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Ein Bauer geht Bio

Ehrlich wirtschaften und produzieren - das ist das Credo der Sommersdorfer Ökobauern Michael und Anke Spies. Sie sehen ihren Hof als Zukunftsmodell für eine andere Landwirtschaft - nachhaltig, regional ausgerichtet und durchaus einträglich.
Michael und Anke Spies bewirtschaften ihren Hof Sommersdorf seit bald 25 Jahren nach den Kriterien des biologisch-dynamischen Anbaus. Sie sehen das als Zukunftsmodell: "Wir müssen wieder ehrlich produzieren. Wozu sind wir sonst Menschen?"
Michael und Anke Spies bewirtschaften ihren Hof Sommersdorf seit bald 25 Jahren nach den Kriterien des biologisch-dynamischen Anbaus. Sie sehen das als Zukunftsmodell: "Wir müssen wieder ehrlich produzieren. Wozu sind wir sonst Menschen?" Thoralf Plath
An den Rändern der Felder von Michael Spies blüht es. Die Artenvielfalt der Natur zu erhalten ist dem Sommersdorfer Ökobauern ein hoher Wert.
An den Rändern der Felder von Michael Spies blüht es. Die Artenvielfalt der Natur zu erhalten ist dem Sommersdorfer Ökobauern ein hoher Wert. Plath
Begrüßungsschild auf dem Hof Sommersdorf: Hier darf wachsen, was wachsen will
Begrüßungsschild auf dem Hof Sommersdorf: Hier darf wachsen, was wachsen will. Plath
Sommersdorf.

Überall blüht es. Das ist das erste, was auffällt entlang der Felder von Michael Spies zwischen Sommersdorf und Wolkwitz. Kornblumen, Mohn, wilde Kamille säumen einen Schlag Gerste, lauter üppige, blaurotweiß durchwirkte Sommerblumensträuße, hinter dem Kornfeld schimmert in der Ferne der Kummerower See. Kurz darauf ist der Hof Sommersdorf erreicht, ein breiter Weg führt auf das Aufsiedlungsgehöft von Michael und Anke Spies. Den Besucher empfängt ein Holzschild, es ist ein bisschen zugewachsen: „Biologisch dynamischer Anbau“. Eines dieser rosa Lattenkreuze, regionales Protestsymbol gegen Schweinemastpläne, sucht man vergebens.

Der Hausherr sitzt auf einer Terrasse unterm Sonnenschirm und telefoniert. Es geht um den Verkauf von Weizen, auf dem Tisch liegen diverse Papiere, Tabellen, mit Bauernhofromantik hat auch der Alltag eines Ökobauern offenbar nur wenig zu tun. „Sorry“, sagt Spies zur Begrüßung, legt das Handy weg, bietet warmen Kräutertee an. „Tut gut bei der Hitze.“ Es gäbe aber auch Apfelsaft. Über den Wiesen hinterm Hof  flimmert die Luft.

Was machen Biobauern anders?

Eigentlich wollen wir darüber reden, was Biobauern anders machen. Im verhärteten Streit um eine zunehmend industrielle Agrarwirtschaft, um Tierfabriken und Proteste könnte ein Blick aus anderer Perspektive helfen. Vielleicht.

Michael Spies nähert sich dem Thema vorsichtig. Man spürt, plakatives Polarisieren ist nicht seins. „Dieses Schwarzweißdenken mag ich eigentlich nicht“, sagt er. „Ihr die Bösen, wir die Guten, so einfach ist das ja alles nicht. Auswüchse gibts leider auch im ökologischen Landbau.“ Der 53-Jährige ist mit Leib und Seele Ökobauer, es braucht nicht lange, um das und auch die anthroposophischen Wurzeln seiner Weltsicht zu bemerken. Aber selbst seine Wirtschaftsweise sieht er nicht in Stein gemeißelt. „Natürlich fragt man sich immer wieder, ist der Weg noch der richtige, den man geht?“ Auch die Biobranche steckt im Wandel. Öko ist ein Megamarkt geworden, befeuert und missbraucht von Vokabeln wie „nachhaltig“.  Nicht alles, was in den Supermärkten mittlerweile unterm Bio-Siegel firmiert, würde Spies auch noch so nennen.

„Eigentlich sind wir Milchbauern durch und durch“

Seit bald 25 Jahren wirtschaftet das Paar, beide studierten zu DDR-Zeiten an der Uni Rostock Landwirtschaft, in Sommersdorf. Was 1991 als nahezu mittelloser Pachtbetrieb mit 65 Hektar anfing und durch einige Parzellen Kirchenland, das die damalige Pastorin Christa Heinke ökologisch beackern lassen wollte, zu wachsen begann, hat Wurzeln geschlagen am See: Der Hof Sommersdorf, das sind heute 270 Hektar Acker und Grünland sowie 93 Milchkühe. „Eigentlich sind wir Milchbauern durch und durch“, sagt der gebürtige Güstrower.

