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Ein Abend mit TV Noir und eine Nacht mit dem Human Jingle

Warnung: Dieser Beitrag enthält absolut nichts Schlüpfriges. Sollten Sie das erwarten, müssen Sie Google noch einmal bemühen. In diesem Text geht es um Menschen am Klavier, Festivalbesucher in Samtsesseln und eine „Hilfsaktion“, die zu Fragen über das eigene Alter anregte.

Anne Breitsprecher Charly macht den Human Jingle - mit Grazie und Krönchen beim TV Noir-Abend im Landestheater Neustrelitz.

Fünf Jahre Immergut im Großen Haus und zum ersten Mal ist die inoffizielle Eröffnung des Neustrelitzer Festivals ausverkauft. Zum ersten Mal kommen einige der Besucher direkt mit dem Bollerwagen vom Bahnhof ins Landestheater. Der Plan sei aufgegangen, freut sich Stefanie Rogoll vom Verein Immergutrocken, der das Freiluftevent am Bürgerseeweg seit 16 Jahren organisiert. Mit ihr auf der Bühne: Vereinskollege Marco Lehmbeck, Stadtpräsident Christoph Polland und Bürgermeister Andreas Grund. Letztere haben extra eine Stadtvertretersitzung vorverlegt, um es rechtzeitig zum Theaterabend zu schaffen, der zum Jubiläum ein TV Noir-Abend ist. Nur, um sicher zu gehen, dass alle wissen, worum es geht, erklärt Marco noch einmal die Idee hinter der Veranstaltung. Es sollen auf den Samtsesseln diejenigen zusammengebracht werden, die denken, sie seien zu alt für das Festival, und die Jungen, die sich im Theater vielleicht nicht so wohl fühlen. Kurzer Selbstcheck. Fühlt sich erstaunlich gut an dieser Samt, die kleine Aufregung nach dem dritten Gong. Ist man schon alt? Egal. Die Politiker sind sich jedenfalls einig:  Es ist IMMER GUT ins Theater zu gehen! Dafür gibt’s Applaus.

Tex Drieschner, der TV Noir-Moderator übernimmt die Bühne und das Klavier und verwandelt sein Publikum erst einmal in einen Chor, der die Titelmelodie zur Show intoniert. „Die Leute im Fernsehen, die würden es gern sehen, wenn wir zu den Sternen gehen...“ Ja, richtig, TV Noir ist eine Fernsehsendung nach dem Prinzip, empathischer Moderator bringt talentierte Musiker auf einem alten Sofa unter einem kitschigen Gemälde und einer Flohmarkt-Lampe zum Reden, Musizieren und Spielen. Die umherwuselnden Kameramenschen sind ein untrügliches Zeichen: Das hier wird für die Ewigkeit festgehalten. Also, möglichst wohlgeformt sitzen und die Gesichtsentgleisungen auf die Pause verschieben. Wird schon.

Pianist Martin Kohlstedt und Patrick O‘Laoghaire von I Have A Tribe sind die Gäste des Abends. Thüringer trifft auf Iren, Deutsch auf Englisch, aufwühlende, klassisch-anmutende Instrumentalstücke auf Storytelling von der Kerrygoldenen Insel. Während Martin Kohlstedt erzählt, dass schon einige Menschen aufgrund seiner Musik ihre Jobs hingeschmissen und ganz neu angefangen haben, intensiviert Patrick seinen Stempel von einem bärtigen, humorvollen Naturburschen. Fast bekommt man den Eindruck, Moderator Tex hat gute Freunde und ein paar Zuschauer in sein höchst privates Wohnzimmer eingeladen. Eine Aufwärmphase, Eisbrechen so etwas Banales brauchen die drei Herren auf der Bühne nicht. Mann fühlt sich wohl bei Rotwein und Musik. Da wird das Zuschauen zur wohligen Erfahrung.

Unterbrochen werden der Talk und das Wechselspiel am Klavier durch lustige Aufgaben, angekündigt durch Charly, den Human Jingle. Eine junge Dame aus den Zuschauerreihen, die mit positiver Ausstrahlung, Grazie und Krönchen Schilder mit Aufschriften wie „Ping Pong“ zur rechten Zeit auf die Bühne trägt. So angekündigt, müssen die Künstler beispielsweise eine Schnellfragerunde bewältigen, vom TV Noir-Team dargestellte pantomimische Szenen kommentieren und musikalisch untermalen oder Songs covern, die das Publikum ihnen zuruft. Ein Ergebnis dieser Spiele ist folgender Reim: „If naked people make you cry, go here and find out why.“ Hübsch.

Das finden an diesem Abend auch die Besucher, die sich eigentlich zu alt für das Immergut Festival fühlen. „Ich bin ehrlich überrascht“, sagt Achim aus Neubrandenburg. „Ich dachte, das wäre mehr Krach“, kommentiert der Pensionär den Abend in der Pause beim Bierchen im Theatercafé.

Tja, nichts mit Krach. Dafür gibt es jede Menge Zauberei. Zumindest sehen die Zuschauer am Ende dieses Abends alle aus, als hätten sie eine gute Fee getroffen, die ihnen ihren ersten Wunsch erfüllt hat. Insbesondere Charly, „the Human Jingle“, strahlt, als gäbe es kein Morgen. „Ich bin riesiger TV Noir-Fan“, erzählt die angehende Lehrerin für Deutsch und Sport. „Ich war schon drei Mal dabei.“ Sie hätte gar nicht gewusst, welche Künstler bei diesem Abend zu Gast sind, gesteht sie. Auch dass die Veranstaltung in Neustrelitz stattfindet, seien ihr und ihrer Freundin Katja erst im letzten Moment aufgefallen. Hauptsache TV Noir. „Dass hier auch noch ein Festival ist, wussten wir auch nicht, cool“, kommentiert Charly. Eigentlich studiert sie in Jena, aber dieses Wochenende wollen sie und Katja in Berlin verbringen und da müssten sie nun auch wieder hin.

Kurz nach 23 Uhr in Neustrelitz

Es ist mittlerweile nach 23 Uhr in Neustrelitz. Selbst geborene Residenzstädter zucken angesichts der Frage nach Zügen oder nächtlichen Mitfahrgelegenheiten in die Hauptstadt mit den Schultern. „Gibt es denn hier einen McDonald's?“, fragt Katja fröhlich. Fehlanzeige. Selbst wenn, wäre der wahrscheinlich jetzt auch geschlossen. Willkommen auf dem Land. Während die beiden Studentinnen über die Aussicht auf eine Nacht im Grünen lachen, kommen bei mir Zweifel auf, ob das so eine fetzige Idee ist. Neustrelitz ist schön, aber Übernachtungen auf dem Bahnhof wahrscheinlich nicht so idyllisch, wie sich das die beiden im Augenblick noch vorstellen.

Was folgt ist eine Einladung auf mein Schlafsofa in Neubrandenburg. Das Human Jingle und seine Freundin nehmen dankend an und werden in die Viertorestadt gefahren. „Wahnsinn, was seid ihr alle nett hier“, finden Charly und Katja. Schon in Neustrelitz hätte eine ältere Dame sie vom Bahnhof mit den Worten „eh ich euch das jetzt erkläre“ direkt zum Theater gefahren. Eine ältere Dame also. Mich beschleicht das Gefühl, dass meine Zeiten jugendlichen Leichtsinns scheinbar vorbei sind. Egal, ein bisschen Imagepflege für MV kann schließlich auch nicht schaden. Wir klären noch, dass Neubrandenburg nicht in Brandenburg liegt, dass der See schön ist und die Züge jede Stunde von hier direkt nach Berlin fahren und gehen schlafen. Es folgt ein Morgen mit Gästen, die auch bei Tageslicht immer noch hinreißend sind, netten Gesprächen, Wassermelone und Kaffee. Es kommt zum Nummerntausch und zur Gegeneinladung auf ein Sofa in Berlin. Nach einer herzlichen Umarmung entschwinden Charly und Katja Richtung Bahnhof Neubrandenburg. Was bleibt ist die wohlige Erkenntnis, dass man dann doch nie zu alt für schöne Überraschungen und neue Bekanntschaften ist.

 

 

Immergut im Großen Haus 2016