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Lieber süchtig nach dem Smartphone, als etwas zu verpassen

Ständig im Blick: Dieser Passant lässt sich von der stören Natur rundherum nicht ablenken.
Ständig im Blick: Dieser Passant lässt sich von der stören Natur rundherum nicht ablenken.
Peter Steffen

Plötzlich offline: Inzwischen gibt es sogar einen Fachbegriff für die Angst, ohne Internet zu sein. Fachleute sind wegen dieser Abhängigkeit besorgt – aber nicht nur.

Hat jemand geschrieben? Immer wieder schweift der Blick in Richtung Display. Selbst wenn gerade niemand etwas mitzuteilen hat, verführen Smartphones stets zu einem schnellen Blick: Wie wird das Wetter? Wie zeigen sich Promis bei Instagram? Wer hat bei Facebook was geliked?

Nicht nur Jugendliche verbringen viel Zeit mit dem Smartphone und der Sphäre, die sich damit erschließen lässt. Vor dem Welttag der Seelischen Gesundheit am 10. Oktober stellt sich die Frage: Wie wirkt sich die immer verfügbare Online-Welt auf die Psyche und die sozialen Kompetenzen aus? Macht sie uns zum „Smombie” – jugendsprachliche Abkürzung für Smartphone-Zombie?

Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer veröffentlichte schon 2015 ein Buch, dessen Titel aufhorchen ließ: „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen”. Das Gehirn verliere an Leistungsfähigkeit, wenn Aufgaben vermehrt von Computern übernommen werden, so Spitzer. Er warnte: Bei Kindern drohten verminderte Lernfähigkeit, Abstumpfung und Depression.

Ständige Angst, etwas zu verpassen

Experten plädieren für einen differenzierten Blick, sie sehen Licht und Schatten der Technologie. Negative Folgen träfen aber keineswegs nur Kinder.

Nicht nur in Bussen und Zügen sind inzwischen Menschen allgegenwärtig, die mit festem Blick aufs Smartphone abtauchen. Wenn der Psychotherapeut Andreas Hillert von der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee über jugendliche Patienten spricht, die statt in die Natur lieber ständig aufs Display schauen, sieht er dahinter eine Angst, etwas zu verpassen, sich allein und innerlich leer fühlen. „Das Smartphone wird zum Objekt, das symbolisiert, mit allen verbunden zu sein.”

Wissenschaftler haben solche Phänomene beschrieben. In Studien gehen sie etwa Nomophobie nach, kurz für No-Mobile-Phone-Phobia – die Angst davor, ohne Handy zu sein. Auch die Angst, offline zu sein, hat einen Namen: Fobo, für Fear of being offline.

Jeder Mensch will etwas besonderes sein

Eine „Internet-Komfortzone” sei für erhebliche Probleme mancher Patienten in Schule und Elternhaus mit verantwortlich, sagt Hillert. Die Jugendlichen seien daran gewöhnt, ihre Bedürfnisse schnell und ohne Umschweife befriedigen zu können: Erfolge in Rollenspielen haben, einkaufen, Kontakte pflegen und sich selbst darstellen zum Beispiel.

„Soziale Netzwerke suggerieren, irgendwo eingebunden zu sein”, sagt Hillert. An Erfahrungen aus realen Gruppen wie dem Sportverein, wo es auch mal Reibungen gibt, mangele es hingegen in diesen Biografien. Hillert erzählt von jungen Erwachsenen mit hohem narzisstischen Anspruch – sie wollen etwas ganz Besonderes sein – und einer sehr geringen Frustrationstoleranz. Bekommen sie im Vokabeltest eine schlechte Note, lernen sie nie wieder dafür. Letztlich blieben sie orientierungslos und frustriert zurück, schildert Hillert.

Was macht den Online-Sog aus? Von einem „immensen Kommunikations- und Selbstdarstellungsdruck” spricht Catarina Katzer, Spezialistin für digitales Sozialverhalten. „Man kann es auch Selfie-Manie nennen.” Per se schlecht ist das nicht: Im Netz die volle Kontrolle über die eigene Selbstdarstellung – meist von der Schokoladenseite – zu haben und die Reaktionen der Kontakte darauf zu sehen, sei eine Chance. „Das kann positiv für unsere Identitätsentwicklung und unser Selbstbewusstsein sein”, sagt Katzer.

Sucht nach Reaktionen kann krank machen

Der Druck, selbst zu kommunizieren und immer Neues zu präsentieren, kann sich aus Sicht der Cyberpsychologin aber auch negativ auf die Psyche auswirken. „Es ist, als ob wir in einer Spirale stecken, die sich immer schneller dreht. Das macht atemlos, wir fühlen uns überrollt.” Übertriebene Selbstobsession, Ich-Zentriertheit und eine regelrechte Sucht nach Reaktionen könnten Folgen sein.

Nutzer könnten auch in einer virtuellen Glücksfalle landen. Das Meiste, was sich online findet, drehe sich anders als das normale Alltagsleben um „happiness”, so Katzer. „Schöne Bildchen aus dem Urlaub, glückliche Paare.” Zwar sei ein „Chamäleoneffekt” bekannt, demzufolge gezeigte Emotionen ansteckend auf den Betrachter wirken. Allerdings hänge die Wirkung auch von der Stimmung des Betrachters ab: Glücksbotschaften könnten bei guter Laune ansteckend sein. Fühle man sich jedoch gerade schlecht, könne sich das eigene Unglücklichsein verstärken und Neid hinzukommen.

Das Internet verteufeln? Das bringt nichts, da sind sich die Experten einig. Vielmehr müsse es um Bewältigungsstrategien gehen. Sich selbst darüber klar zu werden, was einem gut tue und wie man sich verändere, sei der erste Schritt, rät Catarina Katzer. Ein Online-Logbuch zu führen, könne hilfreich sein. „Auch Resilienz ist wichtig: Wie viel Selbstkontrolle habe ich, wie stark prallt etwas an mir ab und gibt es Menschen, die mich auffangen?”