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Entführungsopfer lebt jetzt in steter Angst

Der entführte Beggerower Bürgermeister Wolf-Peter Peetz ist mit dem Strafmaß nicht zufrieden.  FOTO: Matthias Lanin

VonMatthias LaninundKirsten GehrkeDer Entführer des Beggerower Bürgermeisters muss für vier Jahre und drei Monate ins Gefängnis, nachdem er in der ...

VonMatthias Lanin
undKirsten Gehrke

Der Entführer des Beggerower Bürgermeisters muss für vier Jahre und drei Monate ins Gefängnis, nachdem er in der Psychiatrie therapiert worden ist. Ein Gutachter zeichnet im Prozess das Bild eines jungen Täters, der debil wie aggressiv und dadurch gefährlich ist.

Beggerow/Neubrandenburg.Es sind die Zweifel, die ihn heute zernagen. Hätte er sich wehren können? War er nicht beherzt genug vorgegangen? Der Beggerower Bürgermeister Wolf-Peter Peetz durchlebt am Neubrandenburger Landgericht die mehrstündige Tortur erneut. „Ich hätte, ich weiß nicht ...“, sagt er und die Stimme bricht ihm weg. Er verkantet die Gesichtszüge hinter seinem schützenden Lächeln und meint: „Heute würde ich anders auf alles reagieren, das können Sie mir glauben.“ Der 68-Jährige war in seinem Haus im vergangenen November von Christian B. überfallen und anschließend entführt worden. Der Täter ging dabei, wie sich bei der Verhandlung zeigte, rücksichtslos brutal wie chaotisch vor. „Der war mit der Situation in meinem Haus völlig überfordert“, erklärte Peetz.
Der 23-jährige Greifswalder Christian B. war vor der Tat bei einem Kumpel in Beggerow (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) zu Besuch. Der ehemalige Klassenkamerad aus der Förderschule, Jan H., hegte einen gehörigen Groll auf den Dorfbürgermeister und schickte den Täter zum unscheinbaren Haus des Opfers. „Da ist Geld zu holen, das kannst du glauben.“ Christian B. stieg deshalb ein, fand nur hundert Euro und zerschlug die Einrichtung.
Als der Greifswalder zwei Wochen später erneut in das Haus einstieg war er sich sicher, Peetz dort anzutreffen. Er schlug dem Bürgermeister mit einem Zimmermannshammer auf den Kopf und an die Beine, fesselte und knebelte den Rentner, fand jedoch auch diesmal im Haus kein Geld. Der brutale und geistig zurückgebliebene Täter wollte nicht aufgeben und schaffte Peetz in dessen Kleinwagen, fuhr mit dem Opfer über die Dörfer, ohne ein Wort zu sagen. „Selbst als der anhielt, konnte ich nicht aussteigen, weil ich so eingeklemmt hinten lag. Alle fragen mich heute, was er mit mir vorhatte, alle“, sagt Wolf-Peter Peetz. Weil Christian B. auch ein Messer bei sich hatte und hochgradig enttäuscht und überfordert wirkte, dachte der Bürgermeister an Krimis, dass er eines dieser Opfer wird, die man erst Jahre später in einem Wäldchen irgendwo in Deutschland findet. Der Stress und die Unfähigkeit des Täters retteten Peetz aber schließlich das Leben, als Christian B. den Kleinwagen an einer Straßensperre in den Graben setzte. In der Nähe von Buschmühl hatten Polizisten für einen Schwerlasttransport abgesperrt. Sie sahen den Kleinwagen von der Straße abkommen und retteten den gefesselten und stark unterkühlten 68-Jährigen aus seinem mobilen Verlies.

Bürgermeister
findet Strafe zu gering
„Diese Stunden habe ich überstanden. Was geblieben ist, das ist die unkontrollierbare Angst. Nicht bei Alltagsgeräuschen wie einem Laster oder so. Aber wenn eine Katze einen Eimer umwirft, stehe ich im Bett“, erzählt Peetz nach der Verhandlung. Sein Peiniger bekommt vom Landgericht vier Jahre und drei Monate Haft sowie eine
psychiatrische Zwangstherapie. „Wenn man anderen auf den Kopf schlägt, kann das einfach zum Tod führen“, sagte der leitende Richter Klaus Kabisch. Weil das anschließende Martyrium mehrere Stunden andauerte und so brutal durchgeführt wurde, sei der Tatverlauf gravierend zu nennen und hart zu
bestrafen.
Dem Opfer reicht das Urteil nicht aus. „Denn wenn ich ihn in dieser Nacht erschlagen worden wäre, hätte ich eine höhere Strafe bekommen“, erklärte Peetz frustriert.Er hat mit sechs Jahren gerechnet. Nach dem Urteilsspruch bleibt der 68-Jährige eine Weile fassungslos sitzen. „Das ist doch alles Spielerei“, meint er leise. „Wenn alle meinen, die Kopfverletzung wäre nicht gefährlich, dann sollen sie sich mal eine verpassen lassen.“ Er schüttelt mit dem Kopf. Es könne doch nicht sein, dass nach der juristischen Begründung der Angeklagte ein Engel sei. „Weil er nichts dafür kann?“