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Teil 5: Mediensucht

Fernseher, Computer und Smartphone sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie sind eine wichtige Hilfe, die kaum einer missen möchte. Doch wenn ihre Nutzung zur Sucht wird, können sie einen normalen Alltag unmöglich machen.

Mediensucht

 Für seine Freunde hatte Tom* keine Zeit mehr. Termine beim Jobcenter hat er sausen lassen. Um eine Arbeit konnte er sich nicht kümmern. Tom hatte Wichtigeres zu tun – in seinen Augen. Tom ist computersüchtig. In seinen schlimmsten Zeiten saß er täglich 18 Stunden und mehr am Rechner. Zwischendurch ein bisschen schlafen, etwas essen, dann tauchte der heute 25-Jährige wieder in seine Parallelwelt ab, das Universum des Internet-Rollenspiels EVE.

 

Dort war Tom richtig fleißig, arbeitete sich zum Kommandanten hoch. Er flog Angriffe gegen andere Raumschiffe, eroberte Gebiete, reiste durch  Sternensysteme und rüstete seine Technik immer weiter auf. Irgendwann war sein Ziel klar: ein riesiges Raumschiff zusammenbauen. Das Einzige, das man dafür brauchte, war Zeit. Viel Zeit. „So ein Raumschiff baut man normalerweise gemeinsam mit anderen Spielern. Aber nach mehreren Tausend Stunden hatte ich es geschafft. Allein“, sagt Tom und ein bisschen Stolz klingt in seiner Stimme mit.

 

Etwa zwei Prozent der Deutschen gelten als internet- oder PC-süchtig. „Das bedeutet aber auch, dass rund 98 Prozent kein Problem mit Abhängigkeit haben“, sagt Dr. Detlef Scholz vom Kompetenzzentrum für exzessiven Mediengebrauch und Medienabhängigkeit in Schwerin. „Trotzdem führt die Mediennutzung in vielen Familien zu großen Spannungen.“ Zum einen fehle Eltern oft noch das Verständnis für den Umgang ihrer Kinder mit Kommunikationsmitteln, mit denen sie selbst nicht aufgewachsen sind. Zum anderen machten sie sich mitunter aber auch berechtigte Sorgen über die Einseitigkeit der Aktivitäten ihrer Kinder.

 

Doch nicht jeder, der Medien extrem nutzt, wird süchtig. Wenn jemand aber beispielsweise starke Verunsicherungen im sozialen Umfeld, in der Familie oder in der Schule wahrnimmt und – aus unterschiedlichsten Gründen – unangenehme Gedanken und Gefühle entstehen, können Medien komplett davon ablenken. „Sie erlauben es, in eine andere Welt abzutauchen, in der es immer wieder Neues gibt, witzige Videos, neue Spiele, Informationen“, erklärt Detlef Scholz. „Man kann sich so darstellen, wie man sich gern sieht, man kann Anerkennung finden, die es im realen Leben momentan nicht ausreichend gibt.“

 

Auch Tom fand bei EVE das, was ihm im wahren Leben verwehrt war: Erfolg und Anerkennung. „Dort klappte alles, so wie ich es wollte. Nichts wurde durch irgendeinen anderen Menschen blockiert“, sagt Tom. „Das war einfach ein angenehmes Gefühl.“  Sucht sei immer ein Selbstheilungsversuch, so Berater Scholz. Dahinter stecke das Bestreben, sich gut oder zumindest besser zu fühlen.

 

Auch Tom hatte Probleme, von denen ihn das Spiel wunderbar ablenkte. Probleme, die allerdings zum Teil auch erst aus der Mediensucht entstanden waren. Schon als Grundschüler – damals noch in Berlin – schwänzte er permanent die Schule, hatte Stress mit seiner Mutter und kam mit seiner Schwester überhaupt nicht klar. Schließlich kam er in ein Kinderheim in Schleswig-Holstein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihn das Computerfieber längst gepackt. Als Elfjähriger hatte er seinen ersten Computer gekauft, einen C 64 vom Flohmarkt. Im Jahresrhythmus folgten weitere, immer bessere Geräte. „Meine Freunde  konnten schon Counterstrike spielen. Ich nicht“, erinnert sich der Schweriner zurück. „Also jobbte ich, bis ich mir den PC leisten konnte.“

