Preise für Feine-Sahne-Doku

Wildes Herz: Charly Hübner will Streit

Die ersten Aufführungen von Charly Hübners Film über Monchi, den Frontmann der bekannten deutschen Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ brachten vor allem eins: viel Beifall. Insgesamt vier Preise konnten Hübner und sein Team bei der DOK Leipzig 2017 abräumen. Über Streit würden sich die Filmemacher aber auch freuen.
Anne Breitsprecher Anne Breitsprecher
Wildes Herz Kinoticket
"Wildes Herz" von Charly Hübner und Sebastian Schultz feierte auf der DOK Leipzig seine Premiere und räumte gleich vier Preise bei dem renommierten Dokumentarfilm Festival ab. Anne Breitsprecher
0
SMS
Leipzig.

Charly Hübner findet das englische Wort für Streiten eigentlich passender, to argue. Da stecke schon das Wort Argument drin. „Streit ist wichtig. Argumente sind wichtig. Gerade jetzt“, sagt der Schauspieler und Regisseur bei der DOK-Leipzig nach einer Schülervorstellung von „Wildes Herz“. Gerade jetzt, da eine rechtspopulistische Partei wie die AfD als drittstärkste Kraft in den Bundestag eingezogen ist, sollte man ergänzen. Hübners erster Dokumentar-Film in Spielfilmlänge zeigt deshalb auch eine streitbare Person: Jan Gorkow alias Monchi von Feine Sahne Fischfilet. Drei Jahre haben Charly Hübner, Sebastian Schultz und ihr Team den Sänger der linken Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern begleitet. Drei Jahre, in denen sie dem bekannten Frontmann mächtig nah kommen und das nicht im romantischen Sinn – und dann wieder doch.

Der Zuschauer sieht Monchi heranwachsen. Von der ersten Lebensminute an immer auf Power, wie seine Mutter im Film erklärt. Monchi als Baby. Monchi, der seiner Oma mit der Kindergartengruppe und einem Kinderkeyboard verschmitzt grinsend ein Geburtstagsständchen bringt. Monchi unterm Weihnachtsbaum und dann mit Hansa-Rostock-Schal. Sein Vater nimmt ihn mit zu den Spielen des Fußballvereins. Irgendwann geht er mit den Ultras. Mit Monchi in der ersten Reihe habe man immer ein gutes Gefühl gehabt, erzählt ein Hansa-Ultra voller Zuneigung. Immer vorne weg bei Randalen, immer volle Pulle, raus mit all der Energie. „Hast du jemals eine Mülltonne geworfen?“, fragt Monchi seinen Vater auf der Leinwand und lacht. Dieser überlegt lange. „Einen Papierkorb?“, fragt er zurück. „Nein, eine Mülltonne“, wiederholt Monchi und strahlt. Sein Vater verneint.

 

Auswärtsspiel wird zum einschneidenden Erlebnis

Mit 14 Jahren dann das erste einschneidende Erlebnis: Jan soll einen Polizisten bei einem Auswärtsspiel nach einer besoffenen Bahnfahrt und ordentlich Radau angespuckt haben. Seine Eltern machen sich auf den Weg ins ferne Dortmund, holen den Teenie aus dem Gewahrsam und reden auf dem langen Heimweg nicht ein Wort mit ihrem Sohn, erinnert sich Monchi im Film. Doch auch nachdem er ein Polizeiauto anzündet und dafür zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wird, sind seine Eltern für ihn da, auch wenn sie vieles „Scheiße“ finden und anderer Meinung sind. Dafür dankt er ihnen immer wieder vor der Kamera mit breitem vorpommerschen Akzent.

 

Nicht nur seinen persönlichen Weg erzählt „Wildes Herz“, sondern auch den seiner Band. Ein Lehrer am Gymnasium brachte ihn dann mit den anderen Jungs zusammen. Man suchte einen Sänger. Dass es Monchi werden würde, überraschte so ziemlich alle, ihn inklusive. „Ich hatte so Schiss, dass ich erst ma' schön auf die Kacke gehauen habe“, erinnert er sich im Film ans erste Treffen und lacht. Aus Bandmitgliedern werden Freunde, aus Feine Sahne Fischfilet langsam mehr als eine Band. In ihren ersten Texten ging es um „Saufen und Ficken“, das lockte auch Nazis. Die wollte man aber nicht. Nun galt es, Stellung zu beziehen. Haltung bewahren, mit allen Konsequenzen: mit Buttersäureanschlägen durch Rechte auf Bandautos und den Proberaum, Jagden auf Bandmitglieder und Gerichtsverfahren. Feine Sahne Fischfilet zeigen sich auf Demos gegen Rechts, sind Teil von Blockaden und rufen dazu auf. Auf Staat und Polizei verlassen sie sich dabei nicht. Das polarisiert. Ihre Anhängerschar steigt proportional zur Größe der Konzertbühnen, aber auch zur Anzahl ihrer Feinde.

