ILGEN BORALI IM INTERVIEW

Cool. Ilgen-Nur.

In ihrer Band spielt der Trümmer-Musiker Paul Pötsch Gitarre. Ihre ersten Songs wurden von Max Rieger von Die Nerven produziert und mit Max Gruber alias Drangsal läuft musikalisch auch einiges: Ilgen Borali ist szene-technisch gut am Start und hat mit „No Emotions“ im vergangenen Jahr eine ziemlich hittige EP rausgebracht. Der Immergut-Auftritt Ihrer Band Ilgen-Nur wurde im Sonnenschein gefeiert. Wir haben im anschließenden Interview erfahren, was sie noch nie gemacht hat, was sie gernhat und welches Thema sie irgendwie nervt, obwohl sie gerne darüber spricht.
Anne Breitsprecher Anne Breitsprecher
Ilgen Borali
Ilgen-Nur hat das Immergut Festival 2018 musikalisch eröffnet und ihrem Überhit "Cool" dabei alle Ehre gemacht. Anne Breitsprecher
Ilgen-Nur
Auch Tuchfühlung beim Immergut: Ilgen-Nur Anne Breitsprecher
EP
"No Emotions" heißt die erste EP von Ilgen-Nur. Erschienen sind die emotionalen Songs nur auf Musikkassette - und die ist bereits ausverkauft. Anne Breitsprecher
Neustrelitz.

Ist es dein erstes Immergut oder warst du schon mal als Besucherin da?

Bevor ich angefangen habe, Festivals zu spielen, war ich selber privat noch nie auf einem Festival. Ich war auch noch nie im Leben in einem Zelt drin, habe noch nie gecampt.

Okay?! Woher kommt’s? Ich weiß nur, dass du aus der Nähe von Stuttgart kommst. Wie ländlich ist das da?

Also, da gibt es auch schon Festivals. Viele sind immer aufs Southside gefahren. Ich glaube, ich wollte eine Zeitlang immer auf Festivals, aber meine Eltern haben es mir nicht erlaubt und als ich es durfte, hatte ich dann selber keine Lust mehr. In der Ecke gab es auch nicht so viele geile Festivals.

Das wollte ich gerade fragen. Gibt es etwas Vergleichbares zum Immergut im Stuttgarter Raum?

Vielleicht gibt es das mittlerweile, aber das Immergut kannte ich damals eh noch nicht und es wäre auch zu weit gewesen. Ich habe im vergangenen Jahr zum ersten Mal vom Immergut gehört. Paul, unser Gitarrist, ist nach Neustrelitz gefahren und ich war sehr neidisch, weil Angel Olsen gespielt hat. Sie ist eine meiner Lieblingskünstlerinnen. Und sonst sagen auch immer alle, dass das Immergut ganz cool ist.

Ein gewisser guter Ruf hat sich also rumgesprochen?

Auf jeden Fall. Es gibt viele „schlechte Rüfe“ von Festivals (Anm. d. Red.: Lacht). Aber das Immergut hat echt einen guten Ruf unter uns Musikern.

Was gefällt dir als Künstlerin an Festivalauftritten?

Es ist ganz cool, wenn das Wetter super ist. Die Leute sind betrunken oder nicht betrunken. Die haben auf jeden Fall immer Bock und sind irgendwie entspannter. Ich spiele Festivals lieber als Clubkonzerte. Die Leute wollen auf Festivals einfach Musik hören.

Aber auf Clubkonzerten kommt man nur wegen dir? Ist das nicht noch cooler?

Ja, aber ich denke, auf Festivals schaut man sich eher auch mal Sachen an, die man nicht kennt. Das finde ich ganz cool. Das ist einfach entspannt und lässt auch irgendwie den Druck ab, als wenn Leute gezielt Tickets gekauft haben, um nur einen Künstler zu sehen. Das finde ich ein bisschen stressig, aber ich will natürlich trotzdem ein gutes Konzert spielen.

Was macht für dich ein gutes Konzert aus?

Erstens muss der Sound auf der Bühne gut sein, sonst bin ich total raus. So professionelle Sachen müssen abgedeckt sein. Die Leute sollten Spaß haben und ich muss selber auch Spaß haben, dann ist es für mich ein gutes Konzert.

