ERIK LANGER IM INTERVIEW

Kettcar – das Wir gewinnt

„Ich vs. Wir“, hochpolitisch, deutlich, Energie geladen. Kettcar sind mit ihrem aktuellen Album nach fünf Jahren Bandpause zurück und appellieren mit ihren neuen Songs voller Leben an die Menschlichkeit. Warum der Weg dahin unter anderem über eine Fischräucherei, Gitarrenunterricht von Fettes Brot und Spiele des FC St. Pauli führte und was die Band mit Mecklenburg-Vorpommern verbindet, hat Anne Breitsprecher im Interview mit Gitarrist Erik Langer erfahren.
Anne Breitsprecher Anne Breitsprecher
Kettcar
Kettcar sind Headliner des diesjährigen Immergut Festivals. Andreas Hornoff
Hamburg/Neubrandenburg.

In einer Beziehung ist der Wunsch nach einer Pause meistens kein gutes Zeichen. Euch scheint die Auszeit als Band allerdings gestärkt zu haben. Wie fühlt sich das Wir als Band nach fünf Jahren an?

Für mich ist es gerade extrem schön, aber die Pause war richtig. Wir waren ausgebrannt, hatten vier Platten gemacht und als Band über zehn Jahre auf dem Buckel. Die Produktion des Albums „Zwischen den Runden“ war aus verschiedenen Gründen schwierig und keine gute Phase. Als unser Sänger Marcus die Idee von der Pause damals in den Raum geworfen hat, waren wir alle sicher: Der Moment für eine Auszeit ist gut. Jetzt fühlt es sich toll an, zurück zu sein. Wir haben eine erste längere Tour Anfang des Jahres gespielt und die Leute haben uns deutlich spüren lassen, dass noch ganz viel Liebe für uns da ist (Anmerkung d. Red.: Lacht).

Was ist in den fünf Jahren seit „Zwischen den Runden“ passiert?

Wir haben neben der Band alle ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen. Unser Keyboarder übernahm schon parallel zur Kettcar-Gründung die Fischräucherei seines Opas vor den Toren Hamburgs. In der Pause hat er sich dann darauf konzentriert. Marcus und unser Bassist Reimer leiten das Plattenlabel Grand Hotel Van Cleef zusammen mit Thees Uhlmann. Außerdem hat Marcus eine Soloplatte veröffentlicht und ist damit auf Tour gewesen, was auch ein Grund für die Pause war. Unser Schlagzeuger hat schon immer Unterricht an der Musikschule gegeben und ich habe das erste Mal in meinem Leben Gitarrenunterricht genommen und mich insbesondere mit Harmonie-Lehre beschäftigt.

Welche neuen Erkenntnisse hat dir der Unterricht gebracht?

Mein Lehrer war der Gitarrist von der Band Fettes Brot. Das war für mich perfekt, weil er auch am Songwriting beteiligt ist und ich genau dabei gerne Hilfe haben wollte. Das hat man häufiger. Man hat vier Akkorde und denkt: Das hat was, aber was jetzt? Und dann sind wir halt Möglichkeiten durchgegangen, haben Quarten oder Gesangslinien entwickelt. Musik hat auch viel mit Mathematik zu tun und plötzlich machte alles noch mehr Sinn.

Was gab den Ausschlag für das Ende der Pause? Wer hat den Anfang gemacht?

Es gab natürlich immer Kontakt, weil wir – außer unserem Schlagzeuger, der die Raute im Herzen trägt (Anmerkung d. Red.: Er ist HSV-Fan) – alle regelmäßig bei den Heimspielen vom FC St. Pauli sehen. Aber auch abseits vom Fußballstadion sehen wir uns. Fakt ist, wir haben immer gesagt, wenn Marcus fertig ist mit seiner Solo-Platte und der Tour, setzen wir uns zusammen und besprechen, wie es weitergeht. Wir wollten schauen, ob wir noch eine gemeinsame Basis spüren und noch etwas zu sagen haben. Das war der Fall.

Mit „Ich vs. Wir“ habt ihr in Zeiten von bedrohter Demokratie und zunehmender Ignoranz gegenüber humanitären Katastrophen eines der relevantesten Alben des letzten Jahres hingelegt. Textlich sind Kettcar schon immer stark gewesen, aber vielleicht selten so politisch, so deutlich. Wie würdest du eure Entwicklung beschreiben?

Wir waren schon immer eine politisch denkende Band und haben politische Hintergründe. Das war in unseren Texten und unserer Musik immer drin, aber auf dieser Platte ist es ganz besonders in den Vordergrund getreten. Das hat sich einfach richtig angefühlt. Ich glaube, es ist nicht immer so einfach über Politik zu singen und ich finde es auch völlig in Ordnung, dass es viele Künstler und Musiker in diesem Land gibt, die es nicht machen. Aber uns war klar: Wir können das, und wenn wir das können, dann sollten wir es auch tun.

Ihr kommt demnächst für zwei Termine nach Mecklenburg-Vorpommern. Ihr seid im August in Rostock und Ende Mai beim Immergut Festival. In Neustrelitz wird das bereits euer viertes Konzert auf der immerguten Wiese. Erinnerst du dich noch an euren ersten Auftritt dort?

