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Hoch auf dem gelben Wagen ist die Gymnastik inklusive

Die vier Pferde Uschi, Sanny, Davine und Chapeau brachten die Postkutsche samt Fahrgäste und Postillon am Dienstagabend sicher nach Altentreptow. [KT_AUTOR_END][KT_CREDIT] FOTO: P. Jasmer

VonPaulina JasmerExtrapost in Altentreptow: Eine Postkutsche aus dem Jahr 1806 mit Männern in blauen Uniformen und zehn Fahrgästen rollt auf den Marktplatz. ...

VonPaulina Jasmer

Extrapost in Altentreptow: Eine Postkutsche aus dem Jahr 1806 mit Männern in blauen Uniformen und zehn Fahrgästen rollt auf den Marktplatz. Sie bringen Kunde von einer ganz besonderen Mission.

Altentreptow.Die Hufe
klappern auf dem Kopfsteinpflaster, als die Postkutsche von der Oberbaustraße Richtung Marktplatz einbiegt. Das Gefährt mit den roten Rädern ruckelt über den huckligen Boden und kommt vor dem „Hotel am Markt“ zum Stehen. Die Pferde schütteln sich. Christian Löchelt greift zum Horn und verkündet die „Extrapost für Altentreptow“.
Helmut Deutschkämer steigt lächelnd vom Kutschbock. 45 Kilometer ist er mit seinen Mitarbeitern und zehn Fahrgästen am Dienstag gefahren. Querfeldein – aus der Nähe von Loitz kommend. „Aber wir sind im Training“, sagt er und spielt auf die Fitness seiner Pferde an. Zwei Monate lang haben Uschi, Sanny, Davine und Chapeau zuvor für die lange Tour geübt.
Helmut Deutschkämer, eigentlich Landwirt aus Dabel, erfüllt sich mit seinem kleinen Unternehmen „Postkutschenreisen“ derzeit einen eigenen Lebenstraum. „Ich wollte schon immer einmal vom Kap Arkona bis zur Zugspitze mit der Postkutsche fahren“, berichtet er. Das Mobil dafür hat er seit Ende der 90er-Jahre. Die Kutsche, so wie sie früher auch in Mecklenburg unterwegs gewesen sein soll, wurde einst in einer polnischen Manufaktur hergestellt „nach einer Originalvorlage von 1806“, weiß der Unternehmer. Und seine Mitstreiter tragen am Dienstag auch ganz traditionell blaue Uniformen, – wie damals um etwa 1812, als noch Großherzog Franz Friedrich regierte.
Während die Fahrgäste im Hotel am Markt Quartier beziehen, kommen natürlich auch die Pferde auf ihre Kosten: Ein Lkw mit Anhänger begleitet diese Tour und hat vier Tonnen Futter geladen. Heu, Hafer, Müsli – alles, was ein Pferdeherz begehrt.
Seit vergangenen Samstag ist die Postkutsche unterwegs und hat auch schon einige Abenteuer erlebt, wie Helmut Deutschkämer erzählt. So habe er aus Versehen sein Gefährt auf die neue Rügenbrücke gelenkt, obwohl er doch den alten Rügendamm nehmen wollte. Aber alles mit einem guten Ende: Die Polizei eskortierte die Postkutsche kurzerhand, so der Landwirt. Er ist die gesamte Strecke bis nach Garmisch-Partenkirchen vorab bereits einmal mit dem Auto abgefahren. Am 2. Juli will Helmut Deutschkämer nun an seinem Zielort ankommen, sich in die Seilbahn setzen und die letzten Meter – ohne Pferde – bis zur Zugspitze überwinden.
Das Rentner-Ehepaar Gerlinde und Hans-Jürgen Förster fährt die gesamten fünf Wochen mit. „Wir schätzen die Langsamkeit, mit der man alles beobachten kann“, sagt die Rentnerin. Und langweilig sei es auf der Kutsche auch nicht, wie sie mit einem Lachen erzählt. Denn das Gefährt ist 2,85 Meter hoch. Wenn Äste tief hängen, dann müssen sich die Gäste oben auch ducken. „Bei uns ist die Gymnastik inklusive“, fügt Helmut Deutschkämer verschmitzt hinzu.
Heute geht die Reise über Thalberg, Teetzleben, Woggersin, Weitin und Wulkenzin bis nach Neustrelitz.

Kontakt zur Autorin
p.jasmer@nordkurier.de