Fans schreien nach Selfies

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Stirbt das Autogramm aus?

Bitte recht freundlich! Fans verewigen ihr Treffen mit dem Fußball-Bundestrainer Joachim Löw.
Bitte recht freundlich! Fans verewigen ihr Treffen mit dem Fußball-Bundestrainer Joachim Löw.
Patrick Seeger

Für die Stars ist es mit dem Abarbeiten von Autogrammwünschen nicht mehr getan. Die Fans wollen Fotos von sich mit dem Promi. Das könnte die Künstlerszene von Grund auf verändern.

Die mehrfache Grammy-Gewinnerin Taylor Swift kann auf Autogrammkarten angeblich inzwischen verzichten. „Ich wurde nicht mehr nach einem Autogramm gefragt, seit das iPhone mit seiner Kamera erfunden wurde“, schreibt die US-Sängerin. „Das einzige Andenken, das Kinder heutzutage wollen, ist ein Selfie.“

Ähnlich ergeht es der Band Tokio Hotel: „Heute gucken dich die Leute komisch an, wenn du ihnen was unterschreiben willst“, sagt Sänger Bill Kaulitz. „Wir kommen ja noch aus anderen Zeiten. Als wir bekannt wurden, gab es ja noch kein Facebook, Twitter oder Instagram. Wir hatten ja noch Autogrammkarten.“

Auch andere Promis wie etwa die Schauspieler Jürgen Vogel, Wolfgang Stumph oder Elyas M‘Barek, der Rapper MC Fitti oder aber Fußball-Bundestrainer Joachim Löw scheinen immer wieder für Selfies von Fans posieren zu müssen.

Selfies taugen besser zum Angeben

Dennoch: Ganz düster sieht Jutta Heyn, Künstlerbetreuerin aus Berlin, die Zukunft des Autogramms nicht: „Wir bekommen nach wie vor Unmengen von Autogrammpost.“ Die Selfie-Manie sei zwar in den großen Metropolen ein neues Phänomen, aber das Autogramm sei nicht out. „Ich beobachte, wie die Fans vor Ort ein Selfie mit dem Star wollen, ihm aber den frankierten Rückumschlag für das Autogramm trotzdem noch zustecken“, sagt Heyn. Außerhalb der großen Städte sehe es ohnehin anders aus: „Wer nicht in Berlin, Hamburg oder München wohnt, hat ja gar keine Chance, an ein Selfie zu kommen“, sagt die Expertin.

Auch Ralf Hahn, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Autographensammler, sieht keinen Niedergang des Autogramms. Ein Preisverfall für Autogramme oder ähnliche Anzeichen nachlassenden Interesses seien nicht feststellbar, sagt der Berliner. Selfies würden eher zusätzlich zum Autogramm gewünscht – nicht anstatt. „Damit kann man bei Facebook natürlich besser angeben.“

Stars fühlen sich benutzt

Hollywood-Star Kirsten Dunst scheint von der neuen Selfie-Marotte ziemlich genervt: In einem Kurzfilm führt sie vor, wie sie sich von Fans instrumentalisiert fühlt, denen es offenbar nur darum geht, möglichst viele „Likes“ unter ihre Facebook-Beiträge zu bekommen. Früher, als Ilja Richter in den 70er Jahren noch die Sendung „Disco“ moderierte und Dieter Thomas Heck die „Hitparade“, blendete das ZDF sogar Adressen ein, an denen die Fans ihren Wunsch nach einem Autogramm loswerden konnten. Und heute? Die Autogramm-Adressen gibt es nach wie vor – auf den Webseiten der Stars.

Doch Country-Star Swift sieht im Selfie sogar eine neue digitale Währung, mit der die Popularität von Künstlern gemessen werden könne, ähnlich wie die Frage, wie viele Anhänger ein Musiker auf sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook habe und wie viele ein YouTube-Video gesehen haben. „In der Zukunft bekommen Künstler einen Plattenvertrag, weil sie Fans haben – nicht andersrum“, schrieb Swift.