Ja, da haben wir im Zelt gespielt. Das war ein relativ kleines Zelt und Teile der Band waren unfassbar betrunken. So sehr, dass sie nur noch auf der Bühne standen und nicht genau wussten, was nun von ihnen erwartet wird. Wir haben die Songs schon irgendwie gespielt und vermittelt, doch eben nur Teile der Band. Es war aber egal, weil die Leute so euphorisiert waren, dass es gereicht hat (Anmerkung d. Red.: Lacht). Die Stimmung war großartig. Ich erinnere mich noch, dass ich verwundert war, dass das Zelt nicht zusammengebrochen ist. Wirklich ein Wahnsinns-Konzert. Das sind natürlich so Sachen, an die erinnert man sich wahnsinnig gerne. Kann man heute auch irgendwie nicht mehr bringen und man will’s auch nicht mehr. Ich vertrag auch nicht mehr so viel und die anderen auch nicht.

Ist dieses Event etwas Besonderes für euch?

Wir haben sehr schnell eine Verbindung zu diesem Festival gespürt, die auch andere Bands gespürt haben, wie die Beatsteaks, die fast von Anfang an dabei waren und dann immer wieder gekommen sind. Da war gleich so eine persönliche, freundschaftliche Ebene.

Kannst du die Verbindung erklären?

Das Immergut Festival hatte sich als eine Art Wald-und-Wiesen-Event mit geschmackvollem Booking rumgesprochen. Als wir dann dort angekommen sind, hat es für uns einfach gepasst. In meiner Erinnerung war es immer heiß und ich bin mindestens zweimal mit ’nem Kater unter einem der Backstage-Bauwagen aufgewacht. Eigentlich sollten wir als Band in den Wagen schlafen, aber es war auch nachts noch viel zu warm. Das Festival selbst ist sympathisch halbprofessionell zusammengeschustert und nicht durchchoreografiert wie größere Events. Es sind so Kleinigkeiten, z.B. dass nicht überall riesige Werbebanner hängen oder dass Zuschauer und Künstler nach den Konzerten zusammen bei der Disko im Zelt trinken und Spaß haben. Das eigene Konzert war für uns beim Immergut immer nur ein Teil eines schönen Abends und einer langen Nacht.   

Das Motto in diesem Jahr ist „Spiel, Satz, Lied“. Es darf also ein bisschen sportlich werden. Du hast erwähnt, dass ihr große Fußball-Fans seid. Darf man mit euch auch beim Festival-eigenen Fußball-Turnier „Immergutzocken“ rechnen?

Nein! Wir haben dem Fußballspielen tatsächlich ein bisschen abgeschworen, obwohl wir es wahnsinnig gerne machen würden und ja auch schon gemacht haben. Das Immergutzocken-Turnier ist eine super Sache. Aber ich hoffe, wir machen es nicht (Anm. d. Red.: Lacht). Wir sind so verletzungsgefährdet. Das nervt. Du hast eine schöne Stunde und natürlich macht es Spaß, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich von uns wieder einer irgendetwas tut und wir die nächsten Wochen ausfallen, ist so hoch. Das können wir uns eigentlich nicht erlauben.

Was verbindest du sonst noch mit Mecklenburg-Vorpommern? Urlaub, Freunde, andere unvergessliche Erlebnisse?

Urlaub natürlich! Von Hamburg aus ist das natürlich eine Top-Destination, die ich tatsächlich regelmäßig mit meiner Frau und auch mit Freunden anfahre. Meine Frau kommt aus Süd-Brandenburg und ihre Familie ist traditionell immer im Sommer an der Ostsee. Wenn es zeitlich möglich ist, fahren wir dann auch dahin. Und ich habe mit mehreren Freunden für diesen Sommer auch schon ein Ferienhaus zwischen Güstrow und Schwerin gebucht, in der Dobbertiner Seenlandschaft. Darauf freue ich mich schon. Was verbinde ich noch mit Mecklenburg-Vorpommern? Alles östlich von Rostock ist natürlich Feine Sahne Fischfilet-Land. Die Geschichte dieser Band ist eine der schönsten im Musikbereich in Deutschland der letzten Jahre.

Warum?

Weil diese Band nicht aufhört, auf ihre ganz eigene Art für das Gute im Menschen zu kämpfen. Für Menschlichkeit, Empathie, Solidarität, etc. Weil sie sich dabei weder von Nazis, noch vom Verfassungsschutz einschüchtern lassen und stattdessen immer größere Hallen ausverkaufen und sehr vielen Leuten Mut machen.

Noch eine Frage zum Abschluss: Wie würdest du dir den Ausgang des Kampfes „Ich vs. Wir“ wünschen? Wer gewinnt?

Ich habe schon das Gefühl, dass dieses Abgrenzen, egal ob auf Länder- oder auf persönlicher Ebene, zu nichts Gutem führt. Ich glaube, die einzige Chance, die wir als Menschen haben, ist, dass wir Dinge gemeinsam angehen. Dazu gehört auch dass Leute, die nicht so begünstigt sind, mitgenommen werden müssen. Insofern, definitiv WIR.  

 

KETTCAR in MV

Neustrelitz, Immergut Festival: 26.05.2018

Rostock, M.A.U. Club: 20.07.2018

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Hamburg/Neubrandenburg

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