Das Peenetal – was für eine Kulisse des Wanderkinos vorm Gutshaus Pohnstorf bei Teterow!
Das Peenetal – was für eine Kulisse des Wanderkinos vorm Gutshaus Pohnstorf bei Teterow! Silke Voß
Helga Wagner hat die Kinokirche in Nossentin initiiert.
Helga Wagner hat die Kinokirche in Nossentin initiiert. Voß
Tolle Idee: Stummfilme mit Live-Musik unterm Sternenzelt gibt es mit dem Wanderkino.
Tolle Idee: Stummfilme mit Live-Musik unterm Sternenzelt gibt es mit dem Wanderkino. Tobias Rank
Dorf-Kultur

Die Renaissance des Landkinos

Kino im Klappstuhl, mit Livemusik oder Kulinarischem: Auf dem Dorf weiß man das gesellige Erlebnis des gemeinsamen Filmeguckens zu schätzen – und zwar mehr denn je.
Mecklenburg-Vorpommern

Man sieht es in alten Filmen: bewegte, dahinschmelzende Kinogesichter mit Tränenaugen, beflimmert vom Leinwandgeschehen, bei dem sich in Großaufnahme zwei küssen. Gemeinsam Entrücktsein in eine andere Welt, das geht ganz schnell per Kino: Man muss nur Eintritt an der Kasse zahlen, sich auf den gepolsterten Sperrsitz setzen und los geht die Reise ins Irgendwo. Es scheint, als hätte das Kinoerlebnis Konjunktur in Krisenzeiten wie diesen. Träumen von einer besseren Welt, auch wenn diese nur erträumt ist.

Zehnte Saison in Nossentin

Just das Landkino in besonderem Ambiente erlebt ein Revival – Filme auf Großleinwand, ob in einer Kirche, einem Tanzsaal, auf der Freitreppe eines Gutshauses oder nah am Moor machen das opulente gemeinschaftliche Sehen zum bleibenden Erlebnis in kargen Zeiten von isoliertem Surfen auf kleinen Smartphone-Bildschirmen.

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Gerade erst hat wieder die Nossentiner Kinokirche ihren imaginären Vorhang aufgezogen – zur mittlerweile zehnten Saison. Auch wenn nicht alles Zucker ist, was da unter Auswahl der einstigen Kulturjournalistin Helga Wagner gezeigt wird, sondern vieles auch nah an Leben und Tod, so versüßt sie regelmäßig mit ihrer Mitstreiterin Sigrid Schwarz das Danach: Zur Dekaden-Premiere am 12.  Mai etwa gab es Kanelbullar, also den ganzen Tag eigenhändig gerollte Zimtschneckchen sowie Matjeshappen nach schwedischem Rezept. Denn der Film kam aus Schweden. Das alles für lau beziehungsweise eine Spende.

Nie ohne zum Film passende Leckereien

Helga Wagner möchte das beliebte wie bewährte Konzept gemeinsamen Film- und Kulinarik-Genusses samt Gesprächen beibehalten, auch wenn nicht nur die Lebensmittelpreise, sondern auch die Kosten für Aufführungsrechte der Filme gestiegen sind. Und so flimmern nach einjähriger Coronapause weiterhin jeweils sommers regelmäßig Filmklassiker, aber auch preisgekrönte neuere Streifen jenseits der Blockbusterwelt – wie eben „Alles auf Zucker“.

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Und das in einem Kinosaal, der seinesgleichen sucht: nämlich der klassizistischen Kirche Nossentin. Als das „Wunder von Nossentin“ wurde die Rettung der damals einsturzgefährdeten Kirche unter Schirmherrschaft von Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher bekannt. Das Kirchlein konnte dann für Gläubige und Nichtgläubige bespielt werden, auch mit Konzerten und Kino.

Im Oktober 2012 gründete sich der Verein Kunst und Kinokirche Nossentin. Es folgte ein Krimi um Aufführungsrechte mit Anrufen von Rom bis New York auch bei Produzenten, schildert Helga Wagner. Die Produktionsfirma von „Verlorenes Land“ mit Martina Gedeck stellte eigens für die Kinokirche eine DVD her. Auch das „Archives françaises du film” in der Nähe von Paris wurde kontaktiert, um nach den Rechten für die „Die Karthause von Parma“ zu forschen. Das Team der Kinokirche besitzt diesen spannenden Film noch in deutscher Synchronisation – auch eine Einmaligkeit.

Filme im knallroten Laster

Auch Zuschauerwünsche werden erfüllt, wie „Babettes Fest“ – ein Film mit Entenleber und Wachteln in Cognac mit Trüffeln, mit Kalbszunge in Madeira und Blinis mit Kaviar. Danach gab’s französische Leckereien. Mittlerweile kennt man die Kinokirche, und man kennt sich auch untereinander. Freunde wie Wolfgang Austinat und Günter Lachmann aus Malchow und Röbel schätzen das Schwätzchen im Anschluss. „Wahnsinn, was die Frauen hier immer auf die Beine stellen“, meinen sie. Das Stammpublikum kommt regelmäßig – wenngleich es die an den Sitzbänken seit 200 Jahren empfohlene Rangordnung nach Erbpächtern, Büdnern und ganz hinten Tagelöhnern sowie auf der linken Seite deren Frauen natürlich nicht mehr einhält. Das Sommerprogramm findet sich im Internet auf der Homepage des Kinos.

Das, was wiederum das Wanderkino seit einigen Jahren regelmäßig auch nach MV bringt, hat Kintopp-Qualitäten. Buster Keaton, Charlie Chaplin und Harold Lloyd erfreuen wie seit 100 Jahren schon auch jetzt ihre Fans. In einem knallroten Laster der Marke Deutz, Baujahr 1969 transportiert Tobias Rank Stummfilme, deren mimisch aussagestarken Bilder er mit Live-Musik unter dem Motto „Laster der Nacht“ begleitet. Und so erzählt auch manches, was da flott ratternd über die Leinwand läuft, von leicht lasterhaften Dingen.

Spielorte bieten die herrlichsten Kulissen

Allein die Orte, an denen das „Wanderkino“ seine Leinwand aufbaut, sind filmreif und bieten große Kulisse. Derer hat der ländliche Nordosten schließlich etliche zu bieten: Sei es das Barockschloss Kummerow mit Ausblick auf den mit dem Horizont verschmelzenden See; sei es eine Halbinsel im Moor bei Malchin, darüber die Mauersegler; sei es das Müritzeum in Waren; seien es die Stufen der Gutshäuser Pohnstorf und Bristow in der Mecklenburgischen Schweiz mit glühendem Sonnenuntergang und Sternenkonkurrenz überm Peenetal. In dieser Saison macht der „Laster der Nacht“ Halt bei Malchin, in der Uckermark und vor Burg Klempenow, hier gibt es die exakten Termine.

Dokfilmfeste und regelmäßig Kino sogar mit Ansage gibt’s auch im Dorfhaus Gessin bei Basedow. Besonderen Charme aber hat das Klappstuhlkino für Kenner. Einmal monatlich das ganze Jahr hindurch laden die Malerin und der Klavierbauer Esther und Jan Wüstenberg in den Tanzsaal einer einstigen Gaststätte bei Teterow zum Klappstuhlkino. Man möge seinen „lieben Klappstuhl“ mitbringen, heißt es in den Einladungen. Dann mummeln sich die zahlreich aus sämtlichen Dörfern des Umfelds herbeigeströmten Cineasten in ihre Decken und gucken zusammen deutsche Komödien oder zuletzt Ausnahmestreifen wie Tomas Vinterbergs „Der Rausch“.

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