IMMERGUT FESTIVAL 2018

Dunkelheit bringt Immergut zum Leuchten

Es ist mit das Schlimmste, was einem Festival und seinen Besuchern passieren kann: Stromausfall. Beim Immergut Festival wurde es am Freitag für mehrere Stunden finster. Ein Aggregat rauchte durch. Programm gab es trotzdem. Wir haben alle Bands und Künstler des 19. Immerguts gesehen und ein Fazit gezogen.
Anne Breitsprecher Anne Breitsprecher
Immergutrocken e.V.
Der Stromausfall beim Immergut Festival 2018, sorgte erst einmal für Dunkelheit. Doch der Materialschaden am Aggregart brachte erstmals auch das Engagement der ehrenamtlichen Veranstalter auf die große Bühne und die große Liebe der Fans noch deutlicher zum Vorschein. Sebastian Gottschalk
Olli Schulz
Der Mann des Immergut Festivals 2018, Herzensbrecher und heimlicher Headliner: Olli Schulz. Anne Breitsprecher
Ilgen-Nur
Eines der frühen Immergut-Highlights am Freitagnachmittag: Ilgen-Nur. Anne Breitsprecher
Das Paradies
Das Paradies auf dem Immergut Festival gefunden. Anne Breitsprecher
Gurr
Rock'n'Roll mit Gurr!!! Anne Breitsprecher
Pom Poko
Die Überraschung kam aus Norwegen: Pom Poko lieferten eine wilde und überraschende Show. Anne Breitsprecher
Neustrelitz.

Am Anfang war jede Menge Licht. Die Sonne gab schon tagelang alles und verwandelte die Wiese am Bürgerseeweg in eine reichlich staubige Angelegenheit. Doch die Besucher, die teilweise schon drei Tage vor dem offiziellen Start zum Immergut Festival in Neustrelitz eintrudelten, störte das herzlich wenig. Baden, Sonnen, Biertrinken, Musikhören, Mücken jagen - für alle Open-Air-DOs war das Wetter perfekt. Strahlende Gesichter everywhere, Gold Tattoos und Glitzer sei Dank.

Da war sie also plötzlich wieder, die kleine heile Parallelwelt, zu der sich einmal im Jahr ein magisches hölzernes Tor auftut - Immergut. Hach! Nach dem Aufwärmen und Wiedersehen auf dem Zeltplatz enterten die Massen das Festivalgelände und sammelten sich vor der Birkenhain-Bühne für den ersten Programmpunkt des Wochenendes: Anja Rützel. Die Journalistin und Autorin eröffnete den launigen Reigen mit Geschichten über Molche und Fauchschaben, ehe sie dem Publikum gab, was es wollte: die Wahrheit über Alpakas und deren Menschenhass. Wohlwollend aber auch ein bisschen träge, räkelte sich die Zuhörerschar dabei vor ihr im Hörspiel-Modus und ließ sich gerne erzählen. Entspannt, selig, vorfreudig. Wozu auch ausrasten bei einer Lesung?

Alle nett beim Immergut

Das konnte man ja schließlich schon bei der nächsten Künstlerin. Die Sängerin Ilgen-Nur Borali und ihre Band waren eines der frühen Highlights des Immergut Festivals 2018. Sie beendeten die hippieske Lümmelei am Birkenhain mit rauem Indie-Pop, starker Stimme und hübscher Lässigkeit. „Aufstehen“, heizte ein überschwänglicher Fan die letzten Sitzenden fröhlich an. Eine Bitte, die umgehend erhört und tanzend umgesetzt wurde. Was sind die alle nett beim Immergut.

Danach hieß es wieder chillen und grinsen mit den sympathischen 11 Freunden, die im Duo daherkamen und insbesondere mit ihrer Hitliste der dümmsten Fußballer-Verletzungen aller Zeiten für Gelächter bei Kennern und Rasenballsport-Verachtern gleichermaßen sorgten.

Immergut Festival 2018 - Freitag

Niemand ahnte da, dass die Funk ein- und ausatmenden Maurice & die Familie Summen sowie Stimmwunder Fil Bo Riva die einzigen sein würden, die an diesem Freitag die Waldbühne bespielen. Keiner wusste, dass es sich doppelt gelohnt hätte, zu den befreiend lauten Mourn abzugehen oder Lambert, dem Cro unter den Pianisten, zu lauschen. Btw... wer weiß, was für ein Tier seine Springbock-Gazellen-Grashüpfer-Maske genau darstellen sollte, kann sich gerne melden. Oh, süße Leichtigkeit. Was sollte in diesem wunderbaren Kosmos aus gut gelaunten Freunden auch schiefgehen? Und so stieg das Glück Band für Band, Song für Song stetig an.

