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Wenn der Sport zu einer Droge wird

Es ist egal, wie kalt das Wasser oder wie widrig die Umstände sind. Es wird immer weiter trainiert. Foto: Felix Kästle
Es ist egal, wie kalt das Wasser oder wie widrig die Umstände sind. Es wird immer weiter trainiert. Foto: Felix Kästle
Felix Kästle

Sport kann krank machen. Wer zu viel trainiert, schadet seinem Körper mehr, als dass er ihm nützt.

Halle. Am Anfang waren es drei, vier Kilometer. Zweimal die Woche. Dann wurde es immer mehr: längere Strecken, häufigere Termine – bis die junge Frau mindestens einmal täglich die Laufschuhe schnürte und Symptome wie nervöse Unruhe und Magenschmerzen entwickelte, sobald ihr etwas dazwischen kam. „Wenn jemand einen so zwanghaften Drang verspürt, Sport zu treiben, dass der Verzicht auf seine gewohnte Dosis ihn psychisch oder sogar körperlich leiden lässt, ist das nicht normal“, erklärt Prof. Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln. „Man kann da schon von Suchtverhalten sprechen.“

Sportsucht gehört zu den Verhaltenssüchten. „Vermutlich liegt die Krankheitshäufigkeit bei den intensiv trainierenden Ausdauersportlern bei ein bis drei Prozent“, sagt Prof. Oliver Stoll von der Universität Halle-Wittenberg.

Weitere Risikogruppen sind laut Stoll Kraftsportler, von denen einige muskelsüchtig werden, und Ex-tremsportler, die von einem Adrenalinkick zum nächsten jagen. Menschen mit Körperwahrnehmungsstörungen wie Magersucht seien ebenfalls gefährdet.

Einen Sportsüchtigen erkennt man daran, dass Sport nicht nur Teil seines Lebens ist, sondern es bestimmt. Er sei wie besessen davon und trainiere nicht, weil er Lust darauf habe, sondern einen unkontrollierbaren Drang dazu verspüre, erklärt Prof. Thomas Schack, Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Sportpsychologie. Dabei werde die Dosis kontinuierlich erhöht. Denn der Körper verlange in immer größerer Menge nach dem „rauschhaften Wohlgefühl“, in den ihn die beim Sport ausgeschütteten Botenstoffe wie Dopamin versetzen. Ein erzwungener Verzicht könne Entzugssymptome wie Kopf- und Magenschmerzen, Nervosität oder Depressionen auslösen.

Ein so extremes Verhalten hat Folgen. Irgendwann verdrängen die negativen Trainingseffekte zunehmend die positiven. „Auf Dauer kann das exzessive Trainingsverhalten dazu führen, dass der Körper sich nicht mehr regenerieren kann und es zu einem Übertrainingseffekt kommt, der mit Symptomen wie Schlaflosigkeit, Kopfschmerz oder Muskelbeschwerden einhergeht“, sagt Kleinert. Außerdem könne die hohe körperliche Belastung langfristig das Immunsystem schwächen oder Herzkreislaufprobleme und einen vorzeitigen Verschleiß von Gelenken, Knochen und Sehnen nach sich ziehen.