LITERATUR

Aggro-Romantiker in Paris unterwegs

Das Schatten-Werk „Der Spleen von Paris“ von dem Kult-Franzosen Charles Baudelaire bietet einige Überraschungen – zumal in frischer Übersetzung.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Charles Baudelaire: Der Spleen von Paris. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2019
Charles Baudelaire: Der Spleen von Paris. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2019 Rowohlt Verlag
Neubrandenburg.

Er war ein Dandy, ein Aggro-Romantiker, Alkoholiker, Junkie, Satanist, Provokateur, Revoluzzer, Bohémien, ein Freund und treuer Kunde der Prostituierten. Als Charles Baudelaire 1867 mit 46 Jahren in Armut und an den Spätfolgen der Syphilis starb, die er sich schon als junger Kerl eingefangen hatte, war nicht abzusehen, dass er von nächsten Generationen als einer der wichtigsten Dichter Frankreichs und – ob seiner Prosagedichte – als Wegbereiter der literarischen Moderne verehrt werden würde.

Zu Lebzeiten musste Baudelaire nach Publikation des Gedichtbandes „Les Fleurs du Mal“/„Die Blumen des Bösen“ noch einen Strafprozess wegen „Gefährdung der öffentlichen Moral und der guten Sitten sowie der religiösen Moral“ über sich ergehen lassen. Längst ist der Zyklus ein Klassiker. Im ungerechten Schatten des Baudelaire-Markenzeichens befindet sich „Der Spleen von Paris“ – die Sammlung von 50 kurzen Texten firmiert unter „Petits Poèmes en Prose“. Soeben neuverdeutscht erschienen, sollte sie für Uneingeweihte eine literarische Entdeckung sein.

Charles Baudelaire, ein Chamäleon der Erzähler-Perspektiven, ist hier vornehmlich in Paris und also „von Ekel erfüllt“ auf Achse. Im „Gedränge des Boulevards“ gehen seine Gedanken nomadische Wege. („Grässliches Leben!“) Der da vagabundiert, sieht einen Industrie-Moloch wachsen. („Fürchterliche Stadt!“) Erträglicher scheint es ihm in der Finsternis und Einsamkeit der Nacht. Oder in der „Schänke zum Friedhofsblick“, von der aus scharfsinnig Beobachtungen zu machen sind. Hier ist ein Seismograph des Lebensgefühls am Werk. Der Blick in geschlossene Fenster hilft beim Rekonstruieren von Schicksalen, des Anstößigen. Erotik als Ware ist ein Thema, der Poet als Servicekraft ein anderes.

Verdreckte Köter, keine Hunde-Adonisse

„Der Widerschein der Freude des Reichen im Auge des Armen“, das ist, was Baudelaire interessiert. Soziale Misere, Klassenschranken. Wem seine Sympathie gilt: Den „verdreckten Kötern“ mit ihren geschärften Instinkten, nicht den Hunde-Adonissen und „vierbeinigen Gecken“. Gewollt kalt kommt die Geschichte eines Jungen daher, der sich aufhängt, weil ihm droht, in das Elend seines Zuhauses zurück zu müssen.

Typisch Baudelaire: Im „Spleen“-Vorfeld äußert er sich vollmundig über das „Wunder einer poetischen Prosa“, um sich den „lyrischen Regungen der Seele“ anzupassen. Doch was wird serviert – ein Genre-Mix: Anekdoten, Shortstorys, Novellen, Erbauliches, Selbstparodien, Reflexionen. Der Autor pfeift auf eine Hermetik. Einzige Konstante: Man weiß nie, was als Nächstes kommt.

Reizvoll sind zudem frühe Baudelaire-Arbeiten, die den Band vervollständigen. Das Feingefühl für Sprache, ihre Treffsicherheit machen die Lektüre zu einem Genuss. Da steht Edgar Allan Poe Pate, und Franz Kafka hat einen Vorgänger. Es besteht – wie schon bei der 2017er-Ausgabe der „Blumen des Bösen“ – der dringende Verdacht, dass die ohnehin brillanten Texte durch die Neuübersetzung von Simon Werle noch gewonnen haben.

Charles Baudelaire: Der Spleen von Paris. Gedichte in Prosa und frühe Dichtungen. Zweisprachig. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2019. 512 Seiten, 40 Euro, ISBN 978 – 3 – 498 – 00687 – 7.

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