Von Beginn an wirtschaftet Familie Spies unter dem Dach der Demeter-Anbaugemeinschaft, also nach konsequenten Kriterien biodynamischen Landbaus. Künstlicher Dünger, synthetische Spritzmittel, eigentlich alles chemisch hergestellte – tabu. Nicht weil das streng kontrolliert wird, sondern weil das Selbstverständnis dieser Art von Landwirtschaft darin wurzelt. Stattdessen gilt: „die Gratisfaktoren der Natur nutzen“, wie Spies das nennt. „Wenn ich nach einer Lupine, die ihren eigenen Stickstoff produziert, Getreide anbaue, das wächst einfach anders als Weizen auf Weizen. In konventionellen Betrieben gilt oft nur ein Motto: Was erlaubt ist, wird gemacht. Aber dazu hat niemand das Recht, schon gar nicht im Umgang mit natürlichen Ressourcen.“

Gewinn steht nicht an erster Stelle

Auf dem Hof Sommersdorf etwa gilt eine achtjährige Fruchtfolge. Das ist alles andere als profitabel und undenkbar in Agrar-Großbetrieben, wo ein anderes, global diktiertes Gesetz regiert: Hochleistung, und die möglichst billig. „Natürlich müssen auch wir ökonomisch denken, das kommt zwangsläufig mit jeder Investition“, sagt Spies. Es ist noch nicht lange her seit dem Bau des neuen Kuhstall. Am Kredit dafür werden sie die nächsten 30 Jahren zahlen. „Aber das Thema Gewinn steht bei uns nicht an erster Stelle, das ist der Unterschied. Klar, unterm Strich sollte etwas übrig bleiben, aber die Prämissen sind andere. Der Boden, ein schonender Umgang mit unserer Umwelt, das Wohl der Tiere, möglichst regionale Wirtschaftskreisläufe, darum geht es.“

Tierfutter wächst auf dem eigenen Land

Darum mag Michael Spies die Frontlinie der Debatte um das Wohl und Wehe der Landwirtschaft auch gar nicht so hart zwischen konventionellen und ökologischen Betrieben ziehen. Er hat, und dabei kann er sich so richtig in Fahrt reden, für seine Beurteilung ein anderes Kriterium: das der „ehrlichen Produktion.“ Wenn das, was seine Tiere an Futter brauchen, auf seinem eigenen Land heranwächst, das heißt für Spies ehrlich produzieren. Wenn hingegen hierzulande riesige Stallanlagen Schweinefleisch für den Weltmarkt mästen zu global diktierten Billigstpreisen, und dazu Soja verfüttert wird, für dessen Anbau in Brasilien und anderswo Urwald gerodet, Umwelt zerstört, Kulturen ausgerottet werden – dafür findet Spies nur ein Wort: „Pervers“ sei das.

Erträge nur gut halb so hoch wie bei konventionellen Betrieben

Die Hektarerträge des Sommersdorfer Hofes können sich mit denen konventioneller Betriebe nicht messen, das gibt Spies unumwunden zu. „Wir kommen vielleicht auf 50 Prozent.“ Doch sein Getreide vermarktet er über eine Demeter-Erzeugergemeinschaft regional, die Milch seiner Kühe geht an eine Hofmolkerei bei Berlin, wo Bioprodukte für den hauptstädtischen Markt draus werden. „Und wenn man Aufwendungen und Erträge mal bereinigt und ökobilanziert hochrechnet, also ehrlich auch unter Berücksichtigung der Energie- und Ressourcenverbräuche, stehen wir als biodynamisch wirtschaftender Mischbetrieb durchaus konkurrenzfähig da.“

„Ehrlich müssen wir sein, ehrlich zu anderen und zu uns selbst“

Darauf bauen Michael und Anke Spies ihren Optimismus – und ihre Zuversicht, dass Biolandwirtschaft eine ernsthafte Alternative auch im globalen Maßstab ist. Die Erträge haben sich stabilisiert, die Vermarktung funktioniert. Die Experimentierphase ist lange Geschichte, der Betrieb hat sich etabliert. Sie sehen ihren Hof Sommersdorf sogar als Zukunftsmodell für eine Landwirtschaft, die sich regional orientiert „und endlich aufhört, die Dritte Welt zu versklaven“, wie Spies sagt. „Ob konventionell oder bio, das ist gar nicht entscheidend. Ehrlich müssen wir sein, ehrlich zu anderen und zu uns selbst.“

Darum lässt Michael Spies die Kornblumen und all den Mohn am Feldrand stehen, bis sie ausgeblüht haben. Erst dann wird gemäht. Darum haben seine Kühe Namen. Dieser Mann denkt einfach anders. Von der Wurzel her, nicht von der Zahl der Ähren.

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