Aus dem „Tunnel 28“-Film aus dem Jahr 1962: Christine Kaufmann.
Aus dem „Tunnel 28“-Film aus dem Jahr 1962: Christine Kaufmann. MGM
In dem Film „Tunnel 28“, der noch im selben Jahr uraufgeführt wurde, spielte Christine Kaufmann die Hauptroll
In dem Film „Tunnel 28“, der noch im selben Jahr uraufgeführt wurde, spielte Christine Kaufmann die Hauptrolle. MGM
Bruno Becker im Fluchttunnel, an dem er mitgearbeitet hatte. Er war 1962 gerade erst 20 Jahre alt.
Bruno Becker im Fluchttunnel, an dem er mitgearbeitet hatte. Er war 1962 gerade erst 20 Jahre alt. privat
Das Filmplakat von Metro-Goldwyn-Mayer.
Das Filmplakat von Metro-Goldwyn-Mayer. MGM
Flucht aus der DDR

Durch den Tunnel und ab in die Freiheit nach West-Berlin

Einer Mutter mit sechs Kindern stand 1962 die Zwangsumsiedlung bevor. Ein kühner, hochgefährlicher Plan wurde daraufhin in die Tat umgesetzt.
Berlin

Nach dem Mauerbau im August 1961 fühlten sich viele DDR-Bürger eingesperrt. So mancher hegte Fluchtpläne, allein in Berlin wurden bis zur Wende 75 Tunnel gegraben. Die erste große unterirdische Flucht gelang am24. Januar 1962: 28 Menschen krochen unter den Sperranlagen in den Westen.

Klara Becker wohnte mit ihren sechs Kindern seit 1955 in der Oranienburger Straße (heute Oranienburger Chaussee) in Glienicke, nur einen Steinwurf entfernt vom Ortsteil Frohnau im französischen Sektor West-Berlins. Ihr Mann war aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückgekehrt. Um nach dem Mauerbau das Sperrgebiet in unmittelbarer Grenznähe zu verbreitern, sollten alle Häuser in dem Bereich abgerissen und die Bewohner zwangsumgesiedelt werden. „Irgendwann ging es in jeder Unterhaltung nur noch darum, in den Westen zu fliehen“, erinnerte sich Erwin Becker.

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Deshalb schmiedete der gelernte Heizungsmonteur mit seinen jüngeren Brüdern, den damals 20-jährigen Zwillingen Günther und Bruno, einen verwegenen Plan: Sie wollten eine Wand im Keller aufstemmen und einen Schacht Richtung West-Berlin graben. Am 15. Januar 1962 ging es los, die drei meldeten sich in ihren Betrieben krank. Für das Loch in der Kellerwand benötigten sie drei Tage, für das Buddeln des Stollens weitere sechs. Er war lediglich 60 Zentimeter breit, 110 Zentimeter hoch und26 Meter lang. Unterstützung beim Graben erhielten die Brüder von einigen Freunden.

Damit der Baulärm sie nachts nicht verriet, schaufelten sie vor allem tagsüber. Sie gruben mit bloßen Händen, einer Eisenstange und einer Kinderschippe. Den Aushub sammelten sie hinter Bretterverschlägen im Keller. Die Arbeiten im märkischen Sand schritten relativ zügig voran, dennoch drohte der Stollen einzustürzen. Einmal sackte ein Pfahl mitsamt einem Stück des Stacheldrahtzauns auf der darüberliegenden Straße ab. Bevor die patrouillierenden Grenzsoldaten das jedoch bemerkten, konnten die Tunnelbauer den Stahlpfosten wieder stabilisieren.

Zweieinhalb Millionen DDR-Bürger gingen weg

Wären sie entdeckt worden, hätte ihr Weg unweigerlich ins Gefängnis geführt. Laut Paragraf 8 des DDR-Passgesetzes von 1954 konnte ein „ungesetzlicher Grenzübertritt“ mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden, umgangssprachlich hieß das Vergehen „Republikflucht“. Dennoch verspürten nicht wenige DDR-Bürger den Wunsch, aus einem Staat abzuhauen, der keine Freiheit erlaubte. In der Zeit von der Gründung der DDR 1949 bis zum Mauerbau 1961 hatten weit mehr als zweieinhalb Millionen Menschen ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Allein in den ersten sieben Monaten 1961 verließen 200 000 Menschen die DDR.

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Um ein weiteres Ausbluten des Staates zu verhindern, begann die DDR-Führung am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau einer Betonmauer und sicherte die 1378 Kilometer lange innerdeutsche Grenze mit Elektrozäunen, Selbstschussanlagen und Minenfeldern. Die SED ließ rund 1,4 Millionen Minen verlegen, zwischen 1971 und 1984 wurden 55 000 Selbstschussanlagen aufgestellt.