 

Als seine Mutter nach Schwerin zog, ging Tom zu ihr zurück. Neue Schule, keine Freunde, kein Geld für Freizeitbeschäftigungen wie das Segeln, das er während der Zeit im Kinderheim trainieren konnte. Er fing gleich wieder an zu schwänzen, hatte Stress mit seiner Mutter. Der Computer war sein Trost. Nach einem Jahr ging nichts mehr. Er zog aus, ins Betreute Wohnen. Da versuchte Tom, der die Schule ohne Abschluss verlassen hatte, noch einmal sein Leben in den Griff zu bekommen. An der Volkshochschule machte er den Hauptschulabschluss und nahm sogar den nächsthöheren Abschluss in Angriff. „Aber dann sollte ich parallel einen Ein-Euro-Job machen“, erinnert sich Tom. „Das war nicht zu schaffen, weil auch die Schule jeden Tag mehrere Stunden dauerte.“ Er schmiss den Job, bekam Sanktionen vom Jobcenter bis zur Komplettstreichung der Hilfe. Zum ersten, aber nicht letzten Mal. „Ich weiß gar nicht, wie ich ohne Geld klarkam. Aber irgendwie ging es“, so der 25-Jährige. Um die Volkshochschule weiter zu besuchen, fehlte das Geld aber.

 

Im Universum von EVE lief es deutlich besser. Aber auch nur, wenn man viel Zeit investierte. Und so fing Tom an, Termine des Jobcenters zu ignorieren. „Das Spiel war wichtiger.“ Als zum ersten Mal ein Berater vermutete, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmte, und ihn zu einer Untersuchung schicken wollte, hatte Tom sein Problem noch nicht erkannt. „Ich dachte noch, ich hätte alles im Griff.“ Hatte er aber nicht. Immer wieder Probleme mit dem Jobcenter, schon mehr als 1500 Euro Mietschulden. „Als der Strom abgestellt werden sollte und mir dann auch noch die Wohnung gekündigt wurde, musste ich etwas unternehmen“, beschreibt Tom den Wendepunkt. Er ging zur Beratungsstelle für Mediensucht.

 

„Dass ich wirklich computersüchtig bin, habe ich erst nach einer ganzen Weile und einigen Tests akzeptiert.“ Die Gespräche mit Detlef Scholz hätten ihm sehr geholfen. „Da hat einer zugehört, sich für mich interessiert.“ Vor allem aber wies der Berater ihm einen Weg aus der Sucht. Er sagte, wie er seinen Tagesablauf ändern sollte, um weniger zu spielen. Er riet ihm, regelmäßig mit Freunden etwas zu unternehmen. „Ohne die Beratung hätte ich nicht gewusst, wie ich anfangen soll“, sagt der 25-Jährige.

 

So nahm Tom einen 400-Euro-Job im Supermarkt an. Regale einräumen. Nichts für die Ewigkeit, für den jungen Mann aber ganz wichtig. „Nach der langen Pause brauchte ich ja erst einmal wieder etwas für den Lebenslauf und ich musste sehen, ob ich es schaffe, regelmäßig zur Arbeit zu gehen“, erklärt Tom. Er schaffte es. „Nicht ein Fehltag“, sagt er stolz. Inzwischen hat er die Zusage für eine Vollzeit-Stelle und ein neues Ziel. Tom möchte unbedingt eine Ausbildung machen. In welcher Branche ist ihm fast egal.

 

Ganz ausgeschaltet hat er den Rechner auch jetzt noch nicht. Noch immer verbringt er mehrere Stunden täglich am Computer. Er schaut Videos auf YouTube, bringt sich das Programmieren von Websites bei. Nur selten spielt er. Bei EVE hatte er sein großes Ziel ja erreicht. „Das hat mir den Ausstieg wohl auch deutlich erleichtert.“

 

Interview:
Fließender Übergang von Leidenschaft zur Sucht

Als eine von wenigen Städten in Deutschland hat Schwerin eine Beratungsstelle, die sich nur mit Mediensucht befasst. Mit Dr. Detlef Scholz, Berater des Kompetenzzentrums für exzessiven Mediengebrauch und Medienabhängigkeit, sprach Kathrin Neumann.