War es für dich auf dem Immergut ein gutes Konzert?

Ja, voll. Total. Wir waren ein bisschen zu spät dran. Nach einem ganz kurzen Soundcheck ging es direkt auf die Bühne. Ein bisschen stressig, aber ich hatte auf jeden Fall Spaß. Ich fand’s total cool. Es haben auch echt einige Leute mitgesungen, was ich immer noch überraschend finde.

Wie klein ist der Ort, aus dem du kommst?

Oh, ich komme aus Wendlingen am Neckar, das ist so zwanzig, dreißig Minuten von Stuttgart entfernt. Ich weiß gar nicht, wie viele Leute da wohnen. Wahrscheinlich so 15.000 bis 20.000 Leute. Aber es ist trotzdem sehr dörflich.

Wie wichtig ist da eine kulturelle Szene? Ich habe gehört, dass du mit 11 Jahren Kate Nash gehört hast und das ein Erweckungserlebnis für dich war. Woher kam der Input?

Es gibt in Stuttgart ab und zu Konzerte. Aber einige internationale Künstler touren dann doch eher in Hamburg oder Berlin. Ich war halt auch sehr jung und meistens zu Hause in meinem Zimmer. Ich habe meine Jugend vor dem Computer verbracht und anderen Bands hinterhergeträumt, die nie in Europa getourt sind. Ich habe zum Beispiel vor ein paar Tagen Radiator Hospital aus Philadelphia gesehen. Die waren jetzt tatsächlich mal in Hamburg und außer mir waren nur noch 15 andere Leute bei dem Konzert. Die Band habe ich halt so mit 14 Jahren gehört. Aber da waren auch so Sachen wie Potty Mouth oder Bikini Kill. Das kannte dann halt keiner außer mir in dem Ort, in dem ich groß geworden bin.

Klar gibt es das Internet, aber da muss man ja auch die richtigen Begriffe suchen. Wie bist du auf diese Bands gestoßen? Zufall?

Ich war halt sehr viel auf Tumblr aktiv, dieser Blog-Seite. Da bin ich auf vieles gestoßen. Tatsächlich war Kate Nash ein krasser Einfluss, als ich 11 Jahre alt war. Und dann habe ich jedes Kate Nash-Interview durchgelesen und mir die Sachen angehört, die sie gut findet und das waren halt Bands wie Bikini Kill und Hole. Und wenn man sich die so mit 13 oder 14 Jahren reinzieht, hat man auf jeden Fall auch Bock, was zu machen.

Waren deine Vorbilder von vornherein eher Frauenbands?

Total. Voll. Also, so Sachen wie Nirvana und Kurt Cobain waren auch voll wichtig für mich. Später auch Indie-Bands wie die Arctic Monkeys. Aber ich habe mich schon immer mehr von Frauen angesprochen gefühlt. Das ist auch immer noch so. Aber nicht bewusst, sondern weil mich die Texte mehr ansprechen.

Weil es mehr mit dir selbst zu tun hat?

Ich mag total viele Männerbands, aber manchmal gibt es mir von den Lyrics her nicht so viel.

Mit Beginn der Open-Air-Saison hat auch die Diskussion um Frauenbands auf Festivals wieder Fahrt aufgenommen. Ich habe schon den Eindruck, dass es Frauen in dem Business schwerer haben, an die Oberfläche zu ploppen. Du wurdest nun schon häufig auf diese Situation angesprochen.

Es ist auch ein bisschen nervig, immer darauf angesprochen zu werden. Es ist für mich kein Problem, weil ich Feministin und Queer-Feministin bin und ich gerne über das Thema rede. Aber ich kann mir vorstellen, dass einige Frauen sich gar nicht mit dem Thema auseinandersetzen und wahrscheinlich Feministinnen sind, sich aber nicht für das Thema interessieren. Was auch in Ordnung ist. Sie aber einfach in einer Band spielen wollen und zufällig auch noch Frauen sind. Die tun mir dann immer leid, dass sie dazu so ausgefragt werden.

Aber woran liegt es, dass es bei Festivals gerade im Indie- und Rock-Bereich nur 5 bis 10 Prozent Frauen auf den Bühnen stehen? Hast du für dich eine Erklärung?

