4. NOVEMBER 1989

Als DDR-Bürger ihre Macht demonstrierten

Am 4. November 1989 versammelten sich Hunderttausende zu einer Demo in Ost-Berlin. Mit dabei war auch Nordkurier-Fotograf Thomas Türümülow, der für uns sein Archiv geöffnet hat.
dpa
Carina Göls Carina Göls
Menschenmassen mit Parolen strömten am 4. November 1989 auf den Alex, während das Politbüro noch auf Zeit spiel
Menschenmassen mit Parolen strömten am 4. November 1989 auf den Alex, während das Politbüro noch auf Zeit spielte und den Menschen glauben machen wollte, dass deren Mut nicht viel bringen werde. Der heutige Nordkurier-Fotograf Thomas Türülümow erlebte diese Zeit hautnah und hielt sie in eindringlichen Bildern fest. Thomas Türülümow
„Keine Gewalt“, wie hier um den Lada geschlungen, war auch die Aufschrift auf den Schärpen der freiwilligen O
„Keine Gewalt“, wie hier um den Lada geschlungen, war auch die Aufschrift auf den Schärpen der freiwilligen Ordner bei der Demo. Thomas Türülümow
Die Alexanderplatz-Demonstration gilt als Meilenstein der friedlichen Revolution in der DDR.
Die Alexanderplatz-Demonstration gilt als Meilenstein der friedlichen Revolution in der DDR. Thomas Türülümow
Als die Hoffnung und der Mut die Angst besiegten, immer mehr Menschen sich von der Diktatur befreien wollten und auf die Stra&
Als die Hoffnung und der Mut die Angst besiegten, immer mehr Menschen sich von der Diktatur befreien wollten und auf die Straßen gingen, da war der Mauerfall in der DDR nicht mehr aufzuhalten. Thomas Türülümow
Die Alexanderplatz-Demonstration war die größte nicht staatlich gelenkte Demonstration in der Geschichte der DDR.
Die Alexanderplatz-Demonstration war die größte nicht staatlich gelenkte Demonstration in der Geschichte der DDR. Thomas Türülümow
An der Alexanderplatz-Demonstration nahmen nach Angaben der Veranstalter eine Million Menschen teil. Diese Angabe ist in der F
An der Alexanderplatz-Demonstration nahmen nach Angaben der Veranstalter eine Million Menschen teil. Diese Angabe ist in der Forschung jedoch umstritten. Thomas Türülümow
Die Demonstration fand am 4. November 1989 in Ost-Berlin statt und war die erste offiziell genehmigte Demonstration in der DDR
Die Demonstration fand am 4. November 1989 in Ost-Berlin statt und war die erste offiziell genehmigte Demonstration in der DDR, die nicht vom Machtapparat ausgerichtet wurde. Thomas Türülümow
Die Demonstration und die Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz, die von Mitarbeitern mehrerer Ost-Berliner Theater organ
Die Demonstration und die Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz, die von Mitarbeitern mehrerer Ost-Berliner Theater organisiert wurden, richteten sich gegen Gewalt und für verfassungsmäßige Rechte, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Thomas Türülümow
Schon seit dem frühen Morgen war die gesamte Innenstadt in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik mit Demon
Schon seit dem frühen Morgen war die gesamte Innenstadt in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik mit Demonstranten gefüllt. Thomas Türülümow
Der Verkehr ruhte während der komplett.
Der Verkehr ruhte während der komplett. Thomas Türülümow
Die Initiative für den 4. November auf dem Alex ging vom „Neuen Forum“ aus
Die Initiative für den 4. November auf dem Alex ging vom „Neuen Forum“ aus Thomas Türülümow
Die Demo auf dem Alex blieb friedlich.
Die Demo auf dem Alex blieb friedlich. Thomas Türülümow
Der Berliner SED-Chef Günter Schabowski und der ehemalige Geheimdienstchef Markus Wolf wurden lautstark ausgepfiffen
Der Berliner SED-Chef Günter Schabowski und der ehemalige Geheimdienstchef Markus Wolf wurden lautstark ausgepfiffen Thomas Türülümow
Nicht dabei war Wolf Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher. Obwohl von den Organisatoren eingeladen,
Nicht dabei war Wolf Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher. Obwohl von den Organisatoren eingeladen, wurde ihm am Bahnhof Friedrichstraße die Einreise verweigert. Thomas Türülümow
Die Versuche der SED-FÜhrung, sich als Reformer zu präsentieren, nahmen ihnen die Demonstranten nicht ab.
Die Versuche der SED-FÜhrung, sich als Reformer zu präsentieren, nahmen ihnen die Demonstranten nicht ab. Thomas Türülümow
Bei der Demo gab es mutige und witzige Plakate.
Bei der Demo gab es mutige und witzige Plakate. Thomas Türülümow
Berlin.

Seine Frau blieb an dem Sonnabend mit den zwei Kindern zu Hause. „Man wusste ja nicht, wie sich das entwickelt und ob der Apparat klein beigibt“, erinnert sich Michael Masur. Der älteste Sohn des international bekannten Dirigenten Kurt Masur (gestorben 2015) fuhr an jenem 4. November 1989 zum Alexanderplatz in Ost-Berlin, wie Hunderttausende andere auch. Schätzungen sprechen von fast bis zu einer Million Teilnehmern – der größten Demonstration in der DDR-Geschichte.

