Unsere Themenseiten

:

Ein Sommer voller Hoffnung und Zweifel

Der Neubau des Universitätsklinikums am Krankenhaus Charité in Ostberlin am 1. Februar 1984. Medikamententests westdeutscher Pharmaunternehmen in DDR-Kliniken sollen nun an der Berliner Charité untersucht werden.

Der Sommer 1983 war tropisch und heiß. Die Landtagsabgeordnete Sylvia Lehmann (SPD) erinnert sich daran, als ob es gestern war. Denn es war der einzige ...

Der Sommer 1983 war tropisch und heiß. Die Landtagsabgeordnete Sylvia Lehmann (SPD) erinnert sich daran, als ob es gestern war. Denn es war der einzige Sommer ihres Sohnes Robert. Als Säugling wurde Robert plötzlich schwer krank: Er hatte Krebs im Bauch. „Er kam sofort nach Berlin“, erinnert sich die Mutter. In der Chirurgie in Berlin-Buch wurde der Junge operiert, doch der Operateur machte den Eltern wenig Hoffnung: „Er sagte, der Junge hat keine Chance.“

Eine tragische Geschichte, wie sie überall in Brandenburg auch heute noch vorkommt? Vielleicht bis zu diesem Punkt. Doch die Geschichte von Robert Lehmann geht noch weiter. „Der Junge kam dann auf eine andere Station, zu einer anderen Ärztin“, sagt Lehmann. „Ich kann mich an den Namen nicht mehr richtig erinnern, vielleicht hieß sie Reuter.“ Und dort machte die Klinik den Eltern plötzlich Hoffnung. „Die Ärztin sagte, der Chirurg könne gar nicht wissen, wie es mit unserem Sohn weitergeht“, erzählt Lehmann. „Sie sagte, wir haben hier die neuesten Medikamente, die er gar nicht kennt.“ Und: „Ihr Sohn bekommt jetzt ein Präparat aus Frankreich.“

Sylvia Lehmann erzählte die Geschichte ihres Sohnes am Mittwochabend im Brandenburger Landtag. Ein Antrag von CDU und Grünen stand auf der Tagesordnung. Thema: Medizinische Versuche an Patienten von Krankenhäusern in der DDR. Durch diese Debatte sei die Geschichte wieder bei ihr hochgekommen, sagt Lehmann. „Wir hatten uns damals schon gefragt, ob unser Sohn vielleicht nur ein Versuchsobjekt war.“
Robert Lehmann hat den Kampf gegen den Krebs nicht überlebt. Er starb nach fünf Monaten. „Ich weiß nicht, ob das damals ein Medikamententest war“, sagt Sylvia Lehmann. Aber sie möchte es gerne wissen. „Wir müssen alles tun, was der Aufklärung dieser Geschichten dient.“

Der Umfang der Tests in Brandenburg ist unklar

Seit Monaten stellt die CDU-Abgeordnete Saskia Ludwig Anfragen an die Landesregierung, um herauszufinden, wo und wie in Brandenburg entsprechende Versuche stattfanden. Und in ihrem gemeinsamen Antrag forderten Union und Grüne, eventuell noch vorhandene Patientenakten zu sichern und in Zusammenarbeit mit den Ländern ein unabhängiges Forschungsprojekt zu diesem Thema einzuleiten.

Bekannt sei, dass im letzten Jahr der DDR auch in Brandenburger Kliniken Krebsmedikamente getestet wurden, sagte Michael Schierack (CDU) in der Debatte. „Jeder Einzelfall muss genau betrachtet werden.“ Zu klären sei der Vorwurf, dass mehrere Testreihen wegen Todesfällen abgebrochen wurden. In jedem Fall sei es „zutiefst menschenverachtend“, wenn an Patienten ohne ihr Wissen Tests durchgeführt wurden. Auch Vertreter der übrigen Landtagsfraktionen setzten sich für eine zügige Aufklärung ein.

Doch während an der Berliner Charité ein vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung initiiertes Projekt zur Aufklärung der Versuche gestartet wurde, wurde der Antrag von CDU und Grünen im Landtag mehrheitlich abgelehnt.

Auch Sylvia Lehmann stimmte dagegen. „Der Antrag war völlig in Ordnung, und die Rede von Michael Schierack richtig toll“, sagte Lehmann. Aber die Aufarbeitung der Medikamententests sei in erster Linie eine Bundesangelegenheit. „Ich bin nicht sicher, ob die Charité wirklich der richtige Partner für das Forschungsprojekt ist“, sagt Lehmann. „Aber wir müssen auf jeden Fall die Aufarbeitung vorantreiben.“