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Entwarnung: Holz wird nicht knapp

In schwerem Lehmboden muss gebohrt werden: Andreas Röse (vorn) und Eckard Dethloff pflanzen junge Bäume bei Rodenskrug im Forstamt Neustrelitz.

VonJörg SpreemannDer lange Winter ist schuld daran: Auch am Tag des Baumes kommen im Forstamt Neustrelitz noch die Setzlinge in den Waldboden. Darunter sind ...

VonJörg Spreemann

Der lange Winter ist schuld daran: Auch am Tag des Baumes kommen im Forstamt Neustrelitz noch die Setzlinge in den Waldboden. Darunter sind 100 Exemplare des Wildapfels.

Neustrelitz.Matthias Puchta gibt Entwarnung: Für Kamine, Sägewerke und Spanplattenfabriken werde auch in den nächsten Jahren noch genug Holz da sein. Der Chef des Forstamtes Neustrelitz kennt die Ängste, wonach angesichts wachsenden Verbrauchs an Holz die Wälder über Gebühr ausgebeutet werden könnten. Steigende Energiepreise treiben den Holzbedarf nach oben: Inzwischen würden bis zu zehn Prozent des Rohstoffs für wohlige Wärme im eigenen Haus oder zur Energieerzeugung genutzt. „Darunter ist auch vieles, was früher im Wald einfach liegen geblieben ist“, so Puchta.
Sein „Hoheitsgebiet“ mit einer Fläche von 15 500 Hektar fängt südlich von Neubrandenburg an und erstreckt sich bis fast an die brandenburgische Landesgrenze. „Alle zehn Jahre wird die Waldplanung überarbeitet“, erläutert der Experte. Dabei würden die Bestände überprüft und Änderungen bei der Holznutzung berücksichtigt. Puchta hält nicht damit hinter dem Berg, dass es darum geht, wertvolles Holz zu erzeugen. Allerdings unter Beachtung der Prinzipien Verantwortung und Nachhaltigkeit. „Wir schlagen künftig weniger Holz, obwohl wir den Rohstoff zu guten Preisen verkaufen könnten“, berichtet er über das Ergebnis der neuesten Planungen.
Kern der Waldstrategie für die Zukunft sind die Neupflanzungen. „Damit legt man sich für die nächsten 100 bis 200 Jahre fest“, so der Amtsleiter. Aufgeforstet wird derzeit auf drei Schlägen gleichzeitig, darunter auch in der Nähe von Rodenskrug bei Neustrelitz. Um die 1200Pflanzlöcher werden es am Ende sein, die Eckard Dethloff und Andreas Röse auf einem halben Hektar Freifläche in den Lehmboden gebohrt haben. Um die 20 Kilogramm schwer ist die von einem Benzinmotor angetriebene Maschine, die Dethloff voranwuchtet. „Mit dem Spaten wäre es am Ende schwerer, in die Erde zu kommen“, weiß der Forstwirt.
Den notwendigen Abstand von 1,80 Metern zwischen den Pflanzlöchern erschreitet er mit geübten Schritten. Sein Kollege Röse setzt die etwa zehn Zentimeter hohen Fichten in den Boden und füllt Erde auf. Als hellgrüne Farbtupfer heben sich lange Reihen bereits gepflanzter Bäumchen vom braun-grauen Waldboden ab.
Nach dem langen Winter wird die Zeit in den Wäldern knapp. „So was habe ich in meinen 40 Jahren in der Forst noch nicht erlebt“, sagt Dethloff. Noch bis zum 6. April war der Waldboden in der Region von einer geschlossenen Schneedecke bedeckt. An Aufforstungen war nicht zu denken. „Normalerweise hatten wir die Pflanzungen immer bis Ostern erledigt“, berichtet er. Im Forstamt Neustrelitz läuft wegen der einmonatigen Verzögerung jetzt die Nachspielzeit. Bis zum 10.Mai sollen die eingeplanten 103 000 Bäume in die Erde gebracht werden. „Wir haben alle anderen Arbeiten unterbrochen und pflanzen nur noch“, erklärt Forstamtsleiter Puchta.
Werden in Baumärkten die meisten Gewächse im Topf verkauft, kommen die Bäume in der Forst mit bloßen Wurzeln in den Boden. „Gepflanzt wird außerhalb der Vegetationszeit, wenn keine Blätter an den Bäumen sind“, erläutert er. Angesichts der milden Temperaturen hole die Natur aber kräftig auf, so dass sich das Zeitfenster für die Pflanzungen bald schließe. Die Fichtensetzlinge in der Hand von Forstwirt Röse können es kaum erwarten: An den Wurzeln zeigen sich bereits helle Triebe.
Angesichts des fortgeschrittenen Frühlings würden die verschiedenen Baumarten streng nach ihrer Empfindlichkeit gepflanzt. Deswegen müssten die Teams öfter umsetzen, weil nicht wie sonst üblich komplette Flächen mit mehreren Baumarten in einem Zug bepflanzt werden, so der Amtsleiter. Erst kommen Douglasien und Lärchen, ganz zum Schluss Eiche und Buche. „Die Laubbäume treiben später aus“, begründet Puchta. Mit auf dem Pflanzplan stehe mit 100 Wildäpfeln auch der Baum des Jahres.
Rund 20 Kilometer weiter südlich schiebt unmittelbar neben der B 96 bei Drewin Lehrling Tim Kontschak über die vorbereitete Furche eine „Dippelmaschine“, die in ihrer schlichten Metallkonstruktion aussieht wie aus einem Landwirtschaftsmuseum geliehen. Auf dem Schlag wird nicht gepflanzt wie bei Rodenskrug, sondern gesät. In einem Arbeitsgang reißt ein kleiner Sporn eine Furche in den kargen Sandboden, aus einem kleinen Vorratsbehälter purzeln die Samen dosiert ins Erdreich. Ein kleiner Metallschieber bedeckt die Körner wieder mit Sand. „Mit Säen sind wir schneller. Außerdem müssen die Kiefern später nicht mehr verpflanzt werden und können so ungestört ihre Wurzeln ausbilden“, erläutert Kontschaks Chef Puchta das Verfahren.
Auch künftig kommt auf kargen Sandböden wie denen bei Drewin die Kiefer in den Boden. Die Zeit der Monokultur mit diesem Nadelbaum sei jedoch vorbei. „Der Wald wird zunehmend interessanter und stabiler“, meint Puchta. Reine Nadelholzbestände würden schrittweise ersetzt durch Forsten mit mehreren Baumarten. Die neuen Stars sind Eiche und Buche, die ergänzt werden durch Douglasien oder Lärchen. „Damit stellen wir uns auf verschiedene Varianten des Klimawandels ein, weil sich die Wissenschaftler nicht einig sind, ob es bei uns künftig trockener oder feuchter wird“, sagt der Experte.

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