„Wir waren so viele“, sagt der 69-Jährige zu dem historischen Tag vor 30 Jahren. „Die Menschen standen dicht an dicht, das war schon beeindruckend.“ Es sei seine Möglichkeit gewesen, „kundzutun, dass man nicht so zufrieden ist“, erzählt der Klavier- und Cembalo-Baumeister. Er sei in der DDR nie zur Wahl gegangen.

Immer mehr Menschen verloren ihre Angst

Schon seit dem frühen Morgen war die gesamte Innenstadt in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik mit Demonstranten gefüllt. Der Verkehr ruhte komplett. Oppositionelle wie Marianne Birthler, der Schauspieler Jan Josef Liefers, die Schriftstellerin Christa Wolf sprachen zu den Massen. Fast 30 Redner traten ans Mikrofon. Es ging um Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Der Machtanspruch der SED wurde infrage gestellt. Der Berliner SED-Chef Günter Schabowski und der ehemalige Geheimdienstchef Markus Wolf wurden lautstark ausgepfiffen. Ihre Versuche, sich als Reformer zu präsentieren, nahmen ihnen die Demonstranten nicht ab. Nicht dabei war Wolf Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher. Obwohl von den Organisatoren eingeladen, wurde ihm am Bahnhof Friedrichstraße die Einreise verweigert.

In ihrem Buch „Halbes Land Ganzes Land Ganzes Leben“ erinnert sich die langjährige Bundesbeauftragte und Leiterin der Behörde für Stasiunterlagen, Marianne Birthler, wie sie in der Nacht zuvor an ihrer Rede gearbeitet habe. Die damals 41-Jährige trat nach Gregor Gysi (der Pfiffe des Publikums kassierte) mit weichen Knien ans Mikrofon und begann mit den Worten: „Wir sind hier, weil wir Hoffnung haben.“ Bei der Demo habe es mutige und witzige Plakate gegeben: „Keine Macht für niemand“, „Rechtssicherheit statt Staatssicherheit“ oder „Fahrräder fürs Politbüro“.

Das Alte galt nicht mehr, das Neue war noch nicht da

Beeindruckend sei es gewesen, dass immer mehr Menschen ihre Angst verloren und auf die Straße gingen, so Birthler. Die Initiative für den 4. November auf dem Alex ging vom „Neuen Forum“ aus, wie Birthler schreibt. Es sei weder darum gegangen, die DDR abzuschaffen, noch darum, sie zu retten. „Es ging um ein besseres, freieres Leben. Das Alte galt nicht mehr, und das Neue war noch nicht da.“

Auch beim damaligen Oppositionellen Tom Sello ist vieles noch präsent. Der heutige Berliner Beauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur meint, bei der Demonstration habe es viel Kreativität gegeben. „Das hat gezeigt, dass Revolution auch Spaß machen kann.“

Und es blieb friedlich. Wie in Leipzig. Dort hatte nur ein paar Wochen zuvor der „Aufruf der Leipziger Sechs“ dazu beigetragen, dass es bei der großen Montagsdemo am 9. Oktober nicht zu Gewalt kam. Kurt Masur hatte den Aufruf für Besonnenheit mitverfasst – gerichtet an die Demonstranten und die Staatsmacht. „Ich war durchweg stolz auf Vati“, sagt Sohn Michael heute. Er wäre damals sehr gern zu der Demo in Leipzig gefahren, habe aber keine Zeit gehabt. Dann habe er das in Berlin nachgeholt, sagt Michael Masur. Zu DDR-Zeiten Leiter der Klavierwerkstatt an der Staatsoper, übernahm Michael Masur 1991 diese nach der Privatisierung. Er repariert und stimmt die Instrumente des Hauses bis heute und denkt noch nicht ans Aufhören. Er betreue auch Privatkunden, mehrere Kirchen und das Staatsballett, so der 69-Jährige.

Blick in die Stasi-Akten ist noch offene Entscheidung

Nachdenklich reflektiert Masur junior über Vergangenheit und Gegenwart. „Die DDR möchten wir nicht zurückhaben.“ Zwar sei das heutige System in vielen Punkten sehr gut – so bei der Krankenversicherung – aber insgesamt nicht perfekt. „Die Schere zwischen Arm und Reich dürfte nicht so riesig sein.“ Er habe sich damals schon gefragt, ob er im Westen bleibe. Es sei fast unwirklich gewesen, auf der anderen Seite des Brandenburger Tores zu stehen.

Für ein halbes Jahr hatte der Dirigenten-Sohn bis zum 30. Juni 1989 in West-Berlin beim Klavierbauer Steinway ein Praktikum machen können – über eine Einladung. Doch Masur hörte von Repressalien gegen die zurückgelassene Familie eines Bratschers, der bei einer West-Konzertreise wegblieb. Das habe er seiner Frau und den Kindern nicht antun wollen. Er habe sich zu DDR-Zeiten nie „einen Kopf gemacht“, dass ihm etwas passieren könne, obwohl er nicht bei den Pionieren war, nicht zur Jugendweihe ging und politische Witze erzählte, resümiert Masur.

Ob er noch in Stasi-Akten einen Blick in die Vergangenheit wirft, wisse er nicht. „Die Entscheidung ist offen.“

Sei Aschenbrödel! - Dein personalisierbares Märchenbuch zum Film!

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Berlin

zur Homepage