INTERVIEW MIT RONJA VON RÖNNE

"Meine Texte sind knallerwitzig"

Ronja von Rönne ist Bloggerin, Schriftstellerin und Kolumnistin bei der „Welt”, kein schlechter Schnitt mit 25 Jahren. Ihre Meinungsbeiträge sind echte Spalter. In diesem Jahr ist Ronja von Rönne beim Immergut Festival in Neustrelitz zu Gast. Vorab gab sie Anne Breitsprecher ein Interview.
Ronja von Rönne
Menschenscheu vor und polternd auf der Bühne, das ist Ronja von Rönne. Wie dieses Konzept aufgeht, kann man heute bei ihrer Lesung auf dem Immergut Festival in Neustrelitz erleben. Carolin Saage
Neustrelitz.

Lesungen sind oftmals etwas gesittet Überdachtes mit nummerierten Stuhlreihen. Du liest heute auf dem Immergut Festival unter einem Zelt auf einer Wiese. Eine neue Erfahrung für dich?

Neu ja, aber nicht besonders gruselig. In Hildesheim findet alle paar Jahre das Prosanova statt, ein Festival für junge Literatur. Da lesen Autoren in Kirchen, Kneipen, Ställen. Ansonsten gilt bei Lesungen, dass Ort und alles andere eigentlich egal ist, solange die Stimmung gut ist. Und wie soll die schlecht sein, wenn man auf einer Wiese sitzt.

Weckt dieses Bild bei dir romantische Fantasien, Erinnerungen an die Kindheit auf dem oberbayrischen Dorf oder suchst du in Gedanken schon panisch nach dem Mückenspray?

Mückenspray, gute Idee! Brauche ich Mückenspray? Ansonsten ja, draußen ist immer bisschen Erinnerung an Kindheit. Als Kind gab es bei uns nur eine einzige Strafe: Draußenarrest. Meine Mutter hat uns rausgeworfen, wenn wir was verbrochen hatten, drinnen war ich eigentlich lieber. Lesen, zeichnen. Ich war ein langweiliges Kind. 

Du bezeichnest dich eher als schüchtern. Wie sehr genießt du Lesungen vor Publikum?

Sehr. Sehr, sehr, sehr, ich liebe Lesungen. Wenn der Rahmen klar ist, wie auf einer Lesung, bin ich auch gar nicht schüchtern. Das passiert dann eher, wenn ich danach über das Festival laufe oder Leute mit mir reden wollen. Es irritiert dann immer ein bisschen, weil ich auf Bühnen durchaus laut sein kann und rumpoltere. Aber ohne Bühne bin ich ganz schnell still. 

Deinen Texten wohnt eine gewisse Melancholie und Enttäuschung inne. Auf Festivals will man beidem in der Regel entfliehen. Wie geht das zusammen?

Meine Texte sind knallerwitzig, werdet ihr schon noch sehen!

Dein aktuelles Buch heißt „Heute ist leider schlecht. Beschwerden ans Leben". Dein größter Vorwurf ans Dasein?

Es ist eine mittelschwere Unverschämtheit, wie unorignell zum Beispiel alles Wahre ist. Liebeskummer zum Beispiel. Ein so unvorstellbarer Schmerz, und trotzdem nichts besonderes. Wieso muss man den nochmal durchleben, den haben doch andere schon durchlebt. Was anderes: Warum macht so viel Ungesundes so viel Spaß und wieso hat Nutella so wenig Vitamine. Und die größte: Warum hilft jammern so wenig?

Mit welcher Beschwerde sollen deine Zuschauer von der Immergut-Lesung zum nächsten Konzert gehen?

"Warum sind Ronjas Texte so öde und melancholisch, sie hat uns doch was Witziges versprochen."

Deine Texte haben in der Vergangenheit den ein oder anderen Shitstorm provoziert. Wie hältst du die digitale Kritik fern von dir?

Laptop zu, Kritiker stumm. Shitstorms sind lächerlich.

Und wie steht es mit deinem Erfolg? Darf der näher ran?

Ich traue ihm nicht, und ich glaube ihm nicht. Ich geh mit dem gleichen Bewusstsein durchs Leben wie als Studentin. Ich kriege schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal ein Taxi nehme und wache nachts oft panisch auf, weil ich denke, dass ich komplett versage. Ängste lassen sich ja von der Realität nur selten beeindrucken, leider.

Du selbst haderst und kämpfst beim Schreiben mit dir. Trotzdem wolltest du es schon als Kind zum Beruf machen. Warum?

Weil ich es massiv romantisiert habe. Ich dachte, man muss sich bisschen in eine Kneipe setzen, teuren Whisky bestellen, und der Rest kommt dann schon. Irgendwie war mir nicht klar, dass Schreiben Arbeit ist. Ich habe was gegen Arbeit, aber leider habe ich keine millionenschweren Eltern, also muss es wohl sein.

2012 hast du mit deinem Blog "Sudelheft" für Aufsehen gesorgt. Seit 2015 schreibst du zusätzlich für die „Welt”. Musstest du dich in der Redaktion als Bloggerin besonders beweisen?

Nein. Beziehungsweise, vielleicht, aber mir ist das Ansehen in Redaktionen zum Glück ein bisschen egal. Es waren alle immer nett zu mir. Ich hänge mich nicht daran auf, was Leute denken könnten. Das ist auch schlicht nicht schaffbar. 

Deine erste Lektion in der „Welt”-Redaktion?

"Schnell raus hier". Ich habe sofort gesagt, dass ich dort nicht arbeiten will und wieder frei arbeiten möchte. Ich war, glaube ich, nur fünf Mal da, dann durfte ich von zu Hause arbeiten. Ich wollte immer einen Job, wo ich nichts mit Menschen zu tun habe. Menschen sind für mich eher Freizeitbeschäftigung.

Bei der Recherche zu deinem „Welt”-Beitrag „Warum auf dem Dorf einfach alles besser ist“ hast du dich zu Beginn verfahren. Hast du den Weg nach Neustrelitz vorab schon einmal ins Navi eingegeben?

Noch nie. Falls ich nicht pünktlich komme, ist das hier direkt die Ausrede. Praktisch. 

In dem Artikel hältst du beinahe ein Plädoyer für das Leben auf dem Land. Wie würde dein Leben in der Provinz aussehen?

Ich bin leider nicht sehr genügsam. Wahrscheinlich wäre ich also unglücklich da. 

Wäre das ein Wunsch- oder ein Alptraum für dich?

Ein Alptraum, von dem ich mir wünsche, dass er mein Traum wäre. 

StadtLandKlassik - Konzert in Neustrelitz

zur Homepage