HINTERLANDGANG IM PORTRÄT

Dagegen, jung, aus der Provinz

Was denkt die Jugend übers Leben in der Kleinstadt? Was nervt sie und was treibt sie an? Die „Hinterlandgang“ leistet Aufklärungsarbeit. Und die Reaktionen, die die Rapper aus Vorpommern bisher auf ihre Lieder bekommen haben, zeigen: Sie haben ein Lebensgefühl ziemlich gut auf den Punkt gebracht.
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Albert Münzberg (links im Bild) und Pablo Himmelspach sind die Hinterlandgang.
Albert Münzberg und Pablo Himmelspach (von links) haben was zu sagen. Das Foto ist auch das Covermotiv ihres Albums "Ihr Kriegt Uns Nie". Hauke Irrgang
Vorpommern ·

Schon dieser Name: Hinterlandgang. Dieser deutsch-englische Mix aus zwei bedeutungsschweren Wörtern. Einerseits das Hinterland, das für einen abseitigen, irgendwie geheimnisvollen Raum steht. Andererseits die Gang, die verschworene Gemeinschaft, bei der man immer auch an Gangster denkt. Allein an diesem Namen lässt sich lange rumdeuten. Albert Münzberg sagt: „Ich finde den Namen geil.“

Zusammen mit Pablo Himmelspach hat er die Hinterlandgang gegründet. Die beiden 20-Jährigen kennen sich schon ihr Leben lang. Neben den beiden Rappern gehört inzwischen auch der DJ Denny Kunkel, 19 Jahre, zum inneren Kreis dazu. Das Hinterland ist Vorpommern. Himmelsbach und Münzberg kommen aus Siedenbüssow. „Wir drehen am Rad, von Demmin bis Jarmen“, singen sie im Song „Ihr Kriegt Uns Nie“. Es ist eines von 15 Liedern auf ihrem gleichnamigen und ersten Album, das nun erschienen ist.

In ihren Texten geht es ums Aufwachsen und Leben in der Kleinstadt. Die Rapper erzählen von grauen Fassaden und vom Plattenweg zum Strand, von den inneren Konflikten sowie der Familie und den Freunden, die sie immer wieder aufbauen. Sie erzählen davon, wie sie nicht im Sumpf versinken wollen und den Wunsch verspüren, auszubrechen. Es überrascht, wie reflektiert zwei 20-Jährige da zu Werke gehen. In diesem Abwägen, dem Gegenüberstellen von Gutem und Schlechtem, machen sie auch ihren Standpunkt klar. So gibt es den „Mittelfinger für die Faschos und die Jungs in Blau“ und das Einstehen für offene Grenzen.

Vom Jugendhaus zur Waldbühne

Ihre erste Veröffentlichung gab es vor zwei Jahren. Die beiden Rapper haben ein Minialbum bei Youtube hochgeladen. Die Songs kamen gut an im Bekanntenkreis und machten die Runde auch darüber hinaus. Der erste Live-Auftritt fand dann im vergangenen Jahr im Demminer Jugendhaus als Vorband für den Rapper WiLL statt. Es folgte der Auftritt im Vorprogramm der Hip-Hop-Gruppe „Waving the Guns“ in Greifswald, den auch Leute der Band Feine Sahne Fischfilet sahen. Als Feine Sahne ihr neues Album im Januar mit einem Konzert in Loitz feierten, holten sie die Hinterlandgang dazu. Beim „Wasted in Jarmen“-Festival trat das Trio dann im Sommer schon vor einigen Tausend Leuten auf und beim Black-Block-Sound-Open-Air standen die Drei auf der großen Demminer Waldbühne. 

Mit Feine Sahne Fischfilet verbindet die Rapper eine ähnliche Attitüde: Zur Identifikation mit der Heimat gehört dabei auch die Auseinandersetzung mit ihr. Heimatliebe ja, Heimatstolz eher nicht. „Auf jeden Fall identifizieren wir uns mit unserer Herkunft. Uns ist wichtig, das zu repräsentieren, was die Gegend ausmacht“, sagt Albert Münzberg. Dazu gehört für ihn, die Stärken und die Schwächen zu zeigen. Pablo Himmelspach sagt: „Wir versuchen das Gefühl zu verpacken, das wir hier haben.“ Dass sie mit diesem Gefühl nicht allein sind, haben ihnen schon die Reaktionen auf ihre allerersten Songs gezeigt. Damals hätten sie gemerkt, dass andere sich mit den gleichen Fragen beschäftigen, die gleichen Probleme haben.

Freiheit im Hinterland

Was sagen sie nun über dieses Hinterland, ihre Heimat? Albert Münzberg: „Es ist trist. Es gibt wenig Sachen, die schon da sind, wo du einfach mitmachen kannst. Aber du hast die Freiheit, Sachen aufzuziehen. Du kannst viel Action machen, aber du musst es selbst machen.“ Pablo Himmelpach ergänzt: „Du wächst frei auf. Hier gibt es nicht den ganzen Tag Input wie in der Großstadt. Hier ist weniger. Du hast mehr Raum, was mit dir zu machen.“

Für ihn ist Rap auch dazu da, Sachen härter auszusprechen als in einem Popsong. Eine dieser Sachen ist die kritische Einstellung gegenüber der Polizei. „Darum wurden viele Gauner, keine Bullen. Sie wählen weder AfD noch 110“, heißt es im Song „Wo Ich Hingehör“. Polizisten müssten stets hinter dem Staat stehen, und es sei nicht vorgesehen, dass sie Entscheidungen hinterfragen. So sieht es Pablo Himmelpach, und das kritisiert er. Albert Münzberg spricht eher von schlechten Erfahrungen, fügt aber hinzu: „Wo und wann auch immer man in Konflikt mit der Polizei war, heißt das nicht, dass man selbst nichts falsch gemacht hat.“

1000 Prozent für die Gang

Ihre Einstellung zum rechten Lager machen sie derweil unmissverständlich klar. Zumal sie als Jugendliche selbst noch erlebt hätten, wie sich die Mehrheit auf die rechte Seite gestellt habe. „Wir sind die Hinterlandgang. Wir sind gegen Faschos. Die Faschos können einfach nicht dabei sein“, sagt Albert Münzberg und spannt den Bogen weiter: Zur Hinterlandgang gehörten eben mehr als die drei Musiker. Dazu gehörten alle Leute, die sich wiederfinden in der Musik und den Texten. Und wenn sie davon rappen, „nach oben“ zu kommen, sei damit gemeint, dass dieser Kreis an Leuten größer wird.

Für sie selbst ist die Musik „nichts, was man mal macht“, wie  Himmelspach sagt. „Das ist kein Hobby“, erklärt Münzberg, „wir hängen uns zu tausend Prozent rein. Aber das heißt ja nicht, dass wir keine Ausbildung machen.“ Er selbst macht eine zum Zimmermann in Rostock, Denny Kunkel lässt sich ebenfalls in Rostock zum Informatiker ausbilden, und Pablo Himmelspach studiert in Greifswald Kommunikationswissenschaften. Das nächste Album, sagen sie, stehe derweil schon in den Startlöchern.

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