Zu Ende ihres Aufenthalts besichtigten Andrés Solla Carcedo (rechts) und Carmen Menéndez zusammen mit Karsten Be
Zu Ende ihres Aufenthalts besichtigten Andrés Solla Carcedo (rechts) und Carmen Menéndez zusammen mit Karsten Behrens vom Heimatverein (links) das Demminer Museumsarchiv. Carmen Menéndez
Carmen Menéndez arbeitet in Spanien parallel an einem gesellschaftlichen Dokumentarfilm.
Carmen Menéndez arbeitet in Spanien parallel an einem gesellschaftlichen Dokumentarfilm. ZVG
.Kunst und Geschichte

Zwei Spanier ziehen mit Kamera und offenen Ohren durch Demmin

Zwei junge Spanier sind den weiten Weg von Barcelona nach Demmin gereist, um zu recherchieren, wie mit dem Massensuizid von 1945 umgegangen wird. Und sie erfuhren viel mehr.
Demmin

Es war kaum mehr als eine Randnotiz, nur wenige Zeilen in einem Buch, das Andrés Solla Carcedo vor einiger Zeit las. Der spanische Fotograf war schockiert. Über das, was sich den Zeilen zufolge in einer fernen deutschen Stadt, von der er zum ersten Mal hörte, ereignet hatte. Vor allem aber darüber, dass ihm die Geschichte nicht bekannt gewesen war. „Wir leben in einer Zeit, in der immer offener über mentale Gesundheit gesprochen wird“, sagt der junge Künstler aus Barcelona. Warum ein Ereignis von einer so gesamteuropäischen Relevanz wie die Massenselbstmorde in Demmin zumindest in Spanien so unbekannt war, konnte er sich nicht erklären.

Lesen Sie auch: Ein Film ohne Anklage und ohne Antworten

Recherche zu Massenselbstmorden

Also brach er auf, zuerst nur im Kopf, indem er zu Demmin und den Massenselbstmorden recherchierte. Dann reisten er und seine Projektpartnerin, die Videoeditorin und Dokumentarfilmemacherin Carmen Menéndez, selbst nach Mecklenburg-Vorpommern. Für die Zeit ihrer Recherche kamen sie im Haus des Demminer Zeitzeugen Roland Thoms unter.

Hilfsbereitschaft und Offenheit beeindrucken

Die freundliche Hilfsbereitschaft und die Offenheit der Menschen, mit denen die beiden Spanier in Demmin und dem Umland sprachen, überraschte und beeindruckte sie. Auch dass vor allem die Zeitzeugen so vertrauensvoll von ihren Erinnerungen und ihrem Umgang mit Trauma und Schweigen erzählten, hatten sie nicht erwartet. Die Ereignisse in Demmin interessierte sie als Sinnbild für das, was einer menschlichen Gesellschaft passieren kann, in all seiner Komplexität. Doch die Gesprächspartner beließen es nicht bei dem Thema.

Welche Lösungen haben die Demminer gefunden?

„Wir wissen, dass die Menschen es ein bisschen leid sind, wenn Leute aus anderen Orten kommen und dieses Thema bearbeiten, und ich verstehe, dass es nerven kann“, erklärt Carmen Menéndez. Sie verständen auch, dass viele Zeitzeugen nicht wollten, dass ihreErinnerungen von Neonazis instrumentalisiert werden. „So etwas passiert auch in Spanien“, weiß Solla Carcedo.

„Habt ihr unser Problem schon gelöst?“, fragte eine Frau sie während ihrer Recherche in der Stadt. Das aber maßen sich die beiden Künstler nicht an, im Gegenteil. „Das ist der Grund, warum wir hier sind“, sagen sie. „Wir wollen verstehen, welche Lösungen die Leute selbst gefunden haben. Wir wollen lernen.“

Blick in die Zukunft

Sie waren bereit, ihren Ansatz dem anzupassen, was sie in Demmin hörten. „Wenn man eine Geschichte beginnt, kann man nicht erwarten, dass sie auch genauso endet“, sagt Carmen Menéndez. Also hörten sie den Zeitzeugen, aber auch anderen Demminern zu, auch als es nicht mehr um die Massensuizide ging.

„Jeder hatte etwas über das Jahr 1945 zu sagen, aber danach erinnerten sie uns, dass es andere Aspekte gibt, die wir von Demmin wissen sollen, die Schwedenzeit zum Beispiel, aber auch heutige Projekte“, erzählen die Spanier. „Ich habe das Gefühl, dass die Vergangenheit nicht verleugnet wird, aber dass die Menschen natürlich in die Zukunft blicken“, so Andrés Solla Carcedo.

Auch das soll deshalb in ihren Arbeiten vorkommen: das Demmin von heute und das von morgen. Dafür beobachteten die Spanier während ihres Aufenthalts das aktuelle Leben in Demmin, nahmen etwa beim Hörspaziergang teil. Dass ein Werk mit so vielen verschiedenen Gesichtern, Geschichten und Schichten nicht in einem einzigen zweiwöchigen Besuch entsteht, wissen sie. Deshalb wollen sie wiederkommen und beim nächsten Mal vielleicht zusätzlich zu den Kindern von damals auch mit Kindern von heute sprechen. Es werde wohl noch mindestens ein Jahr und dauern, bis sie Ergebnisse zeigen können, schätzen sie:

Ergebnisse könnten auch in Demmin gezeigt werden

In welcher Form genau, das finde sich erst im Prozess allmählich. Solla Carcedo strebt wie bei früheren Werken ein Fotobuch an, vielleicht auch eine Ausstellung. Darin will er Portraits von Demminern und Stillleben zeigen und außerdem fotografisch über die Beziehung zwischen den Bewohnern und ihren Flüssen reflektieren. Die fertigen Einzelwerke oder das gemeinsame Werk – was davon es wird, steht noch nicht fest – würden die Spanier gerne auch in Demmin präsentieren.

Viele Graustufen

Ob sie ihrer Anfangsfrage etwas näher gekommen sind, warum die Ereignisse von 1945 in Demmin heute nicht präsenter sind? „Ich denke, es ist einfach zu komplex“, sagen sie. „Es gibt nicht den einen Grund, warum das passiert ist, kein Schwarz und Weiß, sondern viele Graustufen.“

Wie sie sich damit künstlerisch auseinandersetzen, ist noch nicht klar. Erst wird Andrés Solla Carcedo seine Analogfotos entwickeln, vor sich ausbreiten und in einen Zusammenhang bringen und Carmen Menéndez ihre Bewegtbilder von Menschen und Landschaften sichten.

 

zur Homepage

Kommentare (1)

Es kam viel zusammen, dass die Lage damals derart eskaliert ist. Alles entscheidend waren die Sprengungen der drei Brücken auf Anordnung der SS. Die Russen kamen tagelang nicht weiter.