Vielleicht müssen wir da back to the basics. Es fängt ja schon in der Jugend und der Erziehung damit an, dass man einem Mädchen, das sich für ein Instrument interessiert, eher ein Klavier oder eine Flöte in die Hand gibt und kein Schlagzeug oder eine Gitarre. So fangen wir alle an. Ich hatte auch Klavierunterricht, jahrelang - und dann wollte ich Gitarre lernen. Da fängt es für mich schon an.

„Ich kann an beiden Händen abzählen, welche deutschen Indie-Pop-Bands mit Frauen auf Festivals spielen werden.“

Es müsste von Anfang an mehr gefördert werden. Aber heute sehe ich hier im Backstage auch keine andere Frauenband (Anm. d. Red.: Mourn müssen sich gerade irgendwo versteckt haben. Die Ladies aus Spanien waren ja auch noch da). Die kommen dann morgen mit Gurr und Kat Frankie. Das fand ich auch cool im Line-up zu sehen, aber ich kann dir auch an beiden Händen abzählen, welche deutschen Indie-Pop-Bands mit Frauen auf Festivals spielen werden, das bin halt ich, Gurr, Blond, Kat Frankie, Die Heiterkeit. Es ist irgendwie klar, wer da so spielt. Aber es kann doch nicht sein, dass das die einzigen Frauenbands sind?

Es gibt definitiv Frauen, die Musik machen. Ich glaube, sie sind nur einfach nicht so sichtbar wie Männer. Wie kann das sein?

Ich finde es wichtig, dass Bands, die größer sind, auch Vorbands auf Tour mitnehmen, die halt nicht so repräsentiert sind. Das fand ich an Tocotronic zum Beispiel total toll, die nehmen auch oft Frauenbands in ihrem Vorprogramm mit. Es ist für sie klar, dass sie eine Machtposition in dieser Industrie haben, und sie können aktiv etwas machen, um etwas zu verändern.

Vielleicht muss man gerade darüber reden, damit es selbstverständlich wird.

Ey, aber wenn man sich so Festivals in England und den USA anguckt, dann sind da gerade so viele Frauenbands am Risen. So Sunflower, Wolf Alice, Japanese Breakfast, you name it! Wenn man sich das Line-up vom Coachella anschaut, dann bestehen die Indie-Bands dort fast nur aus Frauen.

Ein deutsches Problem? Werden wir hier immer noch zu spießig erzogen?

Keine Ahnung. Was ich auch immer wieder höre, dass die Leute sagen, Frauenstimmen sind mir zu nervig und deshalb spielen wir im Radio auch nicht zwei Frauen hintereinander.

Deine Stimme kann ich mir definitiv länger anhören als nur für zwei Songs. Was mir an dir gefällt: Du triffst irgendwie voll den Zeitgeist und hast gleichzeitig das Potenzial, völlig zeitlos zu sein. Mit welchem Ansatz kannst du dich eher anfreunden?

Ich finde beides schön. Ich möchte natürlich den Zeitgeist treffen, aber ich finde es auch cool, wenn die Leute die Songs auch in zehn Jahren noch anhören, auch wenn ich die Songs dann wahrscheinlich selber nicht mehr gut finde. Aber ich glaube, wenn man Songs schreibt, die aus einer ehrlichen Perspektive heraus entstanden sind - was Künstler wie Neil Young oder die Beatles ja auch schon immer gemacht haben - wird man damit immer in Kontakt sein, weil es einfach um Gefühle geht und die verändern sich beim Menschen nicht. Es hört sich mega cheesy an, aber das ist einfach so.

Wann gibt es endlich mehr als die EP?

Da sind wir gerade dran. Ich fang an, diesen Sommer das Album zu schreiben. Mitte nächsten Jahres, Anfang nächsten Jahres soll es dann rauskommen. Ich habe schon überlegt, ob ich noch eine zweite EP machen soll. Aber ich will schon ein Album machen. Ich habe auch Lust eine Platte rauszubringen.

Und warum ist deine bisherige EP nur als Musikkassette erschienen?

Das war zufällig. Mich hat einfach ein Kassetten-Label angeschrieben und ich hatte dann einfach Bock drauf.

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