Der Song „Wut“ mit dem Satz „Niemand muss Bulle sein“ sei nur ein schwarz-weißer Punksong mit vier Zeilen und keine Masterarbeit, sagt Monchi, als er im Filmgespräch in Leipzig von einer Schülerin nach seinem Verhältnis zur Polizei gefragt wird. Trotzdem könne er sich nicht vorstellen mit einem Polizisten befreundet zu sein. Die Erfahrungen, die er bisher gemacht habe und seine Lebenswirklichkeit ließen das nicht zu. Zu den Erfahrungen gehören unter anderem die Beschattung durch den Verfassungsschutz und die dreimalige Erwähnung der Band in seinem jährlichen Bericht für Mecklenburg-Vorpommern.

Doch ab wann ist man ein Verfassungsfeind? Wenn man Polizei und Staat kritisiert? Wenn man beides nicht gut findet? Ist das noch Meinungsfreiheit, wie sie das Grundgesetz in Artikel 5 verspricht? Wie weit darf Kunst gehen? Wann ist sie genauso gefährlich wie menschenfeindliches Gedankengut? Wie viel Faschismus, Sexismus trägt jeder von uns in sich?

Film mit Bauch, Kopf, Wut und Verstand

Monchis Ex-Freundin erzählt im Film wie es ist, mit einem Peilsender unter dem Auto unterwegs zu sein, sich in intimen Momenten beobachtet zu fühlen. Sie erzählt aber auch wie schwierig die Beziehung für sie war, nennt ihren Ex einen Narzissten, der einmal super empathisch ist und dann das ganze Gegenteil. Sein Mitbewohner findet ihn manchmal so nervig wie ein großes Kind. Und als dieses freut sich Monchi diebisch, als er einen Anruf von Marteria bekommt, der ihm einen Auftritt in Anklam zusagt. Im Rahmen der „Noch nicht komplett im Arsch“-Kampagne im Vorfeld der Landtagswahl in MV zieht „der fette Monchi mit seiner Kapelle übers Land und will die Leute bekehren“ und nun macht Marteria auch noch mit. Fett. Die Aufklärungskampagne – ein Kraftakt mit Riesen-Echo. Das Marteria-Konzert in Anklam – legendär. Die Aufnahmen des Finales beim „Wasted in Jarmen“ Open Air – Gänsehaut pur. Das Ergebnis der Landtagswahl 2016 – erwartbar. Trotzdem bleibt Monchi auf volle Power. Er lebt gern in Mecklenburg-Vorpommern, will sein Zuhause nicht den Rechten überlassen und weiter in zehn Minuten am Strand sein, wenn es geht. „Wildes Herz“ ist ein Heimatfilm ohne Pathos, aber mit „Bauch, Kopf, Wut, Verstand, eigener Geschichte und der Geschichte eines Bundeslandes“, wie es in der Laudatio des DEFA-Förderpreises heißt. Nur eine von vier Auszeichnungen, die Hübner & Co. bei der DOK Leipzig in Empfang nehmen durften.

„Wildes Herz“ ist auch eine politische Geschichte über einen widersprüchlichen Typen und ein widersprüchliches Bundesland. Ein Film zwischen Liebeserklärung und Kritik. Ein Film über einen Kämpfer, der erwachsen geworden ist – auch durchs Streiten. „Ich bin allen Menschen dankbar, die in meinem Leben mit mir gestritten haben“, erklärt Monchi nach dem Film. Nur so habe er sich weiterentwickelt, so sei er der geworden, der er heute ist, erklärt der 30-Jährige. „Monchi ist Rock'n'Roll“, sagt Charly Hübner über seinen Protagonisten. „Und jetzt ist definitiv Zeit für Rock'n'Roll.“

 
"Wildes Herz" läuft ab 12. April 2018 in den Kinos. Schon ab 12. Januar gibt es neue Musik von Feine Sahne Fischfilet. Dann erscheint das Album „Sturm & Dreck“.