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Das letzte Mal "Wetten, dass...?"

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7 Gründe, weshalb Markus Lanz uns den Abschied so leicht macht

Ein Interview, das der Zuschauer am besten ganz schnell wieder vergisst: Markus Lanz im Gespräch mit Samuel Koch.
Ein Interview, das der Zuschauer am besten ganz schnell wieder vergisst: Markus Lanz im Gespräch mit Samuel Koch.
David Ebener

Erinnerungen über Erinnerungen an die schönen alten Zeiten. Nach 214 Minuten war „Wetten, dass..?“ endlich unter der Erde. Und der Abschied fiel aus vielerlei Gründen gar nicht schwer.

Keine peinlichen Interviews mehr

Fast drei Stunden harrt der Zuschauer aus, bis Samuel Koch um kurz nach 23 Uhr an diesem Samstagabend mit seinem Rollstuhl auf die Bühne fährt. Das Publikum im Saal erhebt sich, jubelt, klatscht. Es ist die Verneigung vor einem, der sein unbeschwertes Leben für den Fernsehzirkus ließ, für die fünf Minuten Ruhm, für ein bisschen Gaudi vor der TV-Kamera. Der Applaus scheint nicht enden zu wollen. Dem 27-Jährigen stehen die Tränen in den Augen und er weiß nicht so recht, wie er sich verhalten soll.

Das wird hängen bleiben nach fast 34 Jahren „Wetten, dass..?“. Doch, es ist so etwas wie ein Gänsehautmoment. Wenn, ja, wenn nicht dieser lästige Moderator Markus Lanz wäre. Er macht die Situation kaputt. „Komm nach vorne, dass wir Dich alle sehen“. Hat das Lanz gesagt? Hat er das wirklich gesagt? Ja, hat er. Wie kann er nur? Wie ein Dompteur schubst er seine Tiere in die Manege.

Dass der 45-Jährige nicht der Entertainer, der Showmaster (ein Wort, das es im Englischen übrigens gar nicht gibt) ist, den dieses Format dringend benötigte – okay. Jetzt ist eh alles vorbei. Doch Lanz stellen viele Kritiker für seine Interviews gute Zeugnisse aus. Dass er das auch nicht kann, steht spätestens jetzt fest.

Lanz: „Wie geht es Dir in diesem Moment?“

Koch: „Erst mal guten Abend. Irgendwie ein bisschen komisch.“

Lanz: „Hast Du lange überlegt, in diese letzte Sendung zu kommen?“

Koch: „Ja, das habe ich. Als ich beim letzten Mal ging, hatte ich irgendwie einen steifen Hals.“

Lanz völlig wirr: „Du hast offensichtlich nicht nur Deinen Humor verloren. Ich will Dich gar nicht länger quälen. Trotzdem möchte ich Dich fragen: Wie geht’s Dir heute?“

Koch: „Das hast Du schon mal gefragt, gerade. Eigentlich ganz ok. Und selber?“

Wer glaubt, damit erreicht der Fernsehabend seinen Tiefpunkt, muss bei der Frage, ob er, also Koch, in seinem Unfall „etwas Sinnhaftes“ sehe, am besten eine Toilettenpause einlegen.

Für solche Gespräche hält die deutsche Sprache das Wort „fremdschämen“ bereit. Der Zuschauer kann kaum mehr hinhören und kaum mehr hinschauen, wie Lanz Samuel Koch tätschelt und umarmt und ständig anfassen muss zur aufgesetzten Demonstration, was für ein enges Band die beiden verbindet. Angeblich.

Keine lustigeren Gäste mehr als der Moderator

Es ist immer ungeschickt, wenn ein Moderator und somit der Chef im Ring weniger galant, witzig, schlagfertig, charmant und spontan wirkt als seine Gäste. Bei Markus Lanz passierte das mit Regelmäßigkeit. In seiner Abschiedsshow zeigt sich, dass es so unendlich viele andere, bessere Entertainer gegeben hätte, die diesen Karren wieder aus dem Dreck hätten ziehen können. Zum Beispiel Olli Dittrich. Im Zusammenspiel mit Kati Witt witzelt er über Michael Jacksons Auftritt von vor Jahren („Er roch tatsächlich an Plastikblumen und sagte ,hmmm‘„). Welch Witzigkeit, Pep und Wandlungsfähigkeit Dittrich besitzt, zeigt der Einspieler. Er ist Frau, Mann, spricht Österreichisch, beherrscht die leisen und schrillen Töne. Er tut dem Abend gut.

Keine Männerwitze mehr

Thomas Gottschalk warfen die Kritiker immer vor, Altherrenwitze zu machen. Mit Markus Lanz kam der derbe, fiese, frivole, sexistische Männerwitz. Kein Wunder, dass er eine Hälfte des Publikums regelmäßig ausschloss. Bei der Kinderwette lecken Hunde Leberwurst vom Handrücken des kleinen Paul. „Leonardo DiCaprio kann das auch, aber mit 22 Models“, fällt Lanz nichts Besseres ein. Und der unschuldige, kleine Junge wiederholt zur Konzentration, damit er die Hunde besser einordnen kann, immer wieder „Leckt zart“ und „Leckt wild“. Als Zuschauer weiß man nicht mehr, was man denken soll – außer: diese alten, geilen, versauten Säcke. Pfui. Ausgerechnet bei der Kinderwette.

