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Knallhart, eisern, gefürchtet – und doch von der Welt verehrt

Das Bild aus dem Jahr 2005 zeigt Margaret Thatcher so, wie sie vielen in Erinnerung bleiben wird. Die frühere britische Premierministerin war charismatisch, humorvoll und soll sich liebevoll um ihre Nächsten gekümmert haben – doch für die Nachwelt wird sie als „Eiserne Lady” im Gedächtnis bleiben. [KT_CREDIT] FOTOs: dpa/archiv

Von unserem KorrespondentenJochen WittmannMehrere Schlaganfälle und Altersdemenz machten Margaret Thatcher zu einem Schatten ihrer selbst. Zuletzt ging sie ...

Von unserem Korrespondenten
Jochen Wittmann

Mehrere Schlaganfälle und Altersdemenz machten Margaret Thatcher zu einem Schatten ihrer selbst. Zuletzt ging sie nicht einmal mehr aus, nur die Familie und engste Freunde konnten zu ihr vordringen. Nun ist sie im Alter von 87 Jahren gestorben.

london.Margaret Thatcher muss es gehasst haben, in ihren letzten Lebensjahren ans Haus gefesselt zu sein. „Zuhause ist der Ort“, konstatierte sie einst, „wohin man geht, wenn man nichts Besseres zu tun hat.“ Thatcher dagegen zog es immer zum Zentrum der Macht. Elf Jahre lang, länger als jeder ihrer Vorgänger seit 1827, residierte die ehemalige konservative Premierministerin in der Downing Street Number 10. Sie war berühmt für ihre eiserne Energie. Vier Stunden Schlaf pro Nacht hatten ihr zu genügen, musste sie doch eine Mission erfüllen: die Macht der Gewerkschaften beschneiden, wasserköpfige Staatsbetriebe privatisieren, den Arbeitsmarkt deregulieren. Thatcherismus bedeutete nichts weniger als eine konservative Revolution. Nie hat sich Großbritannien so sehr gewandelt wie in ihrer Amtszeit. Das Land wurde de-industrialisert und in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt. Thatcher brach den Bergarbeitstreik in den 80er Jahren – ein Schlag von dem sich die britischen Gewerkschaften bis heute nicht erholt haben. Sie führte einen rigiden Monetarismus in Britannien ein, brachte die Inflation herunter und sanierte die Staatsfinanzen.
Als sie antrat, galt die britische Wirtschaft als „der kranke Mann Europas“. Als sie ging, war die britische Ökonomie das Modell für einen anglo-amerikanischen Kapitalismus, dem die europäischen Nachbarländer nachfolgen sollten. Zu den Kehrseiten gehörte allerdings, dass ihre Reformen zu sozialen Verwerfungen führten, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffneten und die gesellschaftliche Infrastruktur durch finanzielle Ausblutung ruinierten.

Unerbittliche
politische Haltung
Wenn man die Bedeutung eines Politikers an den während der Karriere erworbenen Schimpf- und Spitznamen messen will, dann kann Margaret Thatcher eine kaum zu überbietende Liste aufweisen. Das reicht vom einfachen „Maggie“ bis zur respektvollen „Eisernen Lady“ und schließt – nur unter anderem – ein: „die Führerin“, „Attila, die Henne“, „Sie, der gehorcht werden muss“, „die Zarin“, „die alte Elefantin“ und „Handtaschen-Maggie“. All diese Beinamen beziehen sich auf ihren Führungsstil. „Ich bin“, sagte Thatcher von sich selbst, „außerordentlich geduldig, vorausgesetzt, ich bekomme am Ende meinen Willen.“ Einer ihrer ehemaligen Kabinettskollegen bemerkte dazu: „Sie hält keine Diskussionen ab, sondern teilt ihre Ansicht mit. Sie bemerkt dabei überhaupt nicht, wie sehr sie andere Menschen verletzt. Thatcher selbst, die im Streit erst richtig aufblühte, würde darauf wohl entgegnen, dass man mit Kompromiss und Konsens nichts erreichen kann.“
Und besonders, wenn es um Europa ging, drehte die Politikerin richtig auf. Sie, die während ihrer Amtszeit richtungsweisende europäische Vertragswerke unterschrieb, kämpfte im Ruhestand leidenschaftlich gegen eine weitergehende europäische Integration, die sie als einen Angriff auf die britische Souveränität sah und hinter der sie deutsche Vormachtsgelüste erkennen wollte. Gegenüber dem neuen Deutschland blieb sie nach wie vor skeptisch. Während ihrer Amtszeit hatte sie nachdrücklich versucht, die deutsche Einheit zu verhindern.
1990 wurde Thatcher von ihrem eigenen Kabinett entmachtet und zum Rücktritt gedrängt. Den erzwungenen Ruhestand verbrachte sie damit, ihre Botschaft in die Welt zu tragen. Ihr Terminkalender war vollgepackt mit Vorträgen, die sie für 50 000 Dollar die Stunde hielt. In Zentral- und Osteuropa dozierte sie über die Segnungen einer neoliberalen Marktwirtschaft, in Japan wurde sie als „die weiße Göttin des Unternehmertums“ gefeiert.
Dann machte ihre einst eiserne Konstitution nicht mehr mit. Im Dezember 2001 erlitt sie den ersten einer Reihe von Schlaganfällen und wurde seitdem immer gebrechlicher. Dann kam Altersdemenz hinzu. Zum Schluss war sie an den Ort verbannt, „wohin man geht, wenn man nichts Besseres zu tun hat“.