Im DDR-Sprachgebrauch hieß die Mauer „antifaschistischer Schutzwall“. Von 1976 bis 1988 zählte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mehr als 38 000 gescheiterte Fluchtversuche, gegenüber nur gut 5000 geglückten Fluchten von 1961 bis zum Mauerfall. Nach neuesten Erkenntnissen der Bundeszentrale für politische Bildung haben an der innerdeutschen Grenze durch die DDR-Staatsgewalt bis 1989 mindestens 650 Menschen den Tod gefunden.

„Zum Schluss ist uns noch ein Postschacht in die Quere gekommen. Das waren Betonplatten, vermutlich zum Schutz der Fernleitungen von Berlin nach Rostock, die wir unmöglich zerstören konnten. Wir entschlossen uns, oben drüber zu graben, aber dadurch hatten wir nur noch eine Grasnarbe von höchstens zehn Zentimetern“, berichtete Erwin Becker rückblickend über den Tunnel vom Januar 1962. Elektriker Bruno hatte im Gang die Beleuchtung installiert, über einen Schalter in der Wohnung konnten die Tunnelbauer bei Gefahr gewarnt werden. Diese Aufgabe übernahm ihre Schwester Gerda, die vom Küchenfenster aus die Grenzposten beobachtete.

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Am späten Abend des 24. Januar war der Durchbruch fast geschafft. Die Brüder kamen nach oben, um die Familie zu holen. Doch zu ihrer Überraschung warteten in der Küche mehr als 20 Menschen, die meisten waren ihnen unbekannt. Offenbar hatten sie trotz strikter Geheimhaltung von dem Tunnel erfahren und wollten auch in den Westen fliehen. Alle schlichen in den Keller und nacheinander zwängten sich 10 Männer und 18 Frauen durch den Tunnel. Sie waren so leise wie möglich, von oben hörten sie Stimmen und Stiefeltritte der Grenzwachen.

Eine Dreiviertelstundein höchster Gefahr

Bruno robbte als Erster in den Westen, stieg knapp hinter dem letzten Zaun nach oben und klingelte am nächsten Haus. Aber erst eine Dreiviertelstunde später erschienen zwei Lastwagen, um die Flüchtlinge abzuholen. Bis dahin mussten 10 Menschen im Tunnel und weitere17 im Keller vor dem Tunneleingang warten. Schließlich wurden die Flüchtlinge ins Notaufnahmelager Marienfelde gebracht.

Nach der erfolgreichen Flucht flog der Tunnel schnell auf. Eine Frau aus der Wohnung über der Familie Becker informierte schon am nächsten Morgen das MfS über das Verschwinden der Beckers. Volkspolizisten entdeckten den Schachteingang im Keller des Hauses und fluteten den Tunnel. Wie viel Glück die Beckers tatsächlich gehabt hatten, erfuhren sie erst im Nachhinein. Aus Stasi-Akten geht hervor, dass sie schon wenige Stunden nach ihrer Flucht zwangsumgesiedelt werden sollten.

Geschichte der Flucht wurde schnell populär

Was sich in dieser Nacht im Januar 1962 am nördlichen Rand Berlins zugetragen hatte, wurde noch im selben Jahr in einem deutsch-amerikanischen Spielfilm aufgegriffen. Die MGM-Produktion „Tunnel 28“ erzählt die Geschichte der spektakulären Flucht. Christine Kaufmann und Don Murray spielten die Hauptrollen. Gedreht wurde von Mai bis Juli 1962 in Berlin-Tempelhof im Westteil der Stadt. Technischer Berater bei den Dreharbeiten war Erwin Becker: „Das im Film Gezeigte ist soweit alles authentisch“, stellte er fest. Die Uraufführung fand am 22. Oktober 1962 in der Berliner Kongresshalle statt.

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Heute ist nichts mehr zu erkennen vom 26 Meter langen Tunnel der Brüder. Parkbänke vor einem Einkaufszentrum säumen die Straße, an der damals gegraben wurde. Lediglich eine Infostele berichtet über die Flucht, die wegen der 28 Frauen und Männer „Tunnel 28“ genannt wird. Übrigens: Als die Mutter der Becker-Zwillinge aus dem Tunnel stieg und uniformierte Polizisten sah, fiel sie in Ohnmacht. Sie hielt die westlichen Beamten für DDR-Volkspolizisten. Glücklicherweise hatte sie sich geirrt.

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