1801 Gewinner

Drangsal spielten gerade im Zelt, als gegen 22 Uhr alles dunkel wurde – und leise. Aggregat am Rauchen. Notstrom springt nicht an. Super Gau. Was scheiße klingt und scheiße war, machte schlagartig circa 1801 Menschen zu Gewinnern. Das ist die maximale Anzahl der Zeltzuschauer plus Max Gruber alias Drangsal, der den Moment zu seinem machte und damit in die Geschichte des Immergut Festivals einging. Er schnappte sich seine Akustikgitarre, schritt, nur von einer Taschenlampe und zahlreichen Handydisplays beleuchtet durch die sehnsüchtig sitzende Menge und brachte seinen Hit „Turmbau zu Babel“ stromlos, begleitet von 1800 textsicheren und instant-verliebten Stimmen: „Alles in Ordnung, denn ich lieb dich so, ich lieb dich so.“

Eine Zeile wie in Beton gemeißelt für das gesamte restliche Festival. Die Gelassenheit mit der das Gros der Besucher die Situation annahm, war beinahe unwirklich und wurde von dem veranstaltenden Immergutrocken e.V. mit Freibier gesichert, während sich ein Ersatzaggregat aus Berlin auf den Weg nach Neustrelitz machte. Roosevelt, der Künstler, der nun eigentlich hätte auftreten sollen, konnte darauf nicht warten. Sein nächstes Ziel: Madrid. Auch Bayonne mussten weiter. Doch dann ereigneten sich gleich mehrere Wunder. Ein kleines Aggregat der örtlichen Stadtwerke setzte den Birkenhain wieder unter Strom und sowohl die von vielen freudig erwarteten Die Nerven erklärten sich bereit, ihr Konzert auf die kleinste Bühne zu verlegen, als auch Headliner Ty Segall. „Fuck it, yeah. Let’s do it“, entschied Segalls Management.

Legendär!

Gesagt, getan. Bands und Fans explodierten, nachdem wieder Licht ins Dunkel und Sound aus den Boxen kam. Beide Auftritte – legendär. Kero Kero Bonito hatten es danach etwas schwer und während zur Disko der Tag begann, ackerten die Ehrenamtlichen und Stromer schwitzend und bangend bis in den späten Morgen.

Dann die Erlösung: Alles lief. Der Samstag konnte ohne Einschränkungen angegangen werden. Die Sonne erwärmte Gemüter und Körper, als wäre nichts gewesen. Der Samstag, so viel war trotzdem klar, musste jetzt reinhauen, aber richtig.

Christiane Rösinger eröffnete die Deutschstunde und berichtete über ihre Erfahrungen als Lehrerin für Flüchtlingsklassen. Das Paradies versprach anschließend in mitreißender Singer-Songwriter-Manier nicht weniger als eine „Goldene Zukunft“ und niemand hatte an diesem Nachmittag Zweifel daran, „dass die Zeiten rosig sind“.

Zuschauerherzen am Glühen

Aufklärung in Sachen Charts brachten Gereon Klug und Andreas Dorau, inklusive Text- und Musikbeispielen. Und dann erleuchtete Sam Vance-Law das erste Mal nach dem Black Out die Waldbühne. Songs wie Seifenblasen, herrlich klar, regenbogenfarben und leicht, dazu engelsgleiche Mehrstimmigkeiten und eine Band, die selbst die orchestralen Einlagen der ungewöhnlichen Popsongs mit wenigen Handgriffen großartig ersetzte. Schnell war für Sam Vance-Law klar: „This is the best crowd we ever played for.“ Das er bisher nur drei Konzerte gespielt habe, sei dabei sicher nicht so wesentlich, setzte der charmante Kanadier gekonnt hinterher und verriet auch gleich noch grinsend, dass er einsam und zu haben sei. Da glühte das Zuschauerherz.

Immergut Festival 2018 - Samstag

Etwas weniger emotional, aber alles andere als unspannend präsentierten sich Suff Daddy & The Lunch Birds. Dass sie ihren Ursprung im Hip-Hop haben, brachten sie beinahe entschuldigend hervor. Schließlich ist das auf einem Indie-Festival eher die Ausnahme. Dem Immergut-Publikum war's egal. Sie feierten die jazzigen Songs und eleganten Beats. Dass das Immergut Festival auch Volksfeststimmung kann, stellten Granada aus Österreich dann in der Zeltbühne unter Beweis. Wippender Boden, dampfende Menschen und zum Abschluss auch noch eine fröhliche Polonaise zum Gute-Laune-Song „Pina Colada“. Fast nicht zu glauben.

