Bei niedrigen Temperaturen war vor knapp drei Jahren in Neustrelitz eine betrunkene Frau im Freien umgekommen. Das Landgericht
Bei niedrigen Temperaturen war vor knapp drei Jahren in Neustrelitz eine betrunkene Frau im Freien umgekommen. Das Landgericht Neubrandenburg urteilte nun über diesen Fall. Fabian Sommer
Gerichtsprozess

Frau nach Trinkgelage erfroren – Urteil gefallen

Eine Frau, obenrum nur mit BH bekleidet, war im Dezember 2019 leblos vor einer Wohnung gefunden worden. Der Wohnungsmieter musste sich nun vor Gericht verantworten.
Neubrandenburg

Langsam, ganz langsam, schlurft der Mann an seinem Rollator in den Gerichtssaal. Zu langsam, selbst für ihn. Ob es ihm gut gehe, will die Vorsitzende Richterin Daniela Lieschke am Neubrandenburger Landgericht von dem Angeklagten wissen. Der 57-Jährige nickt. Und korrigiert sich gleich: Nicht ganz, weil ihn Zahnschmerzen plagten in der Nacht, musste er drei Schmerztabletten schlucken. Ob er etwa, die Richterin lässt nicht locker, mit Schnaps oder Bier nachgespült habe? Nee, so kommt es zurück.

Zwei Polizisten zur Alkoholkontrolle geholt

Die Justiz glaubt dem Mann nicht und schickt nach zwei Polizisten, die sollen ins Gericht kommen und die Promillezahl messen. Der Angeklagte pustet, das klappt gleich beim ersten Mal. Der Uniformierte liest das Ergebnis vor und staunt: 2,52 Promille, oha! Die Richterin ist sich unsicher jetzt. Eigentlich müsste sie alles abbrechen, betrunken wie der Mann ist. Hilfesuchend blickt sie hinüber zur psychiatrischen Gutachterin, vom Gericht extra bestellt wegen der bekannten Alkoholkrankheit des Angeklagten. Er sei zwar langsam, lässt diese wissen, mache aber alles motorisch richtig. Und bekanntlich sei bei der Krankheit in dem Stadium eine Promillezahl von 0,00 viel „gefährlicher“.

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Also weitermachen? Denn für den Angeklagten geht es um eine Menge. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in der Nacht vom 14. zum 15. Dezember 2019 bei einem Trinkgelage in seiner Neustrelitzer Wohnung eine völlig betrunkene Frau aus seiner Wohnung ins Freie gezerrt und sie draußen liegen gelassen zu haben. Die Frau wurde am nächsten Morgen mit einer Körpertemperatur von 19 Grad leblos gefunden. Retter konnten ihr nicht mehr helfen.

Erfrorene Frau war auch erheblich alkoholisiert

Zum Prozessbeginn hatte der Angeklagte bestritten, dass er die Frau aus seiner Wohnung nach draußen gebracht habe. Aussetzung und unterlassene Hilfeleistung, so lauten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen den 57-Jährigen. Immerhin – wenn jemand nach und wegen einer Aussetzung stirbt, muss der Schuldige mindestens drei Jahre hinter Gitter.

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Das Gericht entscheidet sich für die Fortsetzung des Prozesses – unter Vorbehalt. Die Rechtsmedizinerin der Uni Greifswald erklärt die Versuche der Wiederbelebung in der Klinik am Tattag und das Ergebnis ihrer Untersuchungen: Die Frau sei an Unterkühlung gestorben. Zudem sei auch sie stark betrunken gewesen, 3,4 Promille. Hilflos ist sie erfroren, die Sanitäter fanden sie am nächsten Morgen oberhalb der Taille nur mit einem BH bekleidet, neben ihr standen ihre Schule und lag ein Pullover.

Rechtsmedizinerin gibt dem Fall die entscheidende Wende

Nicht selten, so erklärt es die Rechtsmedizinerin, verspüren Betrunkene auch draußen in der Kälte ein subjektives Hitzeempfinden und reißen sich Sachen vom Leib. Dann das Wichtigste: Die Verletzungen, die sie bei der Toten entdeckt habe, können nicht mit dem Tatvorwurf übereinstimmen: „Beim Zerren und Ziehen entstehen ganz andere Abschürfungen“, macht sie deutlich.

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Was jetzt? Es existieren keine objektiven Beweismittel mehr und der Angeklagte will damals längst auf dem Fußboden neben der Couch geschlafen haben. Alles wohl ein „tragischer Unfall“, so die Richterin. Staatsanwaltschaft und Verteidigung plädieren auf Freispruch, das Gericht schließt sich dem an. Und die Zeugin, die alles gesehen haben will an jenem feucht-unfröhlichen Abend und deren Aussagen alles ins Rollen brachte? Erscheint nicht und muss deshalb 150 Euro Ordnungsgeld bezahlen.

Ermahnung an den Angeklagten

Langsam begreift der Angeklagte den Freispruch. Darauf soll er aber nicht noch extra einen trinken, mahnt ihn die Richterin.

 

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