Keine Anekdoten mehr

Ob nun wirklich alle Heranwachsenden diese ZDF-Show immer frisch geduscht und in den dicken Frottee-Bademantel eingewickelt anschauten? Jedenfalls hat es das Publikum bis zum Erbrechen gehört: von Wotan Wilke Möhring und von den Fantastischen Vier. Zuletzt scheint „Wetten, dass..?“ nur noch ein Behältnis für längst vergilbte Erinnerungen gewesen zu sein. Und es blieben eben nur die schönen, tollsten, glamourösesten übrig. Alle anderen verschwanden im Archiv-Giftschrank. Es ging gar nicht mehr um die Sendung. Es wurde ja schon so viele Male von ihr Abschied genommen – nach Frank Elstner, nach Thomas Gottschalk, nach Wolfgang Lippert, nach Samuel Kochs tragischem Unfall, nach Thomas Gottschalk. Und nun nach Markus Lanz. Der überflüssigste Abschied.

Früher war alles besser ...

... zumindest bei „Wetten, dass..?“. Da gab es noch den Thommy, da gab es noch pfiffige Improvisationen, da gab es Skandale, da gab es unvergessliche Auftritte. Markus Lanz muss sich schlecht fühlen, als er einen Gast nach dem anderen zu den Erinnerungen an Deutschlands berühmteste Fernsehshow befragt. Alle nennen Thomas Gottschalk. Keiner zollt Markus Lanz auch nur den kleinsten Respekt. Sie reden sich in Rage, wenn sie von Sarah Connors durchsichtigem Kleid sprechen, von Ursula von der Leyen – unsere heutige Verteidigungsministerin –, die sich von Hollywood-Beau Hugh Jackman auf Händen tragen ließ, von Michael Jacksons bestem Auftritt im deutschen Fernsehen mit seinem „Earth Song“, vom noch dicken Karl Lagerfeld, vom Frauen knutschenden Pierce Brosnan und, und, und.

Hach, was gäbe es noch alles zu erzählen. Aber alles Anekdoten aus der Vor-Lanz-Zeit. Danach gab‘s das alles nicht mehr.

Deshalb zieht und zieht sich dieser Leichenschmaus für „Wetten, dass..?“. Oft mutet der Abend tatsächlich wie eine Beerdigung an. Es herrscht die Meinung vor, dass alles ernst und gediegen sein muss und hie und da blitzen Witze auf, die nur grauenvoll und deplatziert sind.

Keine Überziehungen mehr

Künftig beginnt das „Heute Journal“ wieder heute und nicht erst morgen. Die Sportfreaks müssen nicht ewig warten, bis das „Aktuelle Sportstudio“ anfängt. Markus Lanz verabschiedet sich mit 64 Minuten Verspätung. Damit überbot er aber nicht den Bestwert seines Vorgängers Thomas Gottschalk. Der brachte es einmal auf 73 Minuten. Irre, wenn man bedenkt, dass manche Sendungen im deutschen Fernsehen heute nicht einmal so lange dauern, wie lange die „Wetten, dass..?“-Moderatoren überzogen haben. Aber ist ja jetzt auch alles gegessen!

Hoffentlich geht‘s besser weiter

Das ZDF hat nun von nächstem Jahr an sechs frei gewordene Sendeplätze an den Samstagabenden zu füllen. Eine schwierige Aufgabe, wenn es an formidablen Nachwuchsmoderatoren und noch besseren Formaten hapert. „Es wird nicht das eine Nachfolgeformat geben“, beugt ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler schon einmal zu großen Erwartungen vor. „Wir werden im Frühjahr die ersten neuen Shows auf den Schirm bringen. Neben der großen Game-Show ,Tausend‘, die wir gerade gemeinsam mit der englischen BBC entwickelt haben, entwickeln wir derzeit eine weitere große Familienshow für den Samstagabend.“ Dabei präsentiere Johannes B. Kerner „in opulenten Inszenierungen und modernem Look“ die beliebten Klassiker und neue Trends in einem großen Spieleabend. Also um es deutlich zu sagen: Weil all die alten Formate so erfolgreich sind, verwurschtet man sie zu einer neuen Sendung. Wie einfallsreich. Holla!

Es bleibt also abzuwarten, bis „Einer wird gewinnen“, „Die verflixte 7“, „Vier gegen Willi“, „Nase vorn“ oder „Spiel ohne Grenzen“ wiederbelebt werden. Oder hat eigentlich schon mal jemand an ein Comeback von „Wetten, dass..?“ gedacht? Das wäre mal was ganz Gewagtes.

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