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„Kuckuckseier“ im Stall der Profi-Boxer

VonManfred HönelAuf dem „Ohr Abraham“ hört Box-Manager Ulf Steinforth ziemlich schlecht. Einige neue Gesichter sind in der Magdeburger Faust-kampf-Riege ...

Der Schwergewichts-Profiboxer Francesco Pianeta (links), WM-Herausforderer von Wladimir Klitschko, beim Training. [KT_CREDIT] Foto: B. Wüstneck

VonManfred Hönel

Auf dem „Ohr Abraham“ hört Box-Manager Ulf Steinforth ziemlich schlecht. Einige neue Gesichter sind in der Magdeburger Faust-
kampf-Riege zu erleben.

Magdeburg.Der Kuckuck ist ein schlauer Vogel. Er legt seine Eier zum Ausbrüten in fremde Nester, erspart sich den Nestbau und kann sich trotzdem über Nachwuchs freuen. An diese „Strategie“ wurde man beim Besuch der Profis des Magdeburger SES-Boxstalls im Nobelhotel „Fischland“ auf der Ostsee-Halbinsel Darß erinnert.
Als erstes sahen wir mit Schwergewichtler Michael Wallisch (27) ein neues Gesicht in der SES-Riege. Der Münchner ist Deutscher Meister und kletterte bisher für dem Hamburger Boxstall Caylon in den Ring. Jetzt wechselte er zu SES und fühlt sich wie ein Lottogewinner. Er darf nämlich als Undercard-Kämpfer beim Schwergewichtsgefecht Wladimir Klitschko gegen Francesco Pianetta ran.
„Den Wallisch bauen wir mit seinen 1,96 m zu einem guten Schwergewichtler auf. Der Junge hat Talent und kann richtig gut Boxen“, gibt sich SES-Manager Ulf Steinforth als Optimist. Der Münchner wollte Boxen von der Pike auf lernen. „Deshalb ging ich zur Sporteliteschule nach Chemnitz. Ich boxte dort bei den Junioren und Amateuren. Später studierte ich an der Sprachschule und wurde Europakorrespondent“, verrät Wallisch. In der Zeit des Studiums schränkte er das Boxen etwas ein. Seit 2010 ist er wieder voll da und verspricht: „Ich will auf der Stufe des Deutschen Meisters nicht stehen bleiben und weiter nach oben.“ Ulf Steinforth stört es nur bedingt, dass er keinen großen TV-Sender im Rücken hat. „Wir arbeiten seit acht Jahren mit Sport 1 zusammen. Da hast du nicht das Millionen-Publikum, dafür aber die echten Boxfans vor dem Bildschirm.“ Es fließt auch nicht das große Geld, „aber mit Bescheidenheit lassen sich auch gute sportliche Ergebnisse erzielen“, denkt Steinforth
Außerdem, davon ist der Manager überzeugt, wird sich das amerikanische System auch in Europa durchsetzen. „Du musst gute Boxer anbieten, dann greifen auch die Fernsehsender zu.“ Jan Zaveck hat im März in USA geboxt. Der Slowene aus dem SES-Stall hat zwar verloren, trotzdem erzielte er eine gute Quote und HBO bezhalte ordentlich. Ähnlich ist es beim WM-Kampf zwischen Nathan Cleverly und Robin Krasniqi am kommenden Sonnabend in London.

Pianetta will gegen
Klitschko kein Fallobst sein
Den Vogel schoss Steinforth mit Francesco Pianeta ab. Der Ruhpott-Italiener aus Gelsenkirchen darf in Mannheim gegen Wladimir Klitschko vor einem Millionen-Publikum ran. „Solche Kämpfe sind kein Zufall, dass haben wir uns erarbeitet“, schwärmt Ulf Steinforth nicht ohne einen Anflug von Stolz. In den Medien wird mit Blick auf Pianeta von „Fallobst“ gesprochen. „Na und! Wladimir Klitschko redet bestimmt nicht so. Vielleicht ist es für Francesco auch ein Vorteil, wenn er unterschätzt wird. Powetkin hat zweimal abgesagt, ist doch klar, dass sich Wladimir umorientiert“, erklärt Steinforth. „Bei der ARD weist man auf die guten Quoten der Kämpfe zwischen den Supermittelgewichtlern Arthur Abraham und Robert Stieglitz hin. Robert ist aber unser Boxer, der die Quote mit geholt hat. Wir haben gute Boxer, deshalb bin ich überzeugt, dass wir von den Fernsehsendern auf Dauer nicht übersehen werden“, hofft der SES-Manager.
Die Magdeburger setzen auf jungen Boxer. „Für die 20 Boxer haben wir drei Trainer und stellen jetzt als Cheftrainer Thomas Kühne ein. Wir besitzen ein eigenes Gym, das zu Hundertprozent uns gehört. Wir arbeiten in der Diagnostik mit dem SC Magdeburg zusammen und haben mit Jörg Schmiedendorf einen Mentaltrainer eingestellt, der sich bei Robert Stieglitz schon bewährt hat. Wir wollen professionell und wissenschaftlich für die Zukunft arbeiten und beweisen, dass Boxen in Deutschland keineswegs ein sterbender Sport ist“, leuchten bei diesen Worten Steinforths Augen. Von Boxern wie Moritz Stahl, Denis Rohnert, Felix Lamm oder den bereits erwähnten Michael Wallisch wird man bald hören. Dazu will Christina Hammer Weltmeisterin aller Klassen bei den Frauen werden. Wenn einmal Abwechslung vom Trainingsalltag angesagt ist, dann, freut sich Steinforth, „stehen uns in verschiedenen Nobelhotels wie auf dem Fischland oder mit Binz-Therme auf Rügen und ein, zwei andere Hotels an der Ostsee zur Verfügung“.
Eine große Nummer haben sich die Magdeburger für den Juni ausgedacht. Dann soll der aus Freiburg (Unstrut) stammende Dominic Bösel in der Vorhalle der Rotkäppchen-Sektkellerei um einen Halbschwergewichts-Titel kämpfen.
Das Thema „Dritter Kampf zwischen Stieglitz und Abraham“ schiebt Steinforth bis ans Ende des Gespräches. Auf dem Ohr hört der Magdeburger nämlich schlecht: Ein Revanchekampf zwischen WBO-Weltmeister Robert Stieglitz und Ex-Weltmeister Arthur Abraham: „Ich weiß nicht von welcher Revanche die Rede ist. Die Revanche hat Robert gewonnen. Ich bin nicht gegen einen dritten Kampf zwischen Robert und Arthur. Jetzt macht Robert aber erst einmal zwei oder drei freiwillige Titelverteidigungen, auch um Geld zu verdienen, dann kommt eine Pflichtverteidigung. Und was Arthur betrifft, der muss in zwei oder drei Kämpfen erst einmal beweisen, dass er auf dem Weltmeisterlevel im Supermittelgewicht überhaupt noch konkurrenzfähig ist.“