KONZERT-BERICHT AUS BERLIN

Birthday-Bash mit Bonaparte

Vergesst Annäherungsversuche über Mini-Wini-Würstchenketten. Kindergeburtstag! Nichts schweißt Fremde mehr zusammen, als ein Wiegenfest mit Tobias Jundt alias Bonaparte. Wir waren dabei.
Anne Breitsprecher Anne Breitsprecher
Konfetti
Was vom Bonaparte-Konzert übrig war: Konfetti vor und glückliche Gesichter hinter der Kamera. Anne Breitsprecher
Das freudige Finale, alles andere als unscharf. Tolle Band, starke Tänzerinnen und Tänzer. Anne Breitsprecher
Berlin.

Tobias Jundt alias Bonaparte hat sich nach eigenen Aussagen zum Tagmensch entwickelt. Das hört man seiner aktuellen Platte „The Return of Stravinsky Wellington“ auch an. Sie ist deutlicher, als ihre Vorgänger. Schließlich zeigt auch das Tageslich schonungsloser, was Phase ist. Der Spaß an Sprache löst die Freude an Lauten ab, Geschichten ersetzen Stichpunkte. Melodien werden sanfter, klingen weniger nach Dunkelheit und Rausch. Daran ist absolut nix verkehrt. Doch was, wenn sich Tag- und Nachtsongs plötzlich wieder vereinen? 

Am 20. Oktober im Festsaal Kreuzberg gab Bonaparte eines der seltenen Konzerte 2017 und dieses sollte ein besonderes werden, denn Tobi Jundt feierte Geburtstag. Das ließen sich seine Anhänger und Freunde nicht entgehen und machten mal eben den ganzen Laden dicht: Sold out! 

Der Jubilar enterte, wie es sich für so einen Tag gehört, allein die Bühne. Spärliche Beleuchtung, Hut im Gesicht legte er mit Melody X einen betont ruhigen, auffordernden und verzweifelt hoffnungsvollen Start hin. „Hold your broken dream up high. You know you try. Oh you know you try. It's the worst case scenario lullaby. And then the rent is just a little too late. Ain't gonna be no birthday cake.“ Quatschi, von wegen keinen Geburtstagskuchen, aber dazu später mehr. 

Mit „White noize“ ging es gesellschaftskritisch und in Hitform weiter im Text. Gleichzeitig wurde ein Spannungsbogen gespannt, der dem Druck schon beim dritten Song nicht mehr standhielt: Anti, Anti. Und schwupps, hüpfen aufgeregte Menschen von Anfang 20 bis Mitte 30 an dir vorbei und freuen sich des Lebens. Halbnackte Tänzerinnen, Riesenbälle und eine starke Band, die dank Bläsersektion neue Feinheiten aus den neuen und den bereits lieb gewonnenen Songs kitzelten. So ging das Tanzen auch zum entzückenden „Fuck your accent“ weiter und hörte bei „Halfway House“ noch lange nicht auf. Nach kurzer Zeit, alle nass. Wie immer. 

Tobias Jundt beschenkt sich selbst

Tagsongs wurden genauso dankbar abgenommen wie die Bonaparte-Klassiker der Nacht. Geburtstagskind Jundt quittierte den Hexenkessel vor der Bühne mit breitem Grinsen, das nur noch breiter wurde als Weggefährte und Tänzer Lulu Rafano zu „Manana forever“ glitzernd mit ihm die Bühne teilte. „Let it ring“, „Hey (is for horses)“, „Do you want to party“, „Computer in love“ hielten die Temperaturen hoch und das Volk am Schwitzen. Das Ausrasten zu den vertrauteren Tracks ging besser. Jedoch nur eine Frage der Gewohnheit. Wohlfühlen war den ganzen Abend über angesagt. Rührung und Tränen waren allerdings neu. 

Beides schenkte Tobias Jundt sich und seinem Publikum, als er „Dr. Boum“ einen Song seines Vaters anstimmte, der damit in den späten 60er Jahren in der Schweiz am Start war. Als Werner Jundt dann nach über 40 Jahrzehnten Bühnenabstinenz die zweite Strophe übernahm und das Lied mit seinem Sohn beendete, luden die Herzklappen aller Anwesenden endgültig zum Tag der offenen Tür. „Wash your thighs“, „Wir sind keine Menschen“, „When the ship is thinking“, „Out of control“ und natürlich „Too much“ - alles Lieder, die an diesem Abend gespielt und ausnahmslos gefeiert wurden. So sehr, dass es zwei Zugabenrunden gab. Die erste komplettierte das Set des Abends mit der Ballade „Wolfenbüttel“ und dem als Geburtstagslied bestens geeigneten „May the best sperm win“, zu dem Lulu aus der bis dahin noch fehlenden Geburtstagstorte hüpfte. Freude. 

„Into the wild“ krönte das durchgeschwitzte Finale. Selig, fröhlich und im Herzen vereint, ging es „over and out into the wild“. So haben wir Geburtstage gern.

 
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