Wildes aus Norwegen

Kat Frankie und Band brachten in signal-roten Outfits eine etwas erhabenere Atmosphäre auf die Waldbühne. Die Sängerin mit der fantastischen Stimme zeigte einmal mehr, dass ihre Bandbreite so weit ist wie der Luftweg von Neustrelitz in ihre Heimat Australien.

Überraschungs-Act des Abends: Pom Poko aus Norwegen! Was für ein Feuer, was für ein Sound! Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Pop, nicht Punk, sondern irgendwas Wildes dazwischen. Frickelmusik mit ansteckender Frontfrau, so die unwürdige Beschreibung für die mitreißende Darbietung von Ragnhild Fangel Jamtveit & Co.

Dann: Eine Programmunterbrechung wegen einer Durchsage. Da war er wieder, der Stromausfall. Doch dieses Mal blieben Lampen und Boxen an, denn vor Olli Schulz ergriff Marco Lehmbeck vom Immergutrocken das Mikrofon für eine Erklärung, eine Entschuldigung, ein Dankeschön. Und er war nicht allein. Mit ihm auf der Bühne seine sichtlich emotionalen und mitgenommenen Vereinskolleginnen und -kollegen. Die Reaktion der mitfühlenden Zuschauer: Applaus und Zugabe-Rufe. Nie war die Verbundenheit von Fans und Festival-Machern stärker zu spüren, als in diesem Moment. Wenn das Drama am Vorabend aufgrund eines Materialfehlers überhaupt für etwas gut war, dann zum einen für Drangsal. Aber auch dafür, die Menschen hinter dem Immergut Festival unfreiwillig und doch verdient ins Spotlight zu rücken. Menschen, die mit Herzblut in ihrer Freizeit ein Festival auf einer Wiese entstehen lassen, das nicht auf große Namen, sondern mutig auf Vielfalt, Entdeckergeist und Intimität setzt - seit 19 Jahren.

Showmaster Olli Schulz

Das schien auch Olli Schulz nicht kalt zu lassen. Der Singer, Songwriter und Showmaster enterte die Bühne mit einem Immergut-Freestyle und wurde während seines Konzerts wie viele andere Künstler des Tages nicht müde, seine Liebe für das Festival und seine Macher zu bekräftigen: „Hey, hey Immergut, weil man das hier gerne tut, tanzen wir so rum, das ist das größte kleinste Indie-Festival der Welt und weil es mir gefällt , hab ich noch nen Spagat für euch parat“, sagte es und spreizte tatsächlich die Beine, soweit es die Hose zuließ. Es folgten Schulz-Klassiker wie „Königskind“, „So muss es beginnen“ oder „Wenn es gut ist“. Alle wurden mitgesungen. Kein anderer Künstler dieses Wochenendes wurde mit mehr Skepsis erwartet, bei keinem anderen waren mehr Leute vor der Bühne und kein Name wurde später häufiger als Highlight genannt. Olli Schulz hatte Bock. Er öffnete mit seinen Songs und Anekdoten die Herzen wie Pringles-Packungen und avancierte damit zum eigentlichen Headliner des Samstags.

Frauen lassen sich auf Händen tragen

„Mögen die Höhepunkte der Vergangenheit die Tiefpunkte der Zukunft sein. Es kann nur noch geiler werden“, sagte Schulz zum Abschied. Was für ein Wunsch! Ein nächster Höhepunkt war auf jeden Fall schon die Show von Gurr. Das Indie-Rock-Duo zog alle Register einer sauberen Rock’n’Roll-Show: Mit der Gitarre auf dem Boden robben, rotzig-sweete Ansagen machen, Haare schütteln und Songs abliefern, die zum Crowdsurfen animieren – besonders die Ladies. Selten wurden am Wochenende so viele Frauen auf Händen getragen. Yeah!

Mit Kettcar zog dann etwas Ruhe ein. Die einen feierten die Deepness und die Erinnerung, andere überbrückten grummelnd die Zeit bis zur Indiedisco. Irgendwas ist ja immer.

Die Indie-Klassiker von Karrera Klub & King Kong Kicks wurden anschließend beinah gierig und verzweifelt weggetanzt, denn schon da ließ es sich nicht mehr ignorieren: das Finale des Immergut Festivals 2018. Nur noch eine Hand voll Konfetti, nur noch ein Lied, nur noch einmal "Don't look back in anger" oder "Wonderwall". Gleiches Gefühl, nur mit elektronischerem Sound bei Makeness und Ada auf dem Birkenhain. Als die Sonne schon fast wieder am Himmel stand, wollte niemand gehen. Und dann packten sie wenige Stunden später doch die staubigen Zelte ein, tauschten Müll gegen Pfand. Was tröstet, ist einzig die schöne Gewissheit, dass es nicht das letzte Mal war.

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