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Film ab mit „Santa Cinema“: Verein bringt Kino aufs Land

Einen 35-Milimeter-Kinofilm bereitet Thomas Genich im Filmbüro Wismar fürs Abspielen vor.

Im Pfarrhaus Groß Brütz bei Brüsewitz muss Jesus Christus einmal im Monat der Leinwand weichen. Das Kruzifix hänge sie neben die Tür, wenn der ...

Im Pfarrhaus Groß Brütz bei Brüsewitz muss Jesus Christus einmal im Monat der Leinwand weichen. Das Kruzifix hänge sie neben die Tür, wenn der Gemeinderaum zum Kino umgerüstet wird, sagt Pastorin Gesine Isbarn. In dem Dorf bei Schwerin haben zwölf Kulturinteressierte 2001 den Filmklub „Santa Cinema“ aus der Taufe gehoben.

Aufführungen gebe es regelmäßig im Pfarrhaus und sommers in der Kirche oder im Garten, erzählt die Pastorin. Stets würden Dutzende Cineasten aus der Region angelockt. „Wir zeigen keinen Durchschnitt, sondern anspruchsvollen Film von der echten Klamotte bis zur höchsten Kunst“, sagt Isbarn.

Streifen nach Wünschen der Mitglieder gemietet

Für buntes Lichtspieltheater auf dem Lande sorgt in Mecklenburg-Vorpommern ein kleiner Verein. Hervorgegangen aus der ostdeutschen Filmklubbewegung, einer von den DDR-Oberen stets kritisch beäugten Szene, gründete sich 1990 in Güstrow der Verband Filmkommunikation. Nach den Wünschen seiner Mitglieder mietet der Verein rund 50 Filme im Jahr bei gewerblichen Verleihern, wie der Vorsitzende Jens-Hagen Schwadt erklärt. Damit bespiele er landauf, landab rund 40 Leinwände.

Als DVD, Blu-Ray-Disc oder 35-Millimeter-Rolle wandert der Film mehrere Wochen lang über die Dörfer. Nach einem Routenplan, dem jeweiligen Abspielring, wird der Streifen durchs Land geschickt. Nacheinander verwandeln sich Kirchen, Feuerwehrstationen, Schulen, Fabriken, Klubs, Gutshäuser oder Parks für ein paar Stunden in illustre Lichtspielhäuser. Dieses „Wander-Kino“ gebe es nur im Nordosten Deutschlands, sagt Schwadt. Vorbild sei der DDR-Landfilm, der früher per Motorroller über die Dörfer zog.

Hier bekommen auch junge Regisseure und Studenten ihre Chance

In entlegenen Winkeln zwischen Ostsee und Seenplatte kämen vor allem jene Filme zur Aufführung, die in den schnelllebigen kommerziellen Multiplex-Kinos kaum zu finden seien, erklärt Schwadt. Auch junge Regisseure, Kurzfilme oder studentische Arbeiten erhielten so ihre Leinwand-Chance. „Wir bringen große Filmkunst dorthin, wo es kein Kino gibt“, sagt der Vereinschef. 600 Veranstaltungen spulen die ehrenamtlichen Filmfreaks jedes Jahr ab. Kunst pur – ohne Popcorn und Cola.

Vielfalt statt Einfalt sei das künstlerische Ziel. „Gleichschaltung gibt es nicht“, betont Schwadt. Die Dörfer erreichten mit wöchentlichen oder monatlichen Vorführungen vor allem Stammpublikum. Rund 15 000 Zuschauer kämen jedes Jahr in die Kultur-Kinos, darunter Touristen. Mit den geringen Eintrittsgeldern werden die Film-Mieten bei den Verleihern bestritten. 7000 Euro pro Jahr gebe die Landesfilmförderung dazu. „MV ist keine Kinowüste“, betont Schwadt.

Moderne Medien könnten das Aus bedeuten

Pastorin Isbarn findet es mühsam, die Leute in Mecklenburg-Vorpommern für exklusives Landkino zu begeistern. Die Filmklubs böten ja nicht gerade leichte Kost, sagt sie.
Sorgen um die kleinen Lichtspielhäuser macht sich Sabine Matthiesen, Geschäftsführerin des Filmbüros Wismar. Künftig wollten die Verleiher neue Produktionen nicht mehr als 35-Millimeter-Filmrolle, sondern nur noch auf modernen Medien herausgeben, erklärt die Fachfrau. Das könnte für alternative Filmtheater auf dem Land, die ohne teure digitale Abspieltechnik auskommen müssen, das Ende bedeuten.