Wo endet extreme Mediennutzung, wo beginnt Sucht?
Diese Abgrenzung ist nicht so einfach wie bei substanzgebundenen Süchten wie Alkohol- oder Medikamentensucht. Zwischen Leidenschaft und Sucht gibt es einen fließenden Übergang. Selbst die Zahl der Stunden, die ein Mensch am Computer, im sozialen Netzwerk oder mit dem Smartphone verbringt, ist kein Gradmesser bei der Einschätzung, ob die Mediennutzung normal, exzessiv oder schon suchtartig ist. Es gibt aber andere Kriterien und die sind denen bei anderen Süchten gleich – beispielsweise dass jemand ständig den Drang verspürt, an den Computer, ans Handy gehen zu müssen, und in seinen eigenen Entscheidungen schon mehr oder weniger eingeschränkt ist, nicht mehr selbst steuern kann, wann der Rechner ein- oder ausgeschaltet wird. Ich habe Klienten, die haben 30 Stunden am Stück gespielt, bis sie nicht mehr konnten, bis vor ihren Augen alles verschwamm. Dann haben sie nur wenige Stunden geschlafen, um sich gleich wieder an den Computer zu setzen. Und wenn Computersüchtige einmal nicht an den Rechner können, zeigen sie unter Umständen ähnliche Entzugserscheinungen wie andere Süchtige. Aus Kliniken wird berichtet, dass einige Patienten aggressiv werden, zittern, Schweißausbrüche haben oder eine massive innere Unruhe spüren.

Wie können Eltern oder Außenstehende erkennen, dass ein Medium zum Problem geworden ist?
Es gibt einige Alarmsignale: Sohn oder Tochter vernachlässigen Dinge des Alltags, Ernährung, Hygiene und Gesundheit. Die Noten in der Schule sacken ab. Das Kind hat keine Lust mehr zu Dingen, die früher Spaß gemacht haben – Freunde treffen, ins Kino oder ins Freibad gehen, im Verein trainieren oder lesen. Allerdings ist auch da Vorsicht geboten, weil es in der Pubertät ganz normal ist, dass sich Interessen verändern. Und Medien sind ein wunderbares Mittel, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen.

Wann wäre es aus Sicht von Eltern Zeit, eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen?
Sobald das Medienverhalten zu Konflikten in der Familie führt, sollte man sich diesem Thema zuwenden. Sich allein darauf zu verlassen, dass sich das Problem mit der Zeit von allein löst, kann ein Fehler sein. Wenn man früh reagiert, kann man sich einiges an Spannungen – zusätzlich zum ohnehin vorhandenen pubertären Explosionspotenzial – ersparen. Da die (vermeintlich) Betroffenen selbst das Problem oft nicht anerkennen, können Eltern zunächst auch allein in eine Beratungsstelle gehen.
Was können sie vorsorglich tun?Eltern sollten von vornherein auf den Medienkonsum ihrer Kinder schauen, sich mit den faszinierenden Möglichkeiten und den Risiken der virtuellen Welt auseinandersetzen. Für manche Kinder ist es gut, wenn sie eine klare Linie, einen Rahmen für die Mediennutzung vorgegeben bekommen. Man kann beispielsweise vereinbaren, dass sich Sohn oder Tochter für jede Stunde am Rechner eine Stunde bewegen muss. Der Computer sollte in der Wohnung möglichst nicht an zentraler Stelle stehen, sondern besser irgendwo, wo es auch nicht so gemütlich ist. Und dann sollten Eltern wissen, was ihre Kinder am Computer und im Internet tun. Im Grundschulalter sollten Mädchen und Jungen generell nicht permanent unbeaufsichtigt im Internet agieren.