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„Ich habe mich oft geschämt“

Anne Koschnicke, Christa Degener, Gerlinde Bollow, Petra Schmelzer und Gunhild Schröder (von links) treffen sich mit vielen anderen Rheuma-Patienten regelmäßig in der Katharinenstraße.[KT_CREDIT] FOTO: P. Jasmer

VonPaulina JasmerReißende Schmerzen und Steifheit – Rheuma ist beileibe keine Krankheit der „Alten“, sondern kann jeden treffen. Früherkennung ist ...

VonPaulina Jasmer

Reißende Schmerzen und Steifheit – Rheuma ist beileibe keine Krankheit der „Alten“, sondern kann jeden treffen. Früherkennung ist daher also besonders wichtig.

Neubrandenburg.Der Schmerz fährt mit solcher Wucht durch den Körper, dass dieser den Dienst versagt. An Aufstehen am Morgen ist kaum zu denken. So geht es vielen Rheuma-Patienten in Neubrandenburg.
Dabei hat diese Krankheit über 400 Gesichter, plus Misch- und Kreuzformen. Von einem einheitlichen Krankheitsbild kann da keine Rede sein. Alles ist bei jedem anders.
Davon können die Damen von der Rheuma-Liga AG Neubrandenburg berichten, denn das Rheuma wird sie nie mehr loslassen.
Rheuma ist unheilbar.In Neubrandenburg haben sich immerhin 100 Menschen in der Rheuma-Liga zusammengefunden. Regelmäßig treffen sich hier Betroffene, umErfahrungen auszutauschen.
Die Psyche spiele eine wichtige Rolle, sagt Christa Degener, als sie an ihre „Rheuma-Anfänge“ denkt. Eine Kündigung habe sie einst von heute auf morgen komplett aus dem bewegten Leben gerissen. Ihre Welt sei zusammengebrochen und so auch ihr Seelenheil aus dem Gleichgewicht geraten. Ihr linker Arm liegt nun so manchen Morgen wie taub neben ihr. Sie ist unfähig, ihn zu bewegen.
Die Schmerzen lokalisiert Degener im Ellenbogengelenk. Und dann muss sie mit der rechten Hand ihren linken Arm packen, um ihn in die Position zu bringen, wie sie ihn haben möchte. Oft habe sie ihre Hände unter warmes Wasser halten müssen. Wärme tut ihr gut, sagt sie. Eine Frühdiagnose ist wichtig, damit die Folgeschäden zu kontrollieren sind, weiß Christa Degener jetzt.
„Als ich noch arbeitete, schämte ich mich oft“, berichtet hingegen Petra Schmelzer, die Vorsitzende der Rheuma-Liga AG Neubrandenburg. Eine Woche habe sie durchgehalten, um anschließend vier Wochen krank zu sein. Und immer der Gedanke, „dass die Kollegen meine Arbeit mit erledigen müssen“, sagt sie.
Auf den ersten Blick ist ihr wie auch den anderen vier Frauen, die sich zum Gespräch zusammengefunden haben, nichts von ihrer Krankheit anzusehen. Doch wenn man genau hinschaut, bemerkt man hier und da
dicke Fingergelenke oder sogar steife Finger, die sich nicht mehr gerade strecken lassen.
Auch Hüft- oder Kniegelenke können betroffen sein, wie Gerline Bollow erzählt. Sie kennt die sogenannte Morgensteife nur zu gut. Im Bett ist noch alles wohlig warm, fühlt sich gut an, doch sofern man aufsteht, durchkreuzt der Schmerz alles. Die Gelenke können einfach nicht richtig gebeugt werden, erklärt die Neubrandenburgerin.
Abhilfe können Medikamente schaffen. Aber auch eine gesunde Lebensweise ist Gold wert. Viel Obst und Gemüse, nicht rauchen, kein Stress, rät Petra Schmelzer und fügt hinzu: „Rheumatiker sind meistens Perfektionisten, leistungsorientiert und haben ein Helfersyndrom.“ Der Gedanke, unabkömmlich zu sein, brachte so manchen jetzt Betroffenen einst um den Schlaf und an seine Leistungsgrenze. „Aber jetzt weiß man, dass man sich immer fragen sollte, ob alles, was ansteht, auch gut für einen selbst ist“, sagt Gerlinde Bollow.
Die Medikamente könnten zwar die Schmerzen lindern, aber niemanden gesund machen. Die Nebenwirkungen seien zudem mitunter ganz schön alarmierend. So nehme beispielsweise Cortison den Schmerz, führe jedoch oftmals zu extremer Gewichtszunahme, beschreibt Bollow.
Und die zusätzlichen Kilos drücken dann auf die Gelenke, was wiederum die Bewegung erschwert – ein Teufelskreis. Wer auf welche Medikamente eingestellt wird, das entscheidet der Arzt je nach Krankheitsbild. Er ist es zum Beispiel auch, der einen 13-tägigen Aufenthalt in der Tagesklinik im Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikum anweist. Dort werden die Patienten dann nach ihren Bedürfnissen behandelt, zum Beispiel mit Ergo- oder Physiotherapie.
Verständnis und auch eine emotionale Art der Linderung finden die Rheuma-Patienten zudem bei den regelmäßigen Treffen in ihren Räumen in der Katharinenstraße. Sie finden jeden ersten und dritten Dienstag im Monat statt.
Am kommenden Sonnabend hat die Liga sich die Psychologin Nicole Schadrock eingeladen. Ab 10 Uhr geht es um „Krankheitsbewältigung von Rheuma-Patienten“.
Wer dabei sein möchte, kann sich unter folgender Rufnummer anmelden: 0395 5577053 oder 3681960.

Kontakt zur Autorin
p.jasmer@nordkurier.de