kommt, ist kein Flüchtling, lasst euch nicht für blöd verkaufen!
Zweitens: Ein Mann lässt seine Familie niemals im Stich! Niemals!
Drittens: Aus meiner Sicht sollte Asyl wieder das bedeuten, was es früher bedeutet hat. Nämlich Hilfe auf Zeit! Heißt: wenn die Bedrohung in den Heimatländern vorbei ist, ab nach Hause! In Syrien herrscht zb größtenteils Frieden!

von einem tapferen, fleißigen, ordentlichen Mann.
Ein "Mann", der seine Frau und Familie im Stich ließ, der Gute.
Getrennt wurden sie, steht im Artikel...

Komisch, die Taliban dringen in ihr Haus ein, wollen die Frau töten und ruft fix mal ihren Mann an, der daraufhin das Weite sucht.
Seine Angst ist so riesig groß, dass er zu Fuß sogar durch mehrere Länder fliehen mußte, um endlich in Sicherheit zu sein. Nur Deutschland ist sicher, das weiß doch jeder. Überall sonst auf der Welt herrscht Krieg.

Ich kenne persönlich jede Menge Afghanen, Syrer, Iraner, die jedes Jahr mit der gesamten in Deutschland lebenden Familie nach Hause in den Urlaub fahren. Manche sogar mehrfach im Jahr.

Fahren Asylberechtigte in ihr Heimatland, verlieren sie ihren Status und werden nicht zurück nach Deutschland einreisen dürfen.