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Headliner-Fluch 2017: Das steckte hinter den Soundproblemen

Broken Social Scene
Eine riesige Band aus Kanada, eine Anlage aus Amerika und deutsche Fehlerstrom-Toleranzen: Beim Auftritt von Broken Social Scene kommunizierten die Geräte nicht richtig miteinander. Da streikte der FI-Schalter.
AEN

Kompletter Blackout bei Broken Social Scene am Freitag und immer wieder Kreischen und Quietschen aus den Boxen am Tag darauf beim Auftritt von Portugal.The Man. Wir haben die Veranstaltungstechniker vom Immergut Festival gefragt: Was war da los?

Wenn sie mit ihrer Technik, den Trucks, Minibussen und Simsons auf der Wiese des Immergut Festivals vorfahren, weiß man: Bald geht’s los! Ohne die Jungs vom Sound würde es maximal für „Kumbaya“ am Lagerfeuer reichen. Mit ihnen bekommen Haupt-, Zelt- und Birkenhain-Bühne den Saft und das Licht. Dank ihnen werden die Künstler und Künstlerinnen gehört und gesehen.

Georg Saßnowski von High Gain aus Neubrandenburg und Thorsten Kellner vom Greifswalder Unternehmen AEN kümmern sich mit ihren Teams seit 17 Jahren um Sound und Scheinwerfer beim Immergut Festival. Ein fester Termin in beiden Firmenkalendern. Für die Headliner ist Thorsten Kellner verantwortlich. Vieles habe sich für ihn und seine Leute jedoch seit dem Start verändert. „Am Anfang kamen die Bands nach Neustrelitz, um eine Runde Fußball zu spielen und danach noch auf der Wiese ein Konzert zu geben. Die Technik, die da war, wurde einfach genutzt. Damals, als die Sportfreunde Stiller kaum einer kannte“, erinnert sich Kellner. „Da war alles ganz locker und unkompliziert.“ Das Immergut sei mit den Jahren technisch dann immer aufwendiger geworden und gewachsen, so wie die Ansprüche der Headliner. „Jede große Band bringt mittlerweile einen Teil ihrer Anlage selbst mit und am Ende steht auch ein bandeigener Techniker hinter dem Pult, das sieht das Publikum natürlich nicht“, erklärt der Profi. „Wir bauen den Künstlern die Bühne hin, stellen das Licht und auf den Rest haben wir kaum noch Einfluss.“

Unterschiedliche Toleranzen und ein Bug

Eine Entwicklung, die in diesem Jahr ausgerechnet bei den Headlinern am Freitag und Samstag für massive Soundprobleme gesorgt hat. Bei Broken Social Scene korrespondierte die amerikanische Anlage nicht mit der deutschen Technik. Schuld waren unterschiedliche Fehlerstrom-Toleranzen der Geräte und „100 Millionen Adapter“ auf der Bühne.  „Deren Techniker konnten oder wollten sich nicht verständigen und irgendwann kam der FI-Schalter und der Strom war ganz weg“, erklärt Kellner. Am Samstag schlug Murphys Gesetz dann gleich noch einmal zu, diesmal bei Portugal.The Man. „Die Digitalisierung ist auch in unserem Job längst angekommen“, sagt der Veranstaltungstechniker. „In diesem Fall brachte die Band ihr eigenes Showfile mit. Eine Datei, in der alle gewünschten Einstellungen für das Konzert gespeichert waren. Vermutlich fehlten dem Programm, mit dem die Datei erstellt wurde, allerdings ein paar Software-Updates“, schätzt Thorsten Kellner. Die Folge: Ein bekannter Programmfehler, ein sogenannter Bug, verursachte immer wieder schlimme Störgeräusche und hinterließ Unmut auf, vor und hinter der Bühne. Sänger John Gourley ertränkte seinen Frust gleich während des Auftritts in Bier. „Auf die Schnelle konnten wir gegen das Problem nichts machen. Unsere Software war auf einem aktuellen Stand.“ Wenn er dann Facebook-Kommentare liest, in denen sich User über den miesen Sound aufregen, ärgert er sich. „Uns hat das alles auch gewurmt, aber der Fehler lag nicht bei uns“, ist Kellner überzeugt. Sein Vorschlag, um solche Probleme in Zukunft zu verhindern: „Die Bands müssen eher anreisen und wir brauchen mehr Zeit für den Soundcheck“.

Ein gepflegter Schnaps mit Bernd Begemann

Georg Saßnowski ist angesichts solcher Erfahrungen ganz froh, dass er und sein Team nicht mit den Headlinern zu tun haben. Für die Jungs von High Gain ist das Immergut jedes Jahr ein Highlight. „Wir stehen alle auf Indie, am liebsten handgemacht“, sagt Saßnowski. Das Immergut sei aufgrund des Bookings ein Garant für meist positive musikalische Überraschungen, auch wenn seit ein paar Jahren ein wenig zu viel experimentiert wird für seinen Geschmack. „Insbesondere auf dem Birkenhain, für den wir neben der Zeltbühne verantwortlich sind“, erklärt der Veranstaltungstechniker und Musiker. Worauf es in seinem Job am meisten ankommt? „Die Sicherheit ist das A und O“, sagt der Neubrandenburger. „Alle geltenden gesetzlichen Vorschriften, müssen zu 110 Prozent eingehalten werden. Stromschläge müssen ausgeschlossen sein, niemandem darf irgendwas auf den Kopf fallen. Wenn das alles garantiert werden kann, dann erst kommt der Spaß.“ Davon gibt es auf dem Immergut Festival für ihn jede Menge. In diesem Jahr gehörten der Auftritt der Shout Out Louds und ein gepflegter Schnaps mit Bernd Begemann im Backstage definitiv dazu. Ein guter Sound darf aber nicht nur das Publikum glücklich machen, schließlich sei das eh immer subjektiv. Fast wichtiger sind für die Männer am Mischpult zufriedene Künstler. Aber gerade in der Zeltbühne sei es beinahe unmöglich einen perfekten Sound einzustellen, „zu viele Reflexionen“ und eine platzbedingte suboptimale Positionierung der Beschallungsanlage. „Wenn am Ende ein Tourmanager zu mir kommt oder der Künstler selbst und sich bedankt, freut man sich natürlich“, gesteht Saßnowski. Was er an der Zeltbühne mag? „Die clubbige Atmosphäre und die entspannten ‚kleinen‘ Headliner.“