Von wegen altbacken

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Mähen per Sense kommt wieder in Mode

Mähkurs-Teilnehmer Horst steht mit seiner Sense auf einer Wiese.
Mähkurs-Teilnehmer Horst steht mit seiner Sense auf einer Wiese.
Daniel Reinhardt

Die Mahd mit der Sense verbinden auch im ländlich geprägten Nordosten viele Menschen höchstens noch mit ihrem Großvater. Doch die uralte Technik erlebt gerade eine Rückkehr – man kann sogar Kurse dazu buchen.

Die Frühsommersonne brennt vom Himmel über Mecklenburg, das Gras am Weiher steht einen halben Meter hoch, vom Holunder weht Blütenduft herüber. Eine Handvoll Menschen sind nahe Schwerin auf einer Landstraße unterwegs, die zwischen zwei Teichen eine malerische Kurve schlägt. Sie tragen Sensen in den Händen und auf ihren Gesichtern frohe Erwartung. Es könnte das Titelbild eines jener Hochglanz-Magazine sein, in denen die Freuden des Landlebens gepriesen werden. Die Gruppe will es ausprobieren: Sieben Männer und drei Frauen zwischen 18 und 69 Jahren – manche aus der Stadt, manche vom Land -, haben sich zum Mähkurs bei Profi Hartmut Winkels angemeldet. Einige haben nie zuvor eine Sense in der Hand gehabt.

Die Pianistin Katharina Dieckmann zog von Hamburg aufs Land, wegen der hohen Mietkosten in der Metropole und weil sie der Enge der Großstadt entfliehen wollte. In Groß Salitz im Landkreis Nordwestmecklenburg nennt sie ein Häuschen mit 2500 Quadratmetern Grund ihr Eigen. Nach dem Mähen mit dem Rasenmäher tun ihr die Hände weh. Die Musikerin hofft, dass es mit der Sense besser geht.

Es gibt sogar einen Sensenverein – mit 120 Mitgliedern

Der Ärger über den Lärm des elektrischen oder benzingetriebenen Rasenmähers hat einige Teilnehmer der Runde in den Kurs gebracht, andere die Hoffnung auf eine üppig blühende Blumenwiese. Für manche zählte der Wille, damit etwas für die Bienen im Speziellen und die bedrohte Insektenwelt im Allgemeinen zu tun. Auch Heiner Miller fand so zur Sense. „Ich habe lange Zeit im Ausland gelebt und als ich vor 20 Jahren ins Allgäu zurückkam, war ich erschrocken, wie wenig blühte.“ Heute ist er Vorsitzender des Sensenvereins Deutschland, den er vor zehn Jahren mit gründete.

Wer blühende Wiesen will, ist schnell bei der Sense, denn der Rasenmäher scheitert an höherem Gras. Die Technik beherrschte Miller nicht und so nahm er einen Kurs bei einem österreichischen Lehrer. Dort war die Handmäh-Welle schon etwas eher losgegangen. Heute hat der Sensenverein Deutschland laut Miller rund 120 Mitglieder, mehr als 20 Lehrer seien registriert, alle mit Zertifikat, wie er betont. „Uns kommt es auf Qualität an.“ Bundesweit nähmen jährlich mehrere Hundert Menschen an den Kursen teil und die Nachfrage wachse. Das hänge mit dem zunehmenden Umweltbewusstsein zusammen. „Viele Leute wollen eine Blumenwiese in ihrem Garten haben.“

Vor dem Mähen kommt erstmal das Dängeln

Im Schweriner Vorort Medewege steht eine Frau am Rand der Mähwiese. Der Kurs sei leider ausgebucht gewesen, sagt sie. Nun wolle sie wenigstens zuschauen. Günter, der aus Wien stammt und heute in der Nähe von Wismar in einem Einfamilienhaus mit Garten lebt, hat einen Platz ergattert. Sein Antrieb: Er will die alte Arbeitstechnik erlernen. „Ich bin an Vielem interessiert, habe auch schon mal Käse gemacht und Wein“, erzählt der 62-jährige Agrarbiologe. Beim Mähen sei er nicht ideologisch – der maschinengetriebene Mähbalken sei enorm schnell auf größeren Flächen, der elektrische Rasenmäher für den Rasen am Haus bislang seine Wahl. „Für schlecht zugängliche Ecken kann ich mir vorstellen, die Sense zu nehmen, wenn es gut geht.“

Vor das Mähen hat Sensenlehrer Winkels aus Nordrhein-Westfalen eine Unterweisung im Dengeln gesetzt. Mit einem speziellen Hammer werden Unebenheiten aus dem Sensenblatt geklopft. Das kann dauern und hat etwas Meditatives, allerdings mit Gehörschutz, denn die Hammerschläge auf der Klinge sind laut. Scharf wie ein Damaszener-Messer sei eine gut gedengelte Sense, sagt Winkels und gibt Sicherheitsanweisungen: Die Sense immer in der rechten Hand und mit der Spitze nach außen tragen, beim Ablegen muss die Spitze nach unten zeigen, damit niemand im hohen Gras hineintritt. Das beliebte Motiv des Landmanns, dem die Sense lässig auf der Schulter liegt, verweist Winkels ins Reich der Romantik. „Viel zu gefährlich“, sagt er. „Wenn man sich plötzlich umdreht, kann das Ohr des daneben Gehenden ab sein.“

„Wie ein Tänzchen”, findet die Musikerin

Die Gruppe ist auf der Wiese angekommen. Es ist immer noch heiß. Winkels gibt letzte Anweisungen und dann legen die Mäh-Neulinge los: Füße etwas mehr als schulterbreit auseinander, den rechten Fuß leicht nach vorn, die Bewegung kommt aus den Beinen, gedreht wird auf dem Fußballen. Die Arme arbeiten kaum, das wäre zu anstrengend. „Wie ein Tänzchen“, sagt Musikerin Katharina. „Wie Twist“, sagt Winkels.

Nach einer Stunde strömen Schweißperlen von Günters Gesicht, er strahlt. „Das macht riesigen Spaß“, sagt er. Sensen könne das Fitness-Studio ersetzen. Aber auch: „Wenn man das immer und jeden Tag machen müsste. Ich kann die Menschen von damals verstehen, dass sie dankbar waren für die Maschinen.“ Er könne auch die Sehnsucht der heutigen Menschen nach der vermeintlich heilen Land-Idylle verstehen. „Aber“, sagt er, „man muss auch realistisch sein.“