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Konsul im Schutze des Papierwalls

Alexander Geller als Zauberer Magadoff mit „Sekretärin“ Dorothee Schlemm [KT_CREDIT] FOTO: Jörg Metzner

VonMichael BaumgartlIn Neustrelitz wird das realistische Geschehen um den Konsul mit phantasie- vollen Bildern erzählt.Neustrelitz.Bürokratie errichtet um ...

VonMichael Baumgartl

In Neustrelitz wird das realistische Geschehen um den Konsul mit phantasie- vollen Bildern erzählt.

Neustrelitz.Bürokratie errichtet um die Herrschenden einen Wall aus Papier, der sie vor der Auseinandersetzung mit den Einzelschicksalen schützt. So könnte man ein Fazit ziehen aus der Oper „Der Konsul“ von Gian-Carlo Menotti (1911–2007). Am
Wochenende erlebte das Werk seine Premiere am Landestheater Neustrelitz in der Regie von Operndirektor Wolfgang Lachnitt.
Schon die Bühnenausstattung von Bernd Franke lenkt den Blick in diese Richtung: Vor der realistischen Darstellung eines ärmlichen Zimmers und eines Büro-Warteraums im Stil der vergangenen Jahrhundermitte legt der Bühnenbildner einen Papierwall entlang der Bühnenrampe aus. Im Büro des Konsuls sind die unzähligen Papiere abgegriffen und zerknittert. Dort trifft Magda, deren Mann John wegen seines Eintretens für demokratische Rechte von der Polizei gejagt und auf der Flucht angeschossen wird, auf unterschiedliche Personen, die wie sie auf eine schnelle Ausreise hoffen. Die Italienerin, die die Landessprache nicht versteht, der alte Herr Kofner, der beim Übersetzen hilft, die KZ-Überlebende Anna, die elegante Vera und der Zauberkünstler Nika Magadoff. Kein Schicksal gleicht dem anderen, nur vor der Sekretärin im Büro sind alle gleich. Der Zuschauer muss nach und nach wie die Protagonisten begreifen, dass das Warten vergeblich und der Ausweg scheinbar nur der Tod ist.
Für den US-Amerikaner Menotti war eine Zeitungsnotiz von1947 Anlass, diese Oper zu schaffen. Wolfgang Lachnitt, der bereits als Assistent des Komponisten bei einer Inszenierung der Oper mitgewirkt hat, erzählt die Geschichte mit direktem Zugriff auf das realistische Geschehen, doch auch in phantasievollen Bildern. Man konnte am Premieren-Abend an den ausbleibenden Publikumsreaktionen zunächst nicht ablesen, ob Werk und Inszenierung die Zuschauer erreichen: es herrschte gebannte Stille im Parkett. Das aber schien allgemeine Ergriffenheit zu signalisieren, die sich am Ende in stürmischen Beifall und Bravorufe entlud.
Auf faszinierende Weise gelingt es Alexander Geller, als Zauberer die Tragik magisch aufzubrechen und die Erkenntnis zu vermitteln, dass es gegen Bürokratie keinen Zauber gibt. Den klanglichen und emotionalen Motor für die verwickelten und
dennoch stringenten Vorgänge steuert Dirigentin Romely Pfund am Pult der kammermusikalisch besetzten
Neubrandenburger Philharmonie.

Weitere Vorstellungen
am 3.5., 